Der Angeklagte (l.) zum Prozessauftakt vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

Ein mutmaßliches IS-Mitglied steht seit Freitag wegen des Todes einer Fünfjährigen im Nordirak vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Laut Anklage ließen der Mann und seine deutsche Frau das Kind qualvoll sterben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka berichtet über den Prozessauftakt

Polizisten vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt
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Vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt hat am Freitag der Prozess gegen einen 27 Jahre alten Iraker wegen des Todes eines fünfjährigen Mädchens in Syrien begonnen. Die Bundesanwaltschaft legt dem mutmaßlichen Mitglied der Terrormiliz IS zudem Völkermord, die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und Menschenhandel zur Last.

Gefesselt bei 50 Grad im Schatten

Taha Al J. soll das Mädchen und seine Mutter auf einem IS-Stützpunkt in Syrien gekauft und in seinem Anwesen im irakischen Falludscha zwischen Juli und September 2015 als Sklavinnen gehalten und misshandelt haben. Als Jesidinnen gehörten die beiden Gefangenen einer ethnisch-religiösen Minderheit in Nordirak, Nordsyrien und in der südöstlichen Türkei an.

Einmal soll Al J. die Mutter und ihre Tochter dafür bestraft haben, dass die Fünfjährige sich auf ihrer Matratze eingenässt hatte. Die Frau musste 30 Minuten im Hof des Anwesens barfuß bei 50 Grad im Schatten draußen verbringen. Der Boden war so heiß, dass ihre Füße verbrannten. Das Mädchen soll der Mann bei der glühenden Hitze mit Klebeband an ein Fenstergitter gefesselt und der gleißenden Sonne ausgesetzt haben. Das Kind verdurstete. Laut Anklage starb es qualvoll.

Prozess gegen Al J.s Ex-Frau in München

Die Bundesanwaltschaft stützt sich in ihrer Anklage auf Angaben der jesidischen Mutter, die im Prozess gegen Al J.s ehemalige Frau aussagte. Die aus Lohne in Niedersachsen stammende Jennifer W. soll tatenlos zugesehen haben, wie ihr Ehemann das Mädchen sterben ließ. Gegen die deutsche IS-Rückkehrerin läuft seit rund einem Jahr wegen desselben Todesfalls ein gesonderter Prozess vor dem Oberlandesgericht München.

Die Ermittlungen kamen ins Rollen, weil W. einem verdeckten Ermittler in einem verwanzten Auto von der Tat berichtet haben soll, als sie versuchte, erneut in den Irak auszureisen. In Bayern wurde sie dann jedoch festgenommen. Später wurde die Mutter des Mädchens ausfindig gemacht.

War die Tat Teil des Völkermords an den Jesiden?

Taha Al J. wird außerdem vorgeworfen, 2015 der Leiter eines IS-Büros für schariagemäße Geisteraustreibung in Syrien gewesen zu sein. Er soll in Frauenhäusern entsprechende Schulungen abgehalten haben. Der Terrormiliz IS soll er seit mindestens 2013 angehört haben.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf des Völkermords. Der IS begann im August 2014 mit der Verfolgung und Vernichtung der Jesiden in der irakischen Region Sindschar. Es kam zu Massentötungen, Vergewaltigungen, Folter und Versklavungen. Insofern müssen die Frankfurter Richter die Frage beantworten, ob es sich bei der Tötung des Kindes um einen Völkermord im juristischen Sinne handelt - dass das Mädchen sterben musste, weil es der ethnisch-religiösen Minderheit der Jesiden angehörte, die Al J. und seine Frau stellvertretend für den IS auslöschen wollten.

Al J. wurde im Mai 2019 in Griechenland festgenommen und im Oktober nach Deutschland ausgeliefert. Die Festnahme war am Flughafen Frankfurt, deshalb findet der Prozess nun auch dort statt. Er sitzt seither in Untersuchungshaft.

Mühsamer Prozess

Es wird mit einem langen Verfahren gegen Taha Al J. gerechnet. Das Oberlandesgericht ist auf die Zusammenarbeit mit den Behörden anderer Länder angewiesen und darauf, dass dort - tausende Kilometer entfernt - Beweise in Kriegsgebieten gesichert wurden. Das OLG kann zum Beispiel keine Zeugen aus dem Ausland zur Aussage zwingen. Dazu kommt das Sprachproblem.

Bis Ende August sind bereits 22 Verhandlungstage angesetzt. Wegen der Corona-Pandemie gelten besondere Sicherheitsmaßnahmen für das Verfahren: Zuschauer und Medienvertreter müssen im Sitzungssaal eine Mund-Nase-Maske tragen.

Hinweis: In einer früheren Version stand irrtümlich, der Angeklagte sei 37 Jahre alt.

Sendung: hr-iNFO, 24.04.2020, 14.00 Uhr