Audio

Audioseite Bundesweite Fälle: Auftakt im Rohrreiniger-Prozess

Angeklagte in Gießen

Überzogene Rechnungen oder Forderungen für gar nicht erbrachte Leistungen. Mitarbeiter einer Heuchelheimer Firma stehen vor Gericht, weil sie in ganz Deutschland Kundinnen und Kunden abgezockt haben sollen - mit teils rabiaten Methoden.

Sie nannten sich Rohrengel, Abflussdienst Toni oder Martins Rohrreinigung. Überall in Deutschland warben diese Firmen als angeblich ortsansässige Unternehmen mit lokaler Vorwahl in den Gelben Seiten und online für ihre Dienste. Doch im Kleingedruckten der Anzeigen stand immer ein Satz: Anrufe würden an den Firmensitz in Heuchelheim (Gießen) weitergeleitet.

Dahinter steckte offenbar immer ein und dieselbe Firma: die SOS Umweltdienst AG, ansässig in einem Heuchelheimer Einfamilienhaus. 2016 sorgte die inzwischen aufgelöste mittelhessische Firma bundesweit für Aufsehen, weil sich Strafanzeigen und Beschwerden häuften:

Kundinnen und Kunden - viele davon ältere Menschen - berichteten, dass ihnen völlig überzogene Rechnungen gestellt worden seien. Teilweise soll die Firma auch nicht geleistete Arbeiten abgerechnet haben.

Möglicherweise hunderte Betroffene

Schon 2016 hatte die Gießener Staatsanwaltschaft Haftbefehle gegen die drei Geschäftsführer erlassen, die auf Kaution aus der Untersuchungshaft frei kamen.

Seit Dienstag müssen sich die drei Männer und eine Buchhalterin unter anderem wegen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs vor dem Gießener Landgericht verantworten. Es geht vor Gericht um 45 Fälle in mehreren Bundesländern, laut Staatsanwaltschaft Gießen könnte es aber hunderte Betroffene geben.

Rohrreiniger begleitet Kundin zum Geldautomat

Zu den mutmaßlichen Opfern gehört auch Sigrid Schichtel aus dem Taunus. In einem TV-Beitrag der hr-Sendung defacto berichtete sie 2016: Wegen einer verstopften Toilette habe sie eine, wie sie glaubte, lokale Firma beauftragt.

Nach einer Stunde Arbeit sei die Verstopfung gelöst gewesen. Doch als der Handwerker ihr die Rechnung präsentierte, habe sie es nicht fassen können: 668 Euro sollte sie bezahlen - und zwar sofort. Die Firma habe Geld für angeblich zwölf Meter Rohrreinigung verlangt.

"Ich hatte mit 200 oder 250 Euro gerechnet", berichtete die alleinerziehende Mutter. "Ich habe gedacht: Wo soll ich das Geld hernehmen und wie soll ich den Monat über die Runden kommen?" Der Mitarbeiter habe sie jedoch so unter Druck gesetzt und schließlich sogar persönlich zum Geldautomaten begleitet, dass sie das Geld bar ausgehändigt habe.

Aggressives Verhalten und Handgreiflichkeiten

Khatana Exner aus Weilmünster (Limburg-Weilburg) erlebte Ähnliches. Für zwei Stunden Rohrreinigung habe der Monteur ganze 917 Euro verlangt und sie gedrängt, die hohe Rechnung sofort zu unterschreiben.

Exner erzählt: Weil sie allein zu Hause gewesen sei, habe sie ihren Nachbarn zu Hilfe geholt. Daraufhin sei der Handwerker aggressiv geworden und habe den Nachbarn körperlich angegriffen, sodass dieser mehrere Schürfwunden davongetragen habe. Die Rechnung zahlte Exner nicht - stattdessen erstatteten sie und der Nachbar Anzeige.

Verurteilung nach Angriff auf Reporter

Aggressives Verhalten bekamen 2016 auch Reporter zu spüren: Bei Dreharbeiten vor dem Firmensitz ging ein Mann lautstark auf ein hr-Kamerateam zu und drückte die Kamera rabiat mit der Hand herunter.

Auf ein Sat1-Kamerateam kam es sogar zu einem tätlichen Angriff mit Körperverletzung und einer Morddrohung. In einem bereits abgeschlossenen Gerichtsverfahren wurde der damals 35-jährige Unternehmenschef deshalb zu zehn Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts

Staatsanwalt: Immer wieder nutzlose Arbeiten abgerechnet

Der Gießener Staatsanwalt Ruben Spieler erklärt, wie die Beschuldigten nach Ansicht der Staatsanwaltschaft vorgegangen sind: Sie hätten zum Beispiel die Probleme gar nicht richtig analysiert, sondern direkt sehr teure und für die Auftraggeber nutzlose Arbeiten vorgenommen, um möglichst viel Umsatz zu generieren.

Auch über den Umfang der Arbeiten soll getäuscht worden sein. "In einem Fall wurden mehr Meter Rohr abgerechnet als überhaupt vorhanden war", so der Staatsanwalt. Insgesamt entstand laut Spieler ein Schaden von knapp 40.000 Euro.

Der Prozess soll über elf Verhandlungstage gehen und bis Ende November dauern. Beim Prozessauftakt am Dienstag schwiegen die Angeklagten.

Verbraucherzentrale Hessen warnt vor Abzocke

Abfluss am Waschbecken ist verstopft

Ähnlich wie auch bei Schlüsseldiensten, gibt es immer wieder Berichte von Betrugsfällen und überzogene Rechnungen durch Rohrreinungsunternehmen. Deshalb klärt die Verbraucherzentrale Hessen über beliebte Maschen auf:

  • Nachtzuschläge: Notdienste dürfen Nachtzuschläge erheben - allerdings nur auf bestimmte Teile der Rechnung, wie den Lohn, und nicht auf Werkzeuge oder Ersatzteile. Die Verbraucherzentrale rät, eine Rechnung gegebenenfalls entsprechend selbst zu korrigieren.
  • Doppelabrechnungen: Eine Abrechnung nach Arbeitszeit und gleichzeitig nach laufenden Metern ist unzulässig.
  • Überteuerte Spezialgeräte: Die Verbraucherzentrale rät, darauf zu achten, welche Geräte tatsächlich in welchem Umfang eingesetzt werden. "In aller Regel reicht für die Rohrreinigung der Einsatz einer elektronisch gesteuerten Spirale, die von einem Mann bedient werden kann. Die oftmals in Rechnung gestellten Arbeiten wie Fräsen, Schleudern, Hochdruckspülen und Video-Überwachung, sind fast nie erforderlich."
  • Rechnung ohne Leistung: Wenn die Störung nicht behoben werden kann, dürfen Unternehmen die Leistung nicht trotzdem in Rechnung stellen. Entsprechende Klauseln sind unzulässig.

Sendung: hr4, Die Hessenschau für Mittelhessen, 24.08.2021, 14.30 Uhr