eine Person sitzt vor zwei Computer-Bildschirmen im Dunkeln

Ein junger Hacker, der massenhaft sensible Daten von Prominenten und Politikern gesammelt und veröffentlicht hatte, ist zu einer Jugendstrafe von neun Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Der 22-Jährige hatte vor dem Amtsgericht Alsfeld ein Geständnis abgelegt.

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Er wohnte zur Tatzeit noch bei den Eltern und startete seine Online-Attacken als Schüler aus dem Kinderzimmer. Nun musste sich ein junger Hacker vor Gericht stellen: Wegen eines massiven Cyber-Angriffs auf mehr als 1.000 Politiker und Prominente begann am Mittwochmorgen die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht in Alsfeld (Vogelsberg).

Das Gericht machte kurzen Prozess und verurteilte den geständigen Täter zu einer Jugendstrafe von neun Monaten. Die Strafe ist für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt.

Der 22-jährige Mann aus Homberg (Ohm) sagte zum Prozess-Auftakt aus und räumte die Taten in vollem Umfang ein, wie Oberstaatsanwalt Benjamin Krause von der Frankfurter Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität (ZIT) mitteilte. Laut Anklage soll der Computer-Freak private Daten erbeutet und diese dann im Netz veröffentlicht haben.

Ausmaß größer als angenommen

Das Ausmaß soll größer gewesen sein als bisher bekannt gegeben worden war: Im Vorfeld der Verhandlung war von 1.000 Opfern die Rede. Am Mittwoch ging die Staatsanwaltschaft sogar von rund 1.500 Geschädigten aus.

Der Fall sorgte 2019 bundesweit für Aufsehen. Betroffen waren unter anderem mehrere Bundestagsabgeordnete, etwa Grünen-Parteichef Robert Habeck. Auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war ein Datensatz aufgetaucht - mit Faxnummer und einer E-Mail-Adresse. Bereits nach seiner vorläufigen Festnahme hatte der Datensammler die Taten gestanden. Seine Erklärung: Er habe aus Ärger über Politiker und Prominente gehandelt. Auch Moderator Jan Böhmermann stand auf seiner Ausspähliste.

Den Ermittlern fiel auf: Sämtliche Politiker, deren Daten er offensichtlich missbrauchte, gehörten nicht zur rechtslastigen AfD. Es waren nämlich vor allem Politiker von CDU, SPD, Grünen und der Linken. Dennoch sagte Oberstaatsanwalt Krause: Eine politische Motivation sei nicht festzustellen.

Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Blick in den Gerichtssaal in Alsfeld

Der Prozess fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Denn der Angeklagte war zur Tatzeit noch ein Jugendlicher beziehungsweise Heranwachsender. Um ihn zu schützen, verbot das Gericht Ton- und Bildaufnahmen im Gerichtsgebäude. Den für kommende Woche als Fortsetzung anberaumten Termin brauchte das Gericht aufgrund des zügigen Urteils nicht mehr.

Die Vorwürfe gegen den Computer-Freak waren umfangreich. Die Frankfurter Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität listete einige Tatbestände auf, auf die das Gericht im Urteil einging: Verurteilt wurde er in 73 Fällen wegen Ausspähens von Daten in Tateinheit mit Datenveränderung, in drei Fällen wegen des Vorbereitens des Ausspähens von Daten, in sechs Fällen wegen der Fälschung beweiserheblicher Daten, in drei Fällen wegen des Vortäuschens einer Straftat, in zwei Fällen wegen falscher Verdächtigung, sowie in neun Fällen wegen Datenhehlerei, des Verstoßes gegen das Datenschutzgesetz und versuchter Erpressung. Das Urteil ist rechtskräftig.

Kreditkarten-Daten, Adressen und Fotos erbeutet

Laut Anklage fing er bereits im August 2015 damit an. Demnach gelangte er über die Rücksetzfunktion von E-Mail-Postfächern und Online-Profilen an Passwörter. In anderen Fällen soll er bereits gestohlene Daten auf einer illegalen Hacker-Webseite gekauft haben. Dann änderte er die Passwörter, um die Opfer auszusperren. Seine Beute: Adressen, Kreditkarten-Daten, Telefonnummern, Fotos und Korrespondenz.

Zwei Hände auf Tastatur am Rechner

Der Angeklagte musste für seinen virtuellen Beutezüge nicht mal meisterhafte Hacker-Fähigkeiten beweisen. Er ging clever und auch überzeugend vor. Denn er rief etwa bei Mail-Providern an, gab sich als Geschädigter aus und konnte sich zu Accounts dadurch Zugang verschaffen. Er sammelte jede Menge Daten, die sich mit etwas Kenntnis im Netz finden ließen. Oberstaatsanwalt Krause sagte, der Angeklagte sei durch durch Fleiß und Ausprobieren an das sensible Material Daten gelangt. "Es war offensichtlich so, dass der Angeklagte keine besonderen technische Kenntnisse hatte und angewendet hat."

In einer Art digitalem "Adventskalender" bei Twitter stellte der Angeklagte im Dezember 2018 täglich neue Daten von Politikern, Journalisten, Rappern, YouTube-Stars und anderen Promis online. Zunächst nahm davon kaum jemand Notiz.

Erpressung von Bundestagsabgeordneten

Der große Knall kam im Januar, Medien berichteten bundesweit. Die Ermittler nahmen seine Spur auf. Der Schüler versuchte noch, Daten zu vernichten. Dann wurde er festgenommen. Bei seiner Vernehmung sagte er laut Bundeskriminalamt: Er habe Menschen "bloßstellen" wollen, über deren öffentliche Äußerungen er sich geärgert habe. Nach der Festnahme kooperierte er mit den Ermittlern und führte sie sogar zu seinen entsorgten Festplatten.

Weitere Informationen

Doxxing

Beim sogenannten "Doxxing" geht es Tätern vor allem darum, den Schutz der Privatsphäre zu verletzen und möglichst viele personenbezogene und vertrauliche Daten zugänglich zu machen.

Ende der weiteren Informationen

Doch der Daten-Diebstahl war nicht alles. Dem Angeklagten wurden laut Anklage weitere Vorwürfe angelastet. Er sollte sechs Bundestagsabgeordnete erpresst haben. Er drohte demnach mit der Veröffentlichung von Informationen und verlangte je einen Betrag von rund 900 Euro in der Kryptowährung Bitcoin. In drei Fällen sollte er außerdem per Mail angeblich bevorstehende Bombenanschläge und Amokläufe vorgetäuscht haben.

Oberstaatsanwalt Krause sagte, es handele sich um ein "sehr wichtiges Verfahren". Es sei sehr umfangreich. Die Akten umfassten mittlerweile über 70 Ordner, über 400 Ermittlungsverfahren aus dem ganzen Bundesgebiet seien zusammengezogen worden. In Bezug auf die Veröffentlichung der ausgespähten Daten erhoffe man sich zudem eine Rechtsprechung, die auch für ähnliche Fälle Bedeutung habe.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.09.2020, 19.30 Uhr