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Audioseite Volkmarsen - Ein Marathonprozess

Kartons mit Akten auf einem Tisch in der provisorisch eingerichteten "Gerichtshalle".

Seit fünf Monaten läuft der Prozess um die Auto-Attacke von Volkmarsen mit über 90 Verletzten. Die Betroffenen hoffen auf ein Urteil noch vor Weihnachten. Eine zentrale Frage bleibt wohl unbeantwortet.

Der Prozess gegen Maurice P., der am 24. Februar 2020 seinen Wagen in den Karnevalsumzug in Volkmarsen gesteuert haben soll, neigt sich dem Ende zu. Zu Beginn der Verhandlungen Anfang Mai hatte das Landgericht über 30 Prozesstage angesetzt, am Donnerstag fand der 22. statt. Betroffene, die Staatsanwaltschaft und auch die Nebenklage hoffen, noch vor Weihnachten zu einem Urteil zu kommen - spätestens aber Anfang kommenden Jahres, bevor sich der Tag des Anschlags zum zweiten Mal jährt.

Rund 400 Zeugen hatte die Anklageschrift benannt, ein Großteil hat bereits vor dem Kasseler Landgericht ausgesagt. Darunter sind viele, die verletzt wurden, als der silberne Mercedes mit hoher Geschwindigkeit in den Umzug fuhr. Die Anklage geht von über 150 Menschen aus, die körperlich oder seelisch von der Auto-Attacke betroffen sind.

Hoffnung auf baldiges Urteil

Sophia Schaake ist eine der Verletzten, am Donnerstag sagte die 18-Jährige vor Gericht aus. Auch eineinhalb Jahre nach der Tat leidet sie noch an den Folgen, geht einmal in der Woche zur Therapie. Ein anderer Zeuge hatte sie am Tag der Tat noch zur Seite schubsen könne, bevor das Auto sie traf - Schaake verletzte sich am Knie, konnte lange kaum sitzen. Sie wünscht sich, dass der Prozess bald vorbei ist: "Es ist kein schönes Ereignis und ich finde, es sollte langsam beendet werden", sagt sie.

Dass sie vor Gericht aussagen musste, sei belastend gewesen: "Es kommt immer wieder hoch, so langsam hat man damit abgeschlossen und jetzt kam die Ladung". Sie hoffe auf eine gerechte Strafe, aber dann solle der Prozess am besten vor Weihnachten vorbei sein, spätestens aber zum Jahrestag. Für viele Volkmarser ist der Karnevalsumzug ein wichtiges Datum, in diesem Jahr fiel er wegen Corona aus.

Auch andere Zeugen berichten im Prozess immer wieder, dass die Aussage viele Emotionen und Erinnerungen auslöst. Ein 21 Jahre alter Zeuge sagte am Donnerstag, er habe Maurice P. hinter der Windschutzscheibe gesehen. Der Angeklagte habe ihn angestarrt mit einem "dreisten Lächeln". Der Zeuge schilderte dem Richter, dass er anschließend panische Angst vor Autos hatte und immer wieder zur Seite sprang, wenn sich eines näherte.

Abkürzung des Prozesses möglich

Staatsanwalt Thomas Wipplinger geht davon aus, dass nur noch eine handvoll Geschädigter aussagen müssen. "Nach unserer Ansicht wurden genug Zeugen gehört, um das Geschehen endgültig aufzuklären." Die Verfahrensbeteiligten müssten sich dafür einigen, ob der Prozess auch etwas abgekürzt werden könnte - und nicht alle Zeugen gehört werden.

Nebenklage-Anwalt Frank Scheffler hofft, dass ein Urteil noch vor Weihnachten fallen könnte. Alle Geschädigten müssten bis dahin aber gehört werden. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft hätten sich bestätigt. Sie hatte Maurice P. wegen 91-fachen versuchten Mord und gefährlicher Körperverletzung in 90 Fällen angeklagt. Der Bürgermeister von Volkmarsen werde noch gehört "und dann könnten wir zum Abschluss kommen". Aus seiner Sicht sei eine Verurteilung mit lebenslanger Haft möglich. Entscheiden müsse das die Kammer, genauso wie sie auch das Ende des Prozesses festlegen müsse.

Betroffene: "Wie kann man so sein?"

Man sehe bei jedem Zeugen, dass das Schweigen des Angeklagten belastend sei, aber auch die Aussagen vor Gericht, beschreibt Scheffler. "Wenn ich Zeugen sehe und höre, die anfangen zu weinen, dann weiß man, wie nah das den Geschädigten geht."

Bei ihrer Aussage wurde die 18-jährige Schaake gefragt, was das mit ihr macht, im Gerichtssal zu sein: "Ich frage mich, warum sowas sein muss, wie man so sein kann", antwortete sie. Die Frage, warum Maurice P. mutmaßlich in den Karnevalsumzug fuhr, wird wohl auch nach dem Urteil ungeklärt bleiben. Der Angeklagte schweigt beharrlich. Viele Betroffene waren schon vor dem Prozess davon ausgegangen, dass er nicht reden wird - Hoffnung auf Antworten hatten viele trotzdem.

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