Das abgesperrte Unglücksflugzeug

Knapp zweieinhalb Jahre nach einem tödlichen Flugunglück auf der Wasserkuppe muss sich der Pilot vor Gericht verantworten. Diverse Fehler führten laut Staatsanwaltschaft dazu, dass eine Frau und ihre beiden Kinder starben. Zum Auftakt sagte der Pilot, dass es ihm leid tue.

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Zum Prozessauftakt nach einem Flugunfall mit drei Toten auf der Wasserkuppe hat der angeklagte Pilot den Angehörigen sein tiefes Bedauern ausgedrückt. "Es tut mir wahnsinnig leid", sagte der Mann am Dienstag vor dem Landgericht Fulda. "Ich kann nicht verstehen, wie dieser schlimme Unfall passieren konnte, der so viel Leid gebracht hat." Bis heute denke er täglich an den Unfall und träume nachts davon, sagte der 58-Jährige und war dabei den Tränen nahe.

Sein Anwalt erklärte, sein Mandant würde alles dafür geben, den Flug ungeschehen zu machen. Der Verteidiger sprach von einer "Tragödie". Sein Mandant sei von dem Geschehen "in höchstem Maße getroffen" und wolle versuchen, Aufklärungshilfe zu leisten.

Rund zweieinhalb Jahre nach dem schweren Flugzeugunglück auf Hessens höchstem Berg (950 Meter) geht es bei dem Verfahren am Landgericht um den Verdacht der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Gefährdung des Luftverkehrs. Das Unglück hatte sich am 14. Oktober 2018 auf dem Flugplatz in Gersfeld (Fulda) ereignet.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Prozess nach tödlichem Flugzeugunfall auf der Wasserkuppe

Prozess in Fulda um Flugunfall auf der Wasserkuppe
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Opfer mit laufendem Propeller erwischt

Dem 58 Jahre alten Angeklagten aus Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz wird zur Last gelegt, bei der misslungenen Landung mit seiner einmotorigen Propellermaschine für den Tod einer Frau und ihrer beiden Kinder aus Sinntal-Schwarzenfels (Main-Kinzig) verantwortlich zu sein.

Die Maschine schoss über die Landebahn hinaus, erfasste an einem quer zur Landebahn verlaufenden Gehweg die Frau (39) samt Tochter (12) und Sohn (11) mit noch laufendem Propeller und kam erst einige Meter weiter auf einer Wiese zum Stehen. Die drei Opfer starben noch am Unfallort.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Piloten zahlreiche Fehler vor. Er soll den Flug angetreten haben, obwohl die Maschine zu schwer gewesen sei. Das in Mannheim gestartete Leichtflugzeug vom Typ Cessna 172N war mit drei weiteren Männern besetzt gewesen.

Laut Staatsanwaltschaft hätten Maschine und Insassen nur 1.043 Kilogramm wiegen dürfen. Letztlich sei sie mit mindestens 32 Kilogramm überladen gewesen. Aufgrund der damit verbundenen Leistungseinbußen der Maschine hätte der Pilot nicht fliegen dürfen, wie die Staatsanwaltschaft befand.

Zu hohes Tempo und Gewicht beim Anflug

Der Verteidiger des Angeklagten sagte zum Vorwurf der überladenen Maschine: Sein Mandant sei davon ausgegangen, dass die Zuladung für das Flugzeug voll ausgeschöpft, aber nicht überschritten gewesen sei.

Die Anklage wirft dem Piloten weiter vor: Bei der Landung habe er den Anflug verkürzt und die Landeklappen falsch bedient. Zudem habe er die Maschine mit deutlich überhöhtem Tempo aufgesetzt. Der zu spät unternommene Versuch, die Maschine durchzustarten und wieder abzuheben, endete dann an dem traumhaft schönen Herbstsonntag in einer Katastrophe.

Beinahe wären noch weitere Menschen in Mitleidenschaft gezogen worden. Denn eine weitere Frau und ihr Kind konnten gerade noch zur Seite springen, als die Maschine auf sie zu kam. Die Flugzeuginsassen überstanden den Unfall unverletzt.

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Unfall trotz Erfahrung und Ortskenntnis

Nach Einschätzung des Verteidigers sei der Flugplatz auf der Wasserkuppe wegen der ansteigenden Piste ein schwieriges Terrain. Der Angeklagte sei aber erfahren genug gewesen und sei vor dem Unglück bereits mehrere Male auf Hessens höchstem Berg gelandet.

Der Anwalt erklärte, man mache "es sich vielleicht etwas einfach, wenn man sagt, der Pilot ist an allem schuld". So sei der 58-Jährige der Überzeugung gewesen, alles Notwendige für ein Durchstarten eingeleitet zu haben. Während dieses Manövers gehe es darum, die Anflug- und die Beladungssituation ebenso genau zu klären wie die Windverhältnisse bei der Landung sowie Fragen zur Markierung der Landebahn.

Gersfeld

Wetter unproblematisch

Die Wetterbedingungen waren zum Unfall-Zeitpunkt nach Angaben des Flugplatzes unproblematisch. Eine technische Störung lag an der Maschine nicht vor, wie die Bundesstelle für Flugunfalluntersuchungen (BFU) ermittelt hatte. Technische Mängel hätten zum Beispiel zum Unfallgeschehen beitragen können.

Gutachter gehen davon aus, dass die Flugzeugnase beim wieder Aufsteigen der Maschine die Sicht des Piloten beeinträchtigte. Außerdem hätten entlang der Straße parkende Autos die Sicht auf die Fußgänger verdeckt.

Der Angeklagte zeigte sich vom Unfallgeschehen schwer mitgenommen: Er sei seitdem nicht mehr geflogen und wisse nicht, ob er jemals wieder die Kraft aufbringen könne, die Verantwortung als Pilot zu übernehmen.

Witwer wirkt beim Prozess gefasst

Der Vater der getöteten Familie, der als Nebenkläger am Verfahren teilnimmt, wirkte beim Prozessauftakt gefasst. Sein Anwalt sagt, er sei nicht auf eine hohe Strafe aus, sondern wolle einfach nur wissen, wie es zum Unglück kommen konnte, um es zu verstehen.

Fahrlässige Tötung wird in der Regel mit einer Geldstrafe oder bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft. Bei dem Prozess sind insgesamt neun Verhandlungstage angesetzt. Wenn alles nach Plan läuft, ist am 23. März mit einem Urteil zu rechnen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.03.2021, 19.30 Uhr