Angeklagte Krankenschwester vor dem Landgericht Marburg
Die Angeklagte zum Prozessauftakt zwischen ihren Verteidigern vor dem Landgericht Marburg Bild © Rebekka Dieckmann/hr

Eine Krankenschwester soll mehreren Frühchen unerlaubt Medikamente verabreicht und sie dadurch in höchste Gefahr gebracht haben. Nun steht die Frau wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Marburg. Ein Elternpaar fordert eine Anklage wegen Mordes.

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Seit Donnerstag steht die Krankenschwester Elena W. in Marburg vor Gericht und der erste Verhandlungstag war auch schnell vorbei. Die Anklage wurde verlesen, die Angeklagte äußerte sich nicht. Die 29-Jährige muss sich wegen versuchten Mordes verantworten. Zwei Kinder überlebten, ein drittes starb später. Die Eltern des toten Babys verlangten als Nebenkläger am Donnerstag eine Anklage wegen Mordes.

Der Fall nimmt seinen Anfang, als es im Februar 2016 in der Marburger Uniklinik auf der Frühchen-Station zu einem Zwischenfall kommt. Als der mutmaßliche Mordversuch passiert, ist das kleine Mädchen erst 30 Tage alt. Das Kind ist ohnehin schon zerbrechlicher und pflegebedürftiger als andere Babys. Es ist zu früh auf die Welt gekommen und wird im Februar 2016 auf der Frühchenstation der Uniklinik rund um die Uhr überwacht. Die Eltern gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass hier jeder um das Leben ihres Kindes kämpft. Doch offenbar passiert genau das Gegenteil: Der Gesundheitszustand des kleinen Mädchens verschlechtert sich plötzlich drastisch. Die Krankenschwester im Raum ruft Kollegen zu Hilfe. Das Baby muss wiederbelebt werden, überlebt nur knapp. Später kommt heraus: Jemand hat das Kind vergiftet.

Die Polizei ermittelt und schnell fällt der Verdacht auf die Krankenschwester, die im Raum war. Elena W. soll dem Baby ohne medizinischen Grund Narkose- und Beruhigungsmittel gegeben haben. Sie wird verhaftet, gesteht aber nicht. Schnell steht die Frage im Raum: Könnten noch mehr Kinder vergiftet worden sein? Die Polizei durchsucht die Archive der Klinik und stößt auf zwei weitere Verdachtsfälle, die bis ins Vorjahr zurückreichen. Ein Baby war im Dezember 2015 gestorben, die Leiche des Säuglings muss im Schwalm-Eder-Kreis exhumiert werden. Auch hier findet man "nicht medizinisch indizierte Medikamente", wie die Marburger Staatsanwaltschaft damals mitteilt. Wurde das Baby also umgebracht?

Eltern des toten Kindes auf Facebook kontaktiert?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found hr-Reporterin: "Überraschender Antrag der Eltern"

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Die Ermittler engagieren Experten, darunter sind ein Pharmakologe und ein Neonatologe, also ein Spezialist für Neugeborene. Ein Gutachten ergibt schließlich laut Staatsanwaltschaft, dass das Frühchen aus dem Schwalm-Eder-Kreis wohl nicht an der Medikamentenvergiftung gestorben ist. Der Tötungsvorwurf ist damit vom Tisch, Elena W. wird nach fünf Monaten aus der Untersuchungshaft entlassen.

Doch immer mehr gruselige Details werden zu Tage gefördert: Zeitungen berichten, dass Elena W. die Familie des verstorbenen Babys wohl nach dessen Tod noch über Facebook kontaktiert hat. Sie soll den Eltern eine Postkarte "im Namen des Kindes geschrieben" haben, schreibt die Hamburger Morgenpost. Angeblich habe Elena W. auch an der Beerdigung teilgenommen. Die Eltern äußern sich der Zeitung gegenüber schockiert und fordern: "Diese Frau soll für ihr Handeln bestraft werden und niemandem mehr Leid zufügen können."

Rätselraten über das Motiv

Das Universitätsklinikum erklärt, der Fall habe nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in der Belegschaft "große Bestürzung und Betroffenheit ausgelöst". Die Frage, die wohl alle am meisten beschäftigt: Was könnte eine junge Krankenschwester dazu treiben, Frühchen zu vergiften? Fälle von Patientenvergiftung gibt es immer wieder. Im Fall des Krankenpflegers Niels Högel, der in Norddeutschland über 100 Patienten vergiftet hat, ging es wohl darum, dass der Pfleger bei Reanimationen sein Können beweisen wollte. Immer wieder wird auch bekannt, dass Pflegepersonal aus Überlastung Patienten mit zu vielen Medikamenten ruhigstellt - etwa in Altenheimen oder Psychiatrien.

"Denkbar wäre so ein Motiv auch auf einer Frühchenstation", sagt eine Frühchenschwester, die in einem anderen Krankenhaus arbeitet. Der Arbeitsalltag sei häufig sehr stressig. Bei vielen Eltern würden die Emotionen blank liegen - und die frühgeborenen Kinder hätten häufig mit schweren Krankheiten zu kämpfen. "Ideal wäre es, wenn wir eine Eins-zu-Zwei-Betreuung hätten", sagt die Schwester. "In der Realität muss ich mich oft um vier bis sechs Kinder kümmern." Da könne es schon mal vorkommen, dass man genervt ist: Wenn ein Baby ständig schreit, und man sich noch um fünf andere kümmern muss. Ein Kind aber tatsächlich medikamentös ruhigzustellen, das sei für sie unvorstellbar. "Als Frühchenschwestern haben wir normalerweise eins gemeinsam: dass wir besonders kinderlieb sind."

Urteil nicht vor 2020 erwartet

Elena W. muss sich nun seit Donnerstag vor dem Marburger Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Krankenschwester zwei der drei betroffenen Babys ermorden wollte, außerdem ist sie wegen gefährlicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener angeklagt. Der Prozess nimmt für Marburger Verhältnisse enorme Ausmaße an: Rund 70 Verhandlungstage sind angesetzt, der Prozess wird wohl über ein Jahr dauern. Im Verfahren sollen Experten aussagen und viele Zeugen, zwei der betroffenen Familien treten als Nebenkläger auf. Ob und wann Elena W. selbst etwas sagen wird, ist nicht bekannt.