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Audioseite Prozess um Mord ohne Leiche

Ein Buch mit dem Titel "Strafrecht" liegt im Landgericht Gießen auf dem Tisch vor der Anklagebank.

Vor dem Gießener Landgericht hat der Prozess in einem bizarren Fall begonnen. Das mutmaßliche Opfer wird seit vier Jahren vermisst, von der Leiche fehlt jede Spur. Die Staatsanwaltschaft ist dennoch sicher: Der Mann wurde ermordet.

Sie gelten als besonders kompliziert und schwer zu beweisen: Kriminalfälle, in denen die Ermittler zwar aufgrund von Spuren oder Zeugenaussagen von einem Mord ausgehen – aber eine Leiche nie gefunden wird. Solch ein "Mord ohne Leiche" wird seit Mittwoch vor dem Gießener Landgericht verhandelt.

Ausgangspunkt ist ein über vier Jahre alter Vermisstenfall. Der damals 39-jährige Daniel Matysik aus Hanau verschwindet am 17. November 2016. Die Ermittler gehen davon aus, dass er an diesem Tag von den beiden Angeklagten entführt und ermordet wird. Beschuldigt werden ein heute 44-Jähriger aus dem Main-Kinzig-Kreis und ein 40-Jähriger aus dem Main-Taunus-Kreis.

Wurde die Leiche im Starnberger See versenkt?

Die Staatsanwaltschaft Gießen wirft den Angeklagten Mord sowie erpresserischen Menschenraub mit Todesfolge vor. Sie sollen den 39-Jährigen entführt haben, um Lösegeld zu erpressen. Offenbar kannten die drei Männer sich persönlich. Zu einer Lösegeldzahlung sei es aber nie gekommen, stattdessen hätten die Beschuldigten Matysik in Hungen (Gießen) erschossen.

Zu Beginn der Verhandlung am Mittwoch kündigt der 44 Jahre alte Angeklagte eine Aussage an. Der mutmaßliche Mittäter will "gegenwärtig keine Angaben machen", wie dessen Verteidiger erklärt.

Nach bisher unbestätigten Berichten der Bild-Zeitung geht die Anklage davon aus, dass die beiden Beschuldigten mit Matysiks Leiche bis an den Starnberger See in Bayern gefahren sind. Sie hätten nach Angaben der Staatsanwaltschaft die Leiche zerstückelt, teils vergraben und im See versenkt. Die Zeitung berichtet zudem, dass das mutmaßliche Opfer und einer der Angeklagten sich schon aus Schultagen gekannt hätten.

Staatsanwalt: Daniel Matysik ist ganz sicher tot

Laut Staatsanwaltschaft Gießen wurde der Leichnam "trotz intensiver Suchmaßnahmen" bisher nicht gefunden. "Die Staatsanwaltschaft geht aber ganz sicher davon aus, dass Herr Matysik tot ist", so der Gießener Staatsanwalt Thomas Hauburger.

Die Ermittler hätten klare Spuren gefunden, so Hauburger. Zudem hätten auch die beiden Beschuldigten im Ermittlungsverfahren umfangreiche Angaben gemacht. Zu den Details könne man jedoch keine Angaben machen, hieß es kurz vor Prozessbeginn.

Daniel Matysik

Grundsätzlich seien Mordfälle ohne Leiche allein schon deshalb kompliziert, weil oft wesentliche Beweismittel fehlten, erklärt Hauburger. "Ein Leichnam kann viel über den Tathergang oder die eingesetzte Waffe sagen." Besonders schwierig sei es, wenn zunächst erst bewiesen werden müsse, ob jemand überhaupt tot ist. Das sei für die Staatsanwaltschaft hier aber klar.

Anwalt der Familie: Eltern wollen Klarheit

Auch die Eltern von Daniel Matysik haben inzwischen keine Hoffnung mehr, dass ihr Sohn noch leben könnte. Sie treten im Prozess als Nebenkläger auf. Ihr Anwalt Alexander Hauer sagt, dass es ihnen vor allem um Aufklärung gehe: "Sie wollen einfach wissen, wie genau ihr Sohn getötet worden ist."

Nach derzeitigem Aktenstand sei es so, dass sich die Angeklagten wohl die Schuld gegenseitig zuschieben, so Hauer. Deshalb schaue die Familie ganz besonders auf die Frage, ob und wann sich die beiden persönlich im Prozess äußern werden. "Ich erwarte, dass das in irgendeiner Form kommen wird."

Mit einem schnellen Urteil ist nicht zu rechnen: Das Landgericht wird den Fall voraussichtlich mehrere Monate lang verhandeln. Der Prozess ist nach aktuellem Stand bis Ende September angesetzt. Die Anklageschrift umfasst 90 Seiten, es sollen 75 Zeugen und sieben Sachverständige gehört werden.

Angeklagter gab selbst wichtigsten Hinweis

Eine weitere Besonderheit an dem Fall ist, dass einer der nun angeklagten Männer ursprünglich die Ermittler erst auf die richtige Spur brachte. Der 44-Jährige sagte im Mai 2020 der Polizei, dass das mutmaßliche Opfer von einem gemeinsamen Bekannten getötet worden sei.

Daraufhin durchsuchte die Polizei den angegebenen Tatort in Hungen und mehrere Wohnungen - auch die des Hinweisgebers. Die Ermittler stellten DNA-Spuren an Kleidungsstücken und diverse Datenträger sicher. Nachdem im September 2020 daraufhin zunächst nur der 40-Jährige festgenommen wurde, geht die Staatsanwaltschaft aber seit Januar dieses Jahres davon aus, dass der Hinweisgeber selbst Mittäter war.

Weitere Mordfälle ohne Leiche

Es ist bei Weitem nicht der erste Mordfall ohne Leiche, der vor einem hessischen Gericht verhandelt wird. 2006 wurde beispielsweise in Frankfurt ein 23-Jähriger für den Mord am Millionärssohn Sascha Grimm verurteilt. Auch hier ging es um eine misslungene Entführung, an deren Ende ein Mensch starb. Der Mörder legte schließlich im Prozess ein Geständnis ab.

Ein weiterer Indizienprozess war der Fall einer jungen Mutter aus Waldsolms (Lahn-Dill). Sie wurde 2017 wegen Mordes angeklagt - knapp ein Jahr nach dem Verschwinden ihres neugeborenen Kindes, dessen Leiche nie gefunden wurde. Die Mutter hatte behauptet, der Vater hätte das Kind mit nach Albanien gebracht. Sie wurde schließlich wegen Totschlags zu neun Jahren Haft verurteilt.