Ein Rettungshubschrauber im Einsatz.

Männer haben in Hanau vier Menschen mit Messern verletzt. Die Polizei nahm zwei Verdächtige fest. Bei den Bewohnern der Stadt kehren Erinnerungen an den Anschlag zurück.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Hanau-Reporter: "Gedanken an Anschlag waren da"

Einsatzfahrt eines Krankenwagens in der Nacht
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Als am Dienstagabend stundenlang ein Hubschrauber über der Hanauer Innenstadt kreiste, weckte das bei den Bewohnern schlimme Erinnerungen an den 19. Februar. "Das hat wieder wehgetan", sagte ein Anwohner. Wie viele andere hatte auch er den Helikopter gesehen und das Wummern der Rotoren gehört. In den sozialen Medien verbreiten sich in Sekundenschnelle Bilder vom Einsatz, verbunden mit der Frage: Was passiert jetzt schon wieder in Hanau?

Gegen 22 Uhr waren vier junge Männer kurz hintereinander in der zentralen Notaufnahme im Klinikum Hanau erschienen, teilweise mit Stich- und Schnittverletzungen. Sie wurden laut Polizei von mehreren Unbekannten angegriffen – offenbar unabhängig voneinander an verschiedenen Orten in der Innenstadt. Die Tatorte liegen nur wenige Meter vom Klinikum entfernt.

Einsätze verunsichern Bewohner

Die Polizei startete daraufhin eine Großfahndung. der Hubschrauber mit Wärmebildkamera flog über der Innenstadt, Streifenwagen, auch aus Nachbarkommunen, rasten durch die Straßen. "Wir suchen eine Gruppe von fünf bis sieben Männern", erklärte eine Polizeisprecherin noch am Abend.

Spurensicherung in Hanau

Währenddessen hatten sich in den sozialen Medien längst Gerüchte verbreitet. Mehrere Polizei-Einsätze vom Abend wurden durcheinander geworfen. So hatte gegen 19 Uhr bereits ein Polizeihubschrauber über dem Stadtteil Steinheim gekreist. Ein Passant hatte zuvor Hilfeschreie aus dem Main vernommen. Die Suche verlief laut Polizei aber ergebnislos.

Noch am selben Abend kam es zu einem weiteren Polizeieinsatz wegen Körperverletzung. Weil der Tatort nicht weit entfernt lag von der Stadtmitte, sahen viele einen Zusammenhang, der laut Polizei aber nicht bestand.

"Keine Anhaltspunkte auf politisch motivierte Tat"

Kurz nach Mitternacht brach die Polizei die Fahndung nach den Messerstechern aus der Luft ab, Streifenwagen durchkämmten die Innenstadt aber noch bis tief in die Nacht. Am Morgen vermeldeten die Ermittler dann zwei Festnahmen.

Bei den Tatverdächtigen handelt es sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft Hanau um zwei 23 und 29 Jahre alte Männer aus Syrien. Hinweise auf politische Motive sehen die Ermittler nicht. "Wir haben derzeit keine Anhaltspunkte auf eine fremdenfeindliche, politisch motivierte oder terroristische Tat", sagte Oberstaatsanwalt Dominik Mies. Bei den Verletzten handelt es sich laut Staatsanwaltschaft um zwei Syrer, einen Iraker und einen Albaner.

Ermittlungen wegen versuchten Totschlags

Die beiden festgenommenen Männer seien in Gewahrsam und würden vernommen, berichtete die Polizei. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchten Totschlags. Wann die Festgenommenen einem Haftrichter vorgeführt werden, war am Mittwochnachmittag noch unklar.

"Wir gehen davon aus, dass es sich um zwei Gruppierungen handelt, die aufeinandergetroffen sind und sich gegenseitig verletzt haben", sagte Oberstaatsanwalt Mies dem hr. "Die Gruppierungen waren wohl bewaffnet mit Messern und Schlagwerkzeugen." Ungewiss ist, ob sich Täter und Opfer kannten oder es ein zufälliges Zusammentreffen war. Klar sei hingegen, dass keine der Gruppen marodierend durch die City zog, um wahllos Passanten zu attackieren, betonte Mies. Auch Hinweise auf einen Zusammenhang mit dem Anschlag vom 19. Februar gebe es keine.

Die Stadt kommt nicht zur Ruhe

Dennoch sitzt der Schock tief bei den Hanauern. "Ich finde es erschreckend, dass die Gewalt nicht nachlässt", sagen sie. Oder: "So etwas gab es früher nicht. Wir kennen uns doch alle, sind Freunde." Sätze, die man auch unmittelbar nach dem Anschlag im Februar zu hören bekam.

Hanau war am im Februar von einem Anschlag erschüttert worden. Tobias R. erschoss neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Weitere Menschen wurden verletzt. Später wurden der 43-Jährige und seine Mutter tot in ihrer Wohnung gefunden. Vor der Tat hatte er Pamphlete und Videos mit abstrusen Verschwörungstheorien und rassistischen Ansichten im Internet veröffentlicht. Die rassistische Tat sorgte weltweit für Bestürzung.

Sendung: hr-iNFO, 29.04.2020, 12.20 Uhr