Einsatzkräfte in weißen Overalls nehmen an der Unfallstelle Spuren auf.

Im Prozess um die Auto-Attacke auf den Rosenmontagszug in Volkmarsen hat die Staatsanwaltschaft für den Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen Mordversuchs und Körperverletzung in über 80 Fällen gefordert. In ihrem Plädoyer beschrieb sie ihn als verbittert, boshaft und vereinsamt.

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Volkmarsen-Prozess: Lebenslange Haft gefordert

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Es sei eine "außergewöhnliche und traumatisierende" Tat gewesen, sagte Staatsanwältin Melike Aydogdu vor dem Landgericht Kassel. In ihrem Plädoyer forderte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag eine lebenslange Freiheitsstrafe für Maurice P., der am 24. Februar 2020 seinen Wagen in den Karnevalsumzug in Volkmarsen (Waldeck-Frankenberg) gesteuert haben soll.

Es gehe um 89 Fälle von versuchtem Mord, 88 Fälle von gefährlicher Körperverletzung und gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr. Die Staatsanwaltschaft forderte außerdem, die besondere Schwere der Schuld festzustellen, eine Sicherungsverwahrung sei im Urteil vorzubehalten - könnte also zu einem späteren Zeitpunkt noch verhängt werden. Die Staatsanwaltschaft hält weitere Taten von Maurice P. für wahrscheinlich. Die Schuld des Angeklagten sei im Laufe des Prozesses "vollständig und minutiös" belegt worden, sagte Staatsanwältin Aydogdu.

Maurice P. "unzweifelhaft der Täter"

182 Zeugen seien vernommen worden, deren Aussagen "auch uns nicht kalt gelassen und emotional berührt haben". Aydogdu verlas die Namen aller Verletzten, bei den Kindern nannte sie das oft junge Alter. Allerdings sei ein Strafprozess immer täterorientiert, es gehe um die Schuld des Angeklagten. Das Gericht hatte zu Beginn der Sitzung beschlossen, rund 200 weitere Zeugen nicht mehr zu laden. Die Anklage hatte rund 400 Menschen als Zeugen benannt.

Letztendlich sei unzweifelsfrei festgestellt worden, dass Maurice P. der Täter ist - er wurde noch im Auto festgehalten und von der Polizei festgenommen. Er sei vorsätzlich in die Menge gefahren - das habe der Prozess "ohne Zweifel" bewiesen.

Die Betroffenen seien sich keines Angriffs bewusst gewesen und hätten den Wagen oft erst kurz vor der Kollision bemerkt. 88 Menschen seien verletzt worden, darunter 26 Kinder, 27 Menschen mussten ins Krankenhaus, zwei mit lebensgefährlichen Verletzungen.

"Riesengroßes Wunder"

Staatsanwalt Tobias Wipplinger sagte in seinem Plädoyer: Wahrscheinlich habe es mehr Opfer gegeben, die nicht ermittelt werden konnten. Es sei ein "absolutes Glück und riesengroßes Wunder", dass niemand gestorben ist. Menschen seien in brutalster Weise durch die Luft geflogen, Kinder der Länge nach überrollt worden. Am Ende seien "1.000 Schutzengel im Einsatz" gewesen.

Der Angeklagte habe aus "allgemeinem Lebensfrust einen Mordanschlag auf eine Großveranstaltung begangen". Drei Mordmerkmale seien klar: Heimtücke, gemeingefährlich und niedrige Beweggründe.

"Attentat aus ganz böser Gesinnung"

Es sei ein "Attentat aus ganz böser Gesinnung" gewesen, Maurice P. "wollte sich an der Menschheit rächen" für sein trostloses Leben. Er sei eine "extrem vereinsamte Persönlichkeit" gewesen, "ein extrem gelangweilter Mensch", den kein einziger Zeuge jemals in Begleitung einer anderen Person gesehen habe, der stattdessen im Kreis gelaufen sei, ewig im Auto saß und fremde Leute angestarrt habe, erklärte Wipplinger.

Maurice P. habe einen "tiefsitzenden Hass auf die Gesellschaft" gehabt. Er sei bei der Tat "gelassen, zielstrebig, geordnet" vorgegangen. Besonders schwer wiege, dass sich die Tat eben auch gegen kleine Kinder, fröhlich feiernde Kinder gerichtet habe. Diese seien zutiefst verletzt worden, "die werden das nie vergessen, der Angeklagte hat eine ganze Stadt traumatisiert." Die Anwälte der der drei Nebenkläger schlossen sich in ihren Plädoyers der Forderung nach einer lebenslangen Freiheitsstrafe an.

Der Angeklagte schweigt

Der Prozess gegen Maurice P. läuft seit Anfang Mai. Dem 31-Jährigen wird vorgeworfen, im Februar 2020 mit einem Auto absichtlich in eine Zuschauermenge gefahren zu sein. Das Motiv für die Tat ist bislang völlig unklar. Der Angeklagte äußerte sich seit seiner Festnahme nicht - weder bei der Polizei noch vor Gericht.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt hatte ihm ursprünglich 91-fachen versuchten Mord sowie gefährliche Körperverletzung in 90 Fällen und gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr vorgeworfen. In zwei Fällen wurde das Verfahren zwischenzeitlich eingestellt.

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