Eine Spritze mit einem Tropfen

Was als "Naturheilverfahren" verkauft wurde, entpuppte sich laut Staatsanwaltschaft als gefährliche Körperverletzung: Eine Akupunktur-Ärztin muss sich vor dem Amtsgericht Wetzlar verantworten, weil sie Patienten heimlich Cortison gespritzt haben soll.

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hessenschau vom 23.07.2020
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Die Patienten erhofften sich durch Akupunktur, dass ihre Symptome sanft und möglichst ohne Nebenwirkungen gelindert werden - sei es bei Heuschnupfen oder Neurodermitis. Stattdessen erhielten sie Cortison, ein Medikament, dass zwar gegen all diese Krankheiten wirkt, aber auch starke Nebenwirkungen mit sich bringen kann.

Gespritzt haben soll das Cortison einen Akupunktur-Ärztin aus Aßlar (Lahn-Dilll). Sie muss sich deshalb ab Donnerstag wegen schwerer Körperverletzung in 22 Fällen vor dem Wetzlarer Amtsgericht verantworten.

Die illegalen Methoden der Medizinerin waren lange Zeit gar nicht aufgefallen. Im Jahr 2016 berichtete der damals 38-jährige Martin Schmidt der hessenschau, dass er zunächst nichts von der Cortison-Behandlung gemerkt habe. Er sagte, er sei wegen seiner schweren Neurodermitis zwischen 2014 und 2015 Patient bei der nun angeklagten Ärztin gewesen. Monatelang sei er dank der Spritzen ohne Beschwerden gewesen, berichtet Schmidt. "Ich war der festen Überzeugung: Die Akupunktur hat mich geheilt."

Patienten leiden unter Nebenwirkungen

Erst Ende 2016 flog dann alles auf: Mehrere Patienten gingen an die Öffentlichkeit. Bei ihnen wurden cortisontypische Nebenwirkungen festgestellt. Außerdem wurden bei einigen Patienten Cortisonrückstände im Körper gefunden, im Urin, in den Haaren, bei einer Frau sogar in der Muttermilch. Betroffene berichten: Die Ärztin habe ihnen erzählt, sie spritze ihnen "Schlangengift", einen Stoff, der offenbar in der Naturheilkunde recht verbreitet ist.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Mediziner: "Ein ganz unglaublicher Fall"

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Im Laufe der Zeit meldeten sich schließlich rund 40 mutmaßliche Opfer und erstatteten Anzeige. Die Praxis der Ärztin wurde durchsucht. Ein Arzt berichtete damals dem hr, dass ehemalige Patienten der Praxis bei ihm erschienen seien. Sie hätten unter aufgedunsenen Gesichtern, Gelenkproblemen und Leistungsverlust gelitten – den typischen Nebenwirkungen von Cortison.

Auch Martin Schmidt hatte mit Nebenwirkungen zu kämpfen: Eine Fachärztin habe ihm attestiert, dass seine Nebennierenrinde kurz vor dem Versagen stand. Schmidt ging außerdem davon aus, dass die hochdosierte Cortison-Gabe zu einem starken Neurodermitis-Schub bei ihm geführt habe. "Ich habe zwischendurch gedacht, ich muss sterben." Er sei tief verzweifelt gewesen.

Prozessbeginn mehrfach verzögert

Es ist bereits dreieinhalb Jahre her, dass die Methoden der Ärztin aufgedeckt wurden. Warum der Fall erst jetzt, zwei Jahre nach Anklageerhebung, strafrechtlich verhandelt wird, hat verschiedene Gründe, wie Gerichtssprecherin Jeanette Vollmer erklärt.

Zunächst hatte sich der Prozessbeginn verzögert, wie das Portal mittelhessen.de berichtete. Die Staatsanwaltschaft hatte zuerst Anklage am Landgericht Limburg erhoben. Das Landgericht fühlte sich jedoch nicht zuständig und verwies den Fall an das Wetzlarer Amtsgericht.

Nebenkläger fordern hohen Schadenersatz

Laut Gerichtssprecherin Vollmer habe es dann auch noch einigen Klärungsbedarf bezüglich der Nebenkläger gegeben, die zum Teil im Prozess als sogenannte Adhäsionskläger Schadenersatz fordern. Sechs der ehemaligen Patienten fordern nun zusammengerechnet mehrere zehntausend Euro Schadenersatz, so Volllmer.

Die Wettenberger (Gießen) Rechtsanwältin Anita Faßbender vertritt mehrere der Nebenkläger und erklärt, dass die Schadensersatzforderungen sowohl Schmerzensgeld als auch den entstandenen materiellen Schaden durch die mutmaßlich falschen Behandlungen beinhalten. Außerdem solle im Prozess festgestellt werden, ob Nebenkläger von den Cortison-Spritzen möglicherweise bleibende medizinische Schäden davongetragen haben, für die in Zukunft Kosten entstehen könnten.

Zuletzt musste das Verfahren auch noch wegen der Corona-Pandemie um zweieinhalb Monate nach hinten verschoben werden, so Vollmer. Es hätte eigentlich im Mai beginnen sollen. Wegen der vielen Prozessbeteiligten musste zunächst aber ein angemessener Raum gefunden werden. Am Donnerstag beginnt der Prozess nun in der Wetzlarer Stadthalle. Es sollen eine Vielzahl an Zeugen gehört werden, es sind acht Verhandlungstage geplant.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 23.07.2020, 19.30 Uhr