Fünf mutmaßliche, unter anderem wegen Zwangsprostitution angeklagte Bordellbetreiber haben ihre Gesichter verdeckt und sitzen mit ihren Anwälten auf den Anklagebänken.
Fünf mutmaßliche, unter anderem wegen Zwangsprostitution angeklagte Bordellbetreiber haben ihre Gesichter verdeckt und sitzen mit ihren Anwälten auf den Anklagebänken. Bild © picture-alliance/dpa

Fünf mutmaßliche Bordellbetreiber müssen sich seit Dienstag vor dem Landgericht Hanau verantworten. Sie sollen ein Prostitutions-Netzwerk mit Transsexuellen und Frauen aus Thailand aufgebaut haben.

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Angeklagt sind fünf mutmaßliche Bordellbetreiber, vier thailändische Frauen und ein Deutscher im Alter zwischen 49 und 63 Jahren. Als sie am Dienstagmorgen im Hanauer Landgericht, von viel Presse begleitet, den Gerichtssaal betraten, verbargen sie ihre Gesichter und hielten sich Aktenordner oder Mappen vor den Kopf.

Als Hauptbeschuldigte gelten ein 63-Jähriger und eine 60-Jährige - ein ehemaliges, deutsch-thailändisches Paar aus Siegen (Nordrhein-Westfalen), das dort drei Bordelle betrieb. Gemeinsam mit den anderen Angeklagten und weiteren, gesondert verfolgten Mittätern, sollen sie die Sexarbeiterinnen per Flugzeug und mit Touristen-Visa nach Deutschland eingeschleust haben. Unter anderen handelte es sich laut Anklage um Männer, die sich einer Geschlechtsumwandlung zur Frau unterzogen hatten.

Bordelle auch in Maintal, Rodgau und Gießen

Die Prostituierten arbeiteten laut Anklage in Bordellen zunächst in Siegen und dann in einem Rotationsverfahren bundesweit an weiteren Orten, darunter Maintal (Main-Kinzig), Rodgau (Offenbach) und Gießen, Rastatt (Baden-Württemberg), Speyer (Rheinland-Pfalz), Saarbrücken, Hannover, Bremen und Gotha. Nachdem sie Wochen oder Monate in einem meist als Massagesalon getarnten Etablissement tätig waren, wurden sie weitergeschickt.

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Heike Borufka

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Gerichtsreporterin Heike Borufka: "Den Opfern schreckliche Sachen angetan"

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In den Bordellen wurde ihnen laut Staatsanwaltschaft der Reisepass abgenommen. Meist seien sie eingesperrt worden, hätten das Gebäude nicht verlassen dürfen und unter Zwang anschaffen müssen. Teilweise seien sie geschlagen oder mit dem Tode bedroht worden.

Körperlicher und seelischer Druck

Neben physischem sei auch psychischer Druck ausgeübt worden. Es sei ihnen auch angedroht worden, dass ihren Angehörigen Schlimmes widerfahre. Einige seien auch zum Sex ohne Kondom gezwungen worden. Ihre Einnahmen hätten sie abgeben müssen, um die Schleuserkosten abzuarbeiten. Zwischen 15.000 und 23.000 Euro seien von ihnen verlangt worden, zuweilen bis zu 36.000 Euro.

Bevor es dazu kam, wurden sie in Thailand gezielt angeworben, um der Prostitution nachzugehen, wie Kathrin Rudelt, Anklagevertreterin der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, erklärte. Schon in Thailand sollen Fotos von ihnen gemacht worden sein, um sie schnellstmöglich auf einschlägigen Internetseiten anzubieten. Die Flugreise sei etwa nach Zürich, Paris oder Düsseldorf gegangen und von dort aus weiter in die ersten Bordelle.

Vorgeworfen wird den Angeklagten Zwangsprostitution, gewerbs- und bandenmäßiges Einschleusen von Ausländern, Ausbeutung von Prostituierten, Zuhälterei, Vorenthalten und Veruntreuung von Arbeitsentgelt sowie Steuerhinterziehung. Es geht um Taten zwischen Juli 2012 und April 2018.

Größte Razzia der Bundespolizei

Ins Rollen kam alles durch eine Großrazzia. Am 18. April 2018 hatten mehr als 1.500 Bundespolizisten insgesamt 62 Bordelle, Wohnungen und Büros in zwölf Bundesländern durchsucht. Die Schwerpunkte der Großrazzia lagen in Nordrhein-Westfalen (17 Objekte), Hessen (10), Niedersachsen (9) und Baden-Württemberg (9) - die bisher größte Durchsuchungsaktion in der Geschichte der Bundespolizei.

Polizisten im April 2018 bei der Bordellrazzia in Maintal (Main-Kinzig).
Polizisten im April 2018 bei der Bordellrazzia in Maintal (Main-Kinzig). Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Ausgelöst wurden die Ermittlungen im Juni 2016 nach einer Kontrolle dreier Prostituierter in Maintal. Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wird in dem Komplex insgesamt gegen 49 Beschuldigte ermittelt - darunter aber keine Prostituierten. Verfahren gegen fünf Beschuldigte wurden an Staatsanwaltschaften in Baden-Baden und Saarbrücken abgegeben.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Beim Prozess in Hanau wurden über Stunden Dutzende von Einzelfällen referiert. Doch das könnte nur die Spitze des Eisbergs sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass es noch eine hohe Dunkelziffer an Fällen gibt.

Der Sprecher Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, Alexander Badle, rechnet mit mindestens 150 bis 200 Fällen. Neben den menschlichen Dramen, die sich im Bordell-Netzwerk laut Anklage ereigneten, hat der Prozess auch eine finanzielle Dimension.

Alleine im Fall der 60-jährigen Hauptbeschuldigten geht die Staatsanwaltschaft von 2,73 Millionen Euro Schaden durch Steuerhinterziehung aus. Der Schaden für die Sozialversicherung, der alleine ihr angelastet wird, wird auf 1,7 Millionen Euro beziffert.

Der Prozess soll am Donnerstagvormittag fortgesetzt werden.

Sendung: hessenschau, 21.05.2019, 19.30 Uhr