Collage: Bismarck-Statue, Rapper Haftbefehl

Die Bismarckstraße in Offenbach soll künftig nach dem Rapper Haftbefehl benannt werden. Das schlägt der Initiator einer Petition vor. Der Grund: Während der eine vom Leben am Main erzählt, hat der andere die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents ermöglicht.

Baba-Haft-Boulevard, Aykut-Anhan-Allee oder ganz schlicht: Haftbefehl-Straße: Die Stadt Offenbach könnte bald einen Straßennamen zu Ehren ihres berühmten Sohns, des Rappers Haftbefehl, bekommen. Das fordert der Initiator einer Petition im Internet, die in anderthalb Wochen immerhin mehr als 530 Unterstützer (Stand: Donnerstagvormittag) gefunden hat. Sein Anliegen, über das zuerst die Frankfurter Rundschau berichtete, ist simpel: Die Bismarckstraße in der Nähe des Hauptbahnhofs muss weg.

Inspiriert von Black-Lives-Matter-Bewegung

"In der ganzen Welt werden dank #BlackLivesMatter Statuen umgeschubst und stolpern ins Wasser", schreibt Felix Sauer zur Einleitung seiner Petition, die sich an Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) richtet. "Endlich wird der Kolonialismus kritisch angegangen und Geschichte neu betrachtet."

In diesem Zusammenhang dürfe eine kritische Betrachtung des "Kriegstreibers" Otto von Bismarck (1815-1898) nicht fehlen. Dieser habe mit der Organisation der Kongo-Konferenz 1884/85 die Kolonialisierung Afrikas und damit das Leid von Millionen Menschen mitzuverantworten. Mit dem Image der "Multi-Kulti-Stadt" Offenbach sei der Name Bismarck heute nicht mehr in Einklang zu bringen.

Haftbefehl, der Held der Anständigen

Haftbefehl, 1985 in Offenbach geboren, hat die Straße (nicht die, auf der Autos fahren) salonfähig gemacht. Die FAZ nannte ihn 2014 zur Veröffentlichung seines hochgelobten Albums "Russisch Roulette" den "Held aller anständigen und sinnsuchenden Mittelstandskinder". Spätestens mit dieser Veröffentlichung wollten alle ein Stück Haftbefehl.

Feuilleton-Schreiber überboten sich gegenseitig in Lobeshymnen, CSU-Jungpolitiker wollten ein bisschen so sein wie der selbsternannte "Babo". Und Aykut Anhan? Blieb sich einfach treu, telefonierte auf Fotos mit seinem Badeschlappen und rappt auf seinem 2020er-Werk DWA ("Das Weiße Album") ganz politically incorrect: Ich schmeiß' hundert Gramm Schnuff in die Luft im Club und schrei': Schlampe, atme ein! / Ich schick' die Nutten druff und sie tanzen auf Kommando Mambo No. 5.

Ministerin lobt Diskussion - OB fordert "breiten Konsens"

Natürlich kommt auch auf dem "Weißen Album" seine Heimatverbundenheit nicht zu kurz. Auf dem Track KMDF rappt Haftbefehl: Plötzlich sprechen alle Kanackisch, Nord, Ost, Süd, West - Ganz Deutschland ist Offenbach am Main.

Im Offenbacher Rathaus kommt das grundsätzlich nicht schlecht an. Soweit, die Petition öffentlich zu unterstützen, geht OB Schwenke aber nicht. Er sei kein "Fan" des ehemaligen Reichskanzlers Bismarck, sagte Schwenke der Frankfurter Rundschau, könne dessen Leistungen aber anerkennen.

Und auch in der Landesregierung begrüßt man die neuerliche Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte: "Ich verstehe das Anliegen, auf verdrängte Aspekte der deutschen Geschichte aufmerksam zu machen und einen Diskurs darüber in der Stadtgesellschaft anzuregen", sagt Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn (Grüne). "Ob das Ergebnis einer solchen Beschäftigung die Umbenennung sein sollte, möchte ich nicht vorwegnehmen und schon gar nicht Ratschläge geben, wie die Straße heißen sollte", fügt die Ministerin an. Für eine Umbenennung der Straße fordert OB Schwenke einen "breiten Konsens".

Haftbefehl oder Erwin Kostedde?

Für einen solchen wirbt übrigens auch der Initiator der Petition. Felix Sauer fordert, alle Offenbacher sollten über einen neuen Straßennamen abstimmen dürfen. Als zweiten Vorschlag nennt er die Erwin-Kostedde-Straße. Kostedde wirkte zwischen 1971 und 1975 in Offenbach, im Gegensatz zu Haftbefehl ließ er aber seine Füße sprechen: Der erste schwarze Nationalspieler Deutschlands schoss in 129 Pflichtspielen 80 Tore für die Offenbacher Kickers und war so beliebt, dass das Fanmagazin "Erwin" zu Ehren des OFC-Rekordtorjägers in der Bundesliga benannt wurde.

Professorin fordert: Gedenken an Bismarck muss hinterfragt werden

Was sowohl gegen eine Kostedde- als auch eine Haftbefehl-Straße spricht, ist eigentlich erstmal eine positive Nachricht: Beide leben noch. In Deutschland und anderen westlichen Demokratien ist es nach dem Zweiten Weltkrieg bis auf wenige Ausnahmen Konsens, Straßen nicht nach lebenden Personen zu benennen. Das hat in erster Linie mit dem diktatorischen Personenkult à la Hitler oder Stalin zu tun.

Das "weitgehend tolerierte Gedenken an Bismarck" müsse in diesem Zusammenhang ebenfalls dringend "problematisiert" werden, sagt die Hamburger Juniorprofessorin für Globalisierung, Franziska Müller, im Interview mit hessenschau.de. Müller, Mitglied der Gruppe "Kassel postkolonial", sagt: "Bismarck wird als kluger, konservativer Staatsmann und Stratege dargestellt, nach dem weiterhin viele Straßen benannt sind. Dabei hat er auch die Kongokonferenz 1884/85 einberufen, wo es darum ging, Afrika aufzuteilen, um dafür zu sorgen, dass Deutschland seinen 'Platz an der Sonne' bekommt."

Reinigung vom Kolonialismus: In Hamburg wurde jüngst diese Bismarck-Statue beschmiert.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.06.2020, 19.30 Uhr

Ihre Kommentare Welche Straßennamen sollten Ihrer Meinung nach geändert werden?

68 Kommentare

  • Haftbefehl ist die 1 chab

  • Es sollten nicht weniger, sondern deutlich MEHR Straßen nach Bismarck, Schweitzer, Goethe, von Wrangel, Wilhelm I. und anderen Helden deutscher Geschichte umbenannt werden.
    Deutschland wurde nicht auf gewaltverherrlichende, rassistische und sexistische "Rapper" errichtet, sondern auf den Leistungen deutscher Geistesgrößen.

    "Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen, wenn er nicht einverstanden ist."

  • Man sollte ihm ein Denkmal setzen in Offenbach und zum Ehrenbürger ernennen !

Alle Kommentare laden