Die Angeklagte steht in einem Gerichtssaal neben ihrem Verteidiger Tronje Döhmer (r).

Rund ein halbes Jahr nach den Protesten gegen den A49-Ausbau hat am Dienstag in Alsfeld der erste Prozess gegen eine Aktivistin begonnen. Die Angeklagte soll zwei Polizisten getreten haben. Weil sie ihren Namen nicht nennt, sitzt sie seit Monaten in Untersuchungshaft.

Videobeitrag

Video

zum Video Prozess gegen namenlose Baumbesetzerin

hessenschau von 16:45 Uhr vom 25.05.2021
Ende des Videobeitrags

Vor dem Amtsgericht Alsfeld muss sich seit Dienstag eine Frau verantworten, die sich an den Protesten im Dannenröder Forst im vergangenen Herbst beteiligt hatte. Sie soll sich gegen die Räumung des Camps "Nirgendwo" gewehrt haben und dabei auf einer Seiltraverse in rund 15 Metern Höhe einem Polizisten mehrmals gegen den Kopf getreten haben. Einem weiteren Beamten soll die Frau ihr Knie ins Gesicht gestoßen haben. Die beiden Polizisten waren bei der Räumung des Waldstücks im Einsatz.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihr zunächst versuchte Tötung vorgeworfen, inzwischen lautet der Vorwurf auf gefährliche Körperverletzung und tätlichen Angriff auf Vollstreckungsbeamte.

Identität immer noch unklar

Nach dem Vorfall am 26. November war die Frau festgenommen worden, seitdem sitzt sie in Untersuchungshaft. Bei gefährlicher Körperverletzung ist das unüblich, doch das Gericht befürchtete, dass sie flüchten könne. Denn die Frau hatte sich geweigert, ihren Namen preiszugeben. Papiere hatte sie bei ihrer Festnahme nicht dabei, auch ihre Fingerabdrücke halfen den Ermittlern nicht weiter.

Solange der Wohnsitz der Frau unbekannt bleibe, müsse das Gericht davon ausgehen, dass Fluchtgefahr bestehe, hatte der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger Ende März erklärt. Auch nach Monaten in Haft blieb die Frau hartnäckig. Auch am Dienstag machte sie einem Gerichtssprecher zufolge keine Angaben zu ihrer Person.

Proteste vor Gerichtsgebäude

Der Auftakt wurde begleitet von Protesten von Umwelt- und Klimaschützern. Vor dem Gerichtsgebäude harrten sie mit Transparenten mit Aufschriften wie "Klimaschutz ist kein Verbrechen! Ihr seid die Verbrecher" aus und skandierten "Freiheit für Ella". Ob das ihr wirklicher Name ist, ist freilich nicht bekannt. Die Polizei sprach von rund 40 Teilnehmern bei der Demonstration.

Rund ein Dutzend Menschen steht auf einer abgesperrten Straße, davor ein Transparent mit der Aufschrift "Wir werden uns bald schon wiedersehen - dies ist ein Widerstand"

Anwalt rechnet mit milder Strafe

Es ist der erste größere Strafprozess rund um die Proteste gegen das Verkehrsprojekt. Der Angeklagten droht eine Freiheitsstrafe von mindestens sechs Monaten. Bei gefährlicher Körperverletzung sind nach Auskunft der Staatsanwaltschaft sogar bis zu zehn Jahren Haft möglich.

Ihr Anwalt geht allerdings nicht davon aus, dass es zu einem so hohen Strafmaß kommen wird, wie er gegenüber dem hr Ende März erklärte. "Wenn überhaupt mit einer Freiheitsstrafe zu rechnen ist, dann gehe ich davon aus, dass sie die Strafe bereits zu zwei Dritteln abgesessen hat", hatte er auf Anfrage erklärt. Bei der Räumung seien außerdem "sämtliche Richtlinien außer Acht gelassen" und Menschen in Lebensgefahr gebracht worden. All dies müsse das Gericht strafmildernd berücksichtigen

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Prozess gegen A49-Ausbaugegnerin startet

Zwei Polizisten führen eine Aktivistin ab.
Ende des Audiobeitrags

Ursprünglich hatten zwei weitere Wahlverteidiger an dem Prozess teilnehmen wollen, darunter der bekannte Umweltaktivist Jörg Bergstedt. Sie waren aber abgelehnt worden. Beschwerden dagegen lehnte der Vorsitzende Richter zum Prozessbeginn unter anderem mit der Begründung ab, es bestünden "erhebliche Zweifel an der Vertrauenswürdigkeit". Für den Prozess sind zunächst Termine bis Mitte Juni angesetzt.

Umstrittener A49-Ausbau

Im Dannenröder Forst nahe Homberg/Ohm sowie im nahe gelegenen Maulbacher Wald (beide Vogelsberg) und im Herrenwald bei Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) waren Bäume für den Weiterbau der Autobahn gefällt worden.

Dagegen protestierten Umwelt- und Klimaschützer, die vor allem im Dannenröder Forst Baumhäuser und zahlreiche Barrikaden errichteten. Diese wurden im vergangenen Herbst schrittweise von der Polizei geräumt. Dabei kam es auch immer wieder zu Zwischenfällen. Die A49 soll einmal Kassel und Gießen direkter miteinander verbinden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 25.05.2021, 16.45 Uhr