Shérif Korodowou

Seit 25 Jahren lebt der Übersetzer Shérif Korodowou in Marburg. Unzählige Male sei er seitdem in Polizeikontrollen geraten, sagt der gebürtige Togoer. Steckt dahinter Racial Profiling? Die Opferberatungsstelle Response fordert mehr Aufklärung - für Betroffene und Polizisten.

"Bitte Personalausweis zeigen!" Shérif Korodowou kann gar nicht zählen, wie oft er diesen Satz schon ohne erkennbaren Grund von deutschen Polizisten gehört hat. Seit 25 Jahren lebt der gebürtige Togoer in Marburg. Er erzählt: Besonders als junger Mann sei ihm das regelmäßig passiert, vor allem, wenn er mit anderen Schwarzen in Gruppen unterwegs gewesen sei oder sich etwa an Bahnhöfen aufgehalten habe.

Um solche für ihn unangenehmen Begegnungen mit der Polizei zu vermeiden, habe er auch schon bewusst Orte vermieden, erzählt Korodowou, der als Übersetzer und Trainer für Konfliktberatung in Marburg arbeitet. Einmal habe er sich sogar nachts vor einem vorbeifahrenden Polizeiauto versteckt – und das, obwohl er nichts verbrochen und alle Dokumente parat hatte. Erst später, als er mit deutschen Freunden darüber sprach, habe er gemerkt, wie ungewöhnlich so ein Verhalten eigentlich sei.

Das was Korodowou und andere Betroffenen berichten, findet offiziell nicht statt: Racial Profiling. Gemeint ist der Vorwurf, dass Menschen nur wegen ethnischer Merkmale und ohne nachvollziehbaren Grund von der Polizei kontrolliert werden. Racial Profiling gilt als diskriminierend und ist in Deutschland offiziell verboten. Dennoch sagen Betroffene, dass es ihnen immer wieder passiert.

Betroffener: "Sie sehen aus, als wären Sie auf Drogen"

Das Gefühl, nur kontrolliert zu werden, weil man eine dunkle Hautfarbe hat – auch der Student Robert, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, kennt das. Zwei Mal sei ihm das bisher passiert: Einmal in Frankfurt und zuletzt vor ein paar Monaten in Marburg. Robert erzählt: Nachdem sich plötzlich auf der Straße ein Polizist vor ihn gestellt und nach seinem Ausweis gefragt habe, habe er zuerst zurückgefragt: Warum denn? "Der Polizist hat dann gesagt, dass ich aussehe, als wäre ich auf Drogen."

Völlig absurd sei ihm dieser Vorwurf vorgekommen und das habe er dem Beamten dann auch so gesagt, berichtet Robert weiter. "Wie kommt er denn auf so etwas, ohne mit mir vorher gesprochen zu haben? Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben Drogen genommen und wollte einfach nur zum Bus." Der Polizist habe ihn daraufhin kommentarlos gehen lassen, ohne seinen Ausweis noch mal sehen zu wollen. Robert ist immer noch wütend darüber: "Wenn jetzt ein Schwarzer gesucht wird, der irgendeinen ermordet hat, könnte ich das ja verstehen. Aber dieser Polizist hat ja überhaupt keinen wirklichen Grund gehabt."

Hessische Polizei: Es findet kein Racial Profiling statt

Racial Profiling gilt als verboten, wenn es auch bisher keine offizielle Definition davon gibt, was eigentlich genau darunter fällt. Ein Sprecher des Innenministeriums erklärt: "Die Hautfarbe eines Menschen darf bei der täglichen Polizeiarbeit nur bei gezielten Personenfahndungen oder Ermittlungen eine Rolle spielen, ähnlich wie Alter, Geschlecht oder Körpergröße."

Betroffene fühlen sich aber vor allem bei sogenannten "anlasslosen Personenkontrollen" diskriminiert. Dass dabei Racial Profiling stattfindet, verneint das Innenministerium. Ein Sprecher sagte, es würden nicht verstärkt bestimmte Personen kontrolliert, sondern es werde verstärkt an bestimmten Orten kontrolliert - etwa an bekannten Treffpunkten von Kriminellen, der Drogenszene oder Orten, an denen aufgrund "tatsächlicher Anhaltspunkte" anzunehmen sei, dass sich dort Personen ohne erforderlichen Aufenthaltstitel treffen. Aufgrund anhaltender Rassismusvorwürfe gegen die Polizei sprach Hessens Innenminister Peter Beuth noch im März von "Einzelfällen".

Unklare Faktenlage: Wie oft passiert das tatsächlich?

Tatsächlich gibt es derzeit zwar eine Vielzahl von Einzelberichten und laute Proteste auf der Straße, aber keine belastbaren Zahlen darüber, wie oft Racial Profiling in Deutschland tatsächlich passiert. Eine repräsentative Studie im Auftrag einer EU-Expertenkommission aus dem Jahr 2017 zeigte jedoch: 14 Prozent der schwarzen Menschen in Deutschland hatten in den vorangegangenen fünf Jahren so etwas wie Racial Profiling erlebt.

Kritik gibt es auch seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen, die bemängeln, dass Deutschland sich nicht genug mit dem Problem auseinandersetzt. Amnesty International fordert zum Beispiel unabhängige Beschwerdestellen und bemängelt, dass mutmaßliche rassistische Kontrollen der Polizei bei der Polizei selbst zur Anzeige gebracht werden müssen. Das halte viele Betroffene davon ab, sich zu wehren.

Die Bundesregierung plant derzeit erstmals eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema Racial Profiling und zu möglichen rassistischen Tendenzen in der Polizei. Wie die Bundesministerien für Inneres und Justiz mitteilten, sei man derzeit noch dabei, die Studie zu entwerfen.

Opferberatungsstelle: "Im Moment werden Chancen verpasst"

Auch Roman Jeltsch von der in Frankfurt ansässigen Beratungsstelle "Response" für Opfer von rechter Gewalt hofft auf belastbare Zahlen. Aus der Beratungspraxis kenne man das Problem schon seit Jahren, jetzt sehe man die Wut auf der Straße. Jeltsch fordert mehr Aufklärung, sowohl für Beamte als auch Betroffene, die oft gar nicht die Rechtslage kennen würden und nicht wüssten, an wen sie sich nach solchen Vorfällen wenden können.

Betroffenen rät er, nach dem Grund von Kontrollen zu fragen. Man könne auch Dienstnummern erfragen oder umstehende Menschen als Zeugen um ihre Telefonnummern bitten. Die Frage, ob man vermeintlich rassistische Polizeikontrollen auch filmen und dann eventuell sogar veröffentliche dürfe, sei umstritten, so Jeltsch. Es gebe ja auch für Beamte das Recht am eigenen Bild.

Jeltsch ist der Meinung: Es brauche dringend einen offeneren Diskus. Weil von Seiten der Polizei immer wieder ein "Generalverdacht" abgewehrt würde und die Rede von "Einzelfällen" sei, würden im Moment leider viele Chancen verpasst, so Jeltsch: für eine Diskussion, kritische Analyse und letztlich auch Professionalisierung der Polizei. Es gehe nicht darum, allen Beamten Rassismus zu unterstellen, sondern sich kleinteilig mit dem Thema auseinanderzusetzen und Betroffene ernst zu nehmen.

Psychologe: Es hat sich vermutlich ein Automatismus entwickelt

Auch der Marburger Sozialpsychologe Professor Ulrich Wagner hat sich mit Racial Profiling in Deutschland befasst. Ihm ist wichtig, in dem Kontext klarzustellen, dass die Verhältnisse in Deutschland nicht vergleichbar seien mit denen in den USA. Auch Wagner würde nicht grundsätzlich sagen, dass die Polizei in Deutschland rassistisch ist. "Aber es gibt Gewohnheiten, die man sich anschauen muss – und es gibt natürlich auch einzelne Rassisten bei der Polizei, genauso wie es sie woanders gibt."

Die Gründe, warum mutmaßlich rassistischen Kontrollen passieren, seien unterschiedlich. "Ich denke in Einzelfällen gehen Polizisten davon aus, dass dunkelhäutige Menschen sehr viel häufiger straffällig sind, als andere, so dass das aus ihrer Sicht effektiv ist - was es nicht ist", sagte Wagner. Angesichts der Häufigkeit, mit der Schwarze Männer tatsächlich Straftaten begehen, kombiniert mit der Wahrscheinlichkeit, bei anlassloser Kontrolle einen Straftäter zu erwischen, würden solche Kontrollen aus kriminologischer Sicht gar keinen Sinn ergeben.

Wagner befürchte allerdings, dass sich bei manchen Polizisten inzwischen eine Art Automatismus entwickelt habe, bei dem gar nicht mehr viel darüber nachgedacht wird. Für die Betroffenen seien diese Vorfälle aber umso belastender, besonders wenn sie immer wieder passieren. Solche selektiven Maßnahmen könnte zudem zu weiterer gesellschaftlicher Ausgrenzung führen und Vorurteile verstärken, so Wagner: "Wenn die Mitreisenden im Zug merken, dass immer wieder Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrolliert werden, dann glauben sie: Da muss ja was dahinter stecken."

"Ich wünsche mir offeneren Diskurs - ohne Abwehrhaltung"

Shérif Korodowou wünscht sich vor allem einen offeneren Diskus, bei dem nicht sofort Abwehrhaltungen eingenommen werden. Auch er hält nicht alle Polizisten für Rassisten, sondern spricht immer wieder von strukturellen Problemen, die angegangen werden müssen. Korodowou arbeitet auch als Berater und Referent zu Rassismusthemen, auch bei der Polizei gibt er Workshops. "Beruflich habe ich das Gefühl, dass ich geschätzt werde und die Kooperation gut läuft", sagt er.

Etwas sehr Eindrückliches sei ihm mal einigen Jahren zuvor in Fulda passiert: Er sei als Referent im Polizeipräsidium eingeladen gewesen. Es sei alles gut gelaufen. Aber ein paar Tage später sei er dann noch mal privat nach Fulda gefahren, dieses Mal mit einer Gruppe Freunde. " Und Zack, am Bahnhof sind wir direkt kontrolliert worden."

Sendung: hr-iNFO, 22.6.2020, 12.20 Uhr