Ulrich Kutschera in Kassel vor Gericht

Ein Kasseler Biologieprofessor steht wegen Volksverhetzung vor Gericht: Homosexuelle seien gewalttätig und sollten keine Kinder adoptieren, lautet eine seiner Thesen, die er zu Prozessbeginn erneut verteidigte.

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Ulrich Kutschera muss sich seit Montag vor dem Amtsgericht Kassel wegen Volksverhetzung, Beleidigung und dem Verbreiten unwahrer Tatsachen verantworten. Die Anklage wirft dem Biologieprofessor vor, sich in einem Interview mit dem Online-Portal "kath.net" homophob geäußert zu haben: Der 65-Jährige unterstellte Homosexuellen darin eine Neigung zu sexuellem Kindesmissbrauch und bezeichnete gleichgeschlechtliche Paare als "sterile, asexuelle Erotik-Duos ohne Reproduktions-Potenzial“, heißt es in der Anklage.

Ein mögliches Adoptionsrecht nannte er "staatlich geförderte Pädophilie mit schwerstem Kindesmissbrauch", die Homo-Ehe eröffne ein "mögliches Horror-Kinderschänder-Szenario".

Demo: "Rechte Hetze wegglitzern"

Nach dem Interview im Jahr 2017 hatte es mehrere Anzeigen gegeben, die Universität Kassel distanzierte sich von Aussagen des Professors, der unter anderem den Schwerpunkt Evolutionsbiologie hat. Seine Thesen sind schon länger umstritten, schon in der Vergangenheit gab es Proteste aus der queeren Community und von Studierenden. Am Montag zog eine Demo mit rund 100 Teilnehmern zum Gerichtsgebäude, es gab eine Kundgebung mit Musik, Regenbogenflaggen und einem Transparent mit der Aufschrift: "Rechte Hetze wegglitzern".

Angeklagter beruft sich auf "wissenschaftiche Fakten"

Die Thesen des Angeklagten seien "kriminologisch nicht haltbar", erklärte die Staatsanwältin bei der Verlesung der Anklage. Kutschera hingegen verteidigte seine Aussagen als wissenschaftlich fundiert: Vor Gericht erschien er beladen mit Büchern. Noch bevor der Richter überhaupt im Saal war, dozierte er Richtung Zuschauer, mit dieser "Basisliteratur" werde er die Wissenschaftlichkeit seiner Thesen belegen. Darunter ein Buch mit dem Titel "Die Grünen und die Pädosexualität".

Mehrfach sprach er von einer "Vorlesung" statt von seiner Aussage. Auf die Frage des Richters nach seinem Familienstand antwortete der Angeklagte, er habe fünf Kinder mit zwei "Reproduktionsparterinnen".

Protestierende halten ein Plakat mit der Aufschrift "Rechte Hetze wegglitzern" hoch

Seine Aussage spickte er mit umfangreichen Fußnoten, berief sich auf Aristoteles, Sigmund Freud und kritisierte die Gender-Theoretikerin Judith Butler. Die Einführung der Ehe für alle beruhe lediglich auf der "Gender-Ideologie". "Mein Anliegen ist das Kindeswohl", führte er weiter aus.

Die männliche Homosexualität sei eine genetisch bedingte "Fehlpolung", lesbische Frauen seien hingegen nicht wirklich homosexuell, sie würden auch mit Männern Sex haben. Homosexuelle seien in Beziehungen gewalttätiger als Heteropaare und würden mehr Drogen nehmen, behauptete Kutschera.

Zeuge: "In jeder Quelle Verstoß gegen wissenschaftliche Standards"

Kinder würden in "Homo-Haushalten" leiden, folgerte er daraus, Kindesmissbrauch sei wahrscheinlich. Zudem herrsche Wissenschafts- und Meinungsfreiheit, verteidigte sich der Angeklagte. Sein Anwalt brachte eine Reihe von Beweisanträgen vor, von Kutschera ausgewählte Wissenschaftler sollten als Zeugen aussagen, um seine Thesen zu belegen.

Gegen Kutschera sagte ein 52-jährige Zeuge aus, der nach dem Interview bei "kath.net" auch Anzeige erstattet hatte. Der Informatiker kritisierte die Aussagen Kutscheras. Sie stünden im Geiste der Begründungen, mit denen schon die Nationalsozialisten die Verfolgung Homosexueller gerechtfertig hätten. Sie würden heute noch von Regimen genutzt, um Repressionen gegen Schwule zu begründen. Der Informatiker griff auch Kutscheras Arbeit an: "In jeder Quelle ist ein eklatanter Verstoß gegen wissenschaftliche Standards."

Studierende müssen nicht in Kutscheras Seminare

Studien, die belegen, dass Kinder, die bei homosexuellen Paaran aufwachsen, keinesfalls Nachteile haben, berücksichtigte Kutschera freilich nicht. Das Bundesjustizministerium hatte etwa eine Studie in Auftrag gegeben, deren Ergebnis seinen Thesen widerspricht - teils würden sich Kinder in "Regenbogenfamilien" sogar besser entwickeln. Auch andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Einer der Demonstranten vor dem Gerichtsgebäude sagte dem hr, er hoffe auf eine Verurteilung Kutscheras, damit die Universität ihm endlich kündigen könne. Der Professor solle schon länger auch in Vorlesungen ähnliche Thesen vertreten haben. Als ordentlicher Professor durfte Kutschera trotz seiner umstrittenen Aussagen weiter unterrichten. Die Universität sorgte aber dafür, dass Studierende im Fach Evolutionsbiologie seit 2018 auch bei einem anderen Dozenten studieren dürfen, dazu bekam ein Forscher aus Göttingen einen Lehrauftrag.

Das Gericht müsse nun urteilen, ob die Thesen Kutscheras von der Wissenschaftsfreiheit gedeckt seien, sagte Markus Zens von der Universität Kassel dem hr. Außerdem betonte er, "Diskriminierung und Verleumdung von Minderheiten und diverser Lebensformen wenden sich gegen die Werte der Universität Kassel". Man respektiere unterschiedliche Lebensentwürfe und sehe Diversität als Gewinn.

Der Prozess wird Anfang August fortgesetzt.

Sendung: hessenschau kompakt, 20.07.2020, 16.45 Uhr