Schild "Kein Platz für Hass" in Hanau

Marburger Forscher haben gemeinsam mit dem Bundeskriminalamt herausgefunden: Wo wenige Migranten leben, gibt es die meisten rassistischen Übergriffe. Ein Psychologieprofessor sucht Erklärungen und findet: Kontakt ist ein mächtiges Mittel, um Vorurteile abzubauen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Studie aus Marburg: Wo wenig Migranten leben, gibt es mehr rechte Straftaten

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In Hessen hat die Zahl der rassistisch motivierten Straftaten im letzten Jahr so stark zugenommen wie in keinem anderen Bundesland. Es sind schockierende Fälle, wie etwa der Mord an Walter Lübcke oder die Anschläge in Hanau. Doch ständig gibt es auch rechte Straftaten, die deutlich weniger Beachtung finden. Zum Beispiel diese Polizeimeldungen aus den letzten Wochen: Hakenkreuze in Leun (Lahn-Dill), Hiltlergruß in Friedberg (Wetterau), rassistische Beleidigungen in Idstein (Rheingau-Taunus).

Woran liegt das? Viele Menschen glauben, dass mehr Menschen mit Migrationshintergrund an einem Ort zu mehr Ausländerhass führen, weil sich die Alteingesessenen dann bedroht fühlen oder negative Erfahrungen machen. Auch in der Wissenschaft wird diese Theorie kontrovers diskutiert. Forscher aus Marburg haben jetzt in einer Studie mit dem Bundeskriminalamt (BKA) genau das Gegenteil belegt. Der Psychologieprofessor Ulrich Wagner hat die Studie geleitet.

hessenschau.de: Herr Wagner, haben Sie die Ergebnisse Ihrer Studie überrascht?

Ulrich Wagner: Nein, das haben sie nicht. Weil das Ganze im Kontext von vielen anderen Studien steht, die wir zur sogenannten Kontakthypothese durchführen. Es gibt auf dem Gebiet tatsächlich zwei ganz widersprüchliche Annahmen, sowohl in der Bevölkerung als auch in der Wissenschaft. Auf der einen Seite die Kontakthypothese: Wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund in der Nachbarschaft leben, habe ich Kontakt mit diesen Menschen und das mindert meine Vorurteile und mein ablehnendes Verhalten.

Auf der anderen Seite gibt es die sogenannte Bedrohungshypothese: Wenn mehr Menschen mit Migrationshintergrund in meiner Nachbarschaft leben, fühle ich mich bedroht. Und es gibt auch gute Gründe und viele empirische Untersuchungen darüber, dass Bedrohungsgefühle die Ablehnung steigern. Wir haben diese beiden Hypothesen miteinander konfrontiert und die Bedrohungstheorie damit widerlegt. Unsere Daten stimmen damit nicht überein.

hessenschau.de: Sie haben für die Studie mit dem BKA zusammengearbeitet. Wie sind Sie konkret vorgegangen?

Wagner: Wir haben eine statistische Analyse durchgeführt anhand von Daten zu fremdenfeindlichen Straftaten, die uns das Bundeskriminalamt aus der polizeilichen Kriminalstatistik 2016 für jeden Landkreis zur Verfügung gestellt hat.

Dann haben wir ausgewertet, wie viele Menschen ohne deutschen Pass in diesen Landkreisen leben und wie viele Geflüchtete. Das kann man dann miteinander verrechnen. Und unsere Ergebnisse stimmen mit unseren Vermutungen überein: Je höher der Anteil von Menschen ohne deutschen Pass in einem Bezirk ist, desto geringer die Anzahl fremdenfeindlicher Straftaten.

hessenschau.de: Wie erklären Sie sich das als Psychologe?

Wagner: Kontakt ist ein mächtiges Mittel, um Vorurteile abzubauen. Man kann in Untersuchungen zeigen, dass Kontakt tatsächlich dazu führt, diese stumpfe, globale Ablehnung der anderen zu reduzieren. Stereotypen also. Das bedeutet nicht, dass man sofort mit jedem Freundschaft schließt. Aber wir wissen, dass Kontakt Ängste und Befürchtungen reduzieren kann.

Und wir wissen, dass Kontakt dazu beiträgt, dass ich mich in die Situation der anderen besser hineinversetzen kann. Wenn ich mit Geflüchteten mal geredet habe, habe ich auch ein besseres Verständnis dafür: Wie ist eigentlich deren Lebenssituation? Und wir haben große Veranlassung anzunehmen: Wenn Vorurteile zurückgehen, geht auch diskriminierendes Verhalten zurück. Und dann geht auch die Gewalt zurück.

hessenschau.de: Nicht jeder Kontakt ist allerdings positiv. Es gibt ja auch durchaus Menschen, die ihre negativen Gefühle gegenüber Migranten mit schlechten Erfahrungen begründen. In dem Zusammenhang fällt oft das Stichwort "Silvesternacht in Köln 2015". Welche Auswirkungen haben denn solche Kontakte?

Wagner: Nicht jede Kontakterfahrung bewirkt eine Reduktion von Vorurteilen. Zum Beispiel wenn wir abends überfallen werden und den Eindruck haben, dass der Täter Migrationshintergrund hat. Wir wissen aber aus repräsentativen Befragungen, dass die Menschen sehr viel häufiger positive Kontakterfahrungen mit Ausländern angeben als negative Erfahrungen.

Aber manche Menschen greifen sich Einzelereignisse heraus. Dann haben sie einmal eine Negativerfahrung gemacht und das hängt dann in ihrem Kopf fest und bestimmt ihre Urteile. Dabei kennen sie noch ganz viele andere Menschen, mit denen sie positive Erfahrungen gemacht haben.

hessenschau.de: Es gibt ja möglicherweise noch ganz andere Faktoren, die fremdenfeindliche Einstellungen beeinflussen könnten. Haben Sie die ausgeschlossen?

Wagner: Wir haben eine Menge an Störfaktoren ausschließen können: die Bevölkerungsdichte, das Brutto-Sozial-Produkt oder die Größe der Gemeinden. Einen deutlichen Effekt hat nach wie vor, ob die Gemeinde in Ost- oder Westdeutschland liegt.

Das hängt tatsächlich damit zusammen, dass im Osten Deutschlands weniger Migranten leben und es deshalb weniger Kontakte gibt. Aber wir können nicht alles damit erklären, es gibt daneben auch noch andere Effekte. Das zeigen auch Daten aus anderen Untersuchungen durchgängig. Die Vorurteile und Ressentiments in Ostdeutschland sind größer als im Westen.

hessenschau.de: Woran liegt das?

Wagner: Das muss etwas zu tun haben mit der Geschichte Ostdeutschlands. Und mit den Erfahrungen und Gefühlen vieler Menschen nach der Wende - sie fühlten sich benachteiligt. Wir wissen aus anderen Untersuchungen, dass wirtschaftliche Prosperität etwas mit der Ablehnung von Fremden zu tun hat. Wenn es mir schlecht geht, neige ich dazu, die Fremden zu Sündenböcken zu machen.

hessenschau.de: Erst kürzlich wurde bekannt: In keinem anderen Bundesland ist im letzten Jahr die Zahl der rechten Straftaten so stark gestiegen wie in Hessen, rund 50 Prozent mehr als im Vorjahr wurden erfasst. Woran liegt das hier?

Wagner: Damit haben wir uns auch befasst. Ich will das Problem damit auf keinen Fall wegreden oder bagatellisieren, aber bei solchen Veränderungen müssen wir bedenken: Es sind relativ kleine Zahlen und damit könnten das auch Zufallsschwankungen sein.

hessenschau.de: Es gibt ja die Theorie, dass besonders schockierende, medienwirksame Fälle wie die Anschläge in Hanau oder der Mord an Walter Lübcke einen Nachahmereffekt hervorrufen könnten.

Wagner: Traurigerweise ist Deutschland ein internationales Forschungsfeld für genau diese Frage geworden. Das hat man leider bereits in den 90er Jahren eindeutig belegen können nach den furchtbaren Übergriffen auf Flüchtlingsheime, etwa in Rostock-Lichtenhagen oder in Mölln. Man konnte sehr deutlich nachweisen, dass die Anzahl der Berichte im Fernsehen und in den großen Tageszeitungen mit einem Anstieg an registrierten Straftaten zusammenhängt.

Das ist so drastisch gewesen, dass man wirklich von Ansteckungseffekten ausgehen muss. Potentielle Täter sehen in der Tagesschau, wie in Rostock-Lichtenhagen dieses Haus über Tage belagert wird und werden animiert, das Selbe zu machen. Deshalb haben Medien auch so eine große Verantwortung. Das ist keine Schuldzuweisung, aber ein Mechanismus.

hessenschau.de: Was sollen wir als Medien denn Ihrer Meinung nach anders machen, um fremdenfeindliche Straftaten nicht noch zu fördern?

Wagner: Bei anderen Phänomen, wie etwa Selbsttötungen gibt es da ja Vereinbarungen, darüber nicht zu berichten. Aber hier können Sie das ja nicht machen, weil es politische Taten sind. Ein Bericht ist auf jeden Fall notwendig, aber Sie können kontrollieren, wie Sie berichten: verängstigend oder neutral. Diese Straftaten haben ja einerseits Ansteckungseffekte und andererseits lösen sie auch Ängste in der Bevölkerung aus. Da ist Selbstkritik darüber wichtig, wie Sie berichten, und vor allen Dingen, wie Sie Bilder einsetzen.

Das Gespräch führte Rebekka Dieckmann 

Anmerkung: Bei den Beispiel-Polizeimeldungen rechter Straftaten aus den vergangenen Wochen haben wir zunächst geschrieben, in Dillenburg seien Hakenkreuze geschmiert worden. Die Tat ereignete sich jedoch im 30 Kilometer entfernten Leun. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.