Wie aus der Kfz-Werkstatt: Bio-Physiker Scheuch mit dem Aerolsol-Tester

Einfach ins Röhrchen blasen, fertig ist der Test: Das soll bei Corona bald genauso einfach sein wie bei Alkohol. Ein Aerosol-Forscher aus Nordhessen arbeitet daran.

Videobeitrag

Video

zum Video Forscher entwickelt Corona-Test-Gerät

hessenschau vom 02.10.2020
Ende des Videobeitrags

Das Gerät scheint aus einer Autowerkstatt zu stammen: Stecker, Display und zwei Schläuche. Der eine ist schwarz, der andere fast durchsichtig. Was Gerhard Scheuch aus Gemünden/Wohra (Waldeck-Frankenberg) hier entwickelt hat, ist aber nicht für Abgasuntersuchungen gedacht. Es soll entscheidend dazu beitragen, die Corona-Pandemie einzudämmen.

"Das wird wie ein Alkoholtester - nur für Aerosole", sagt Scheuch. Er ist Bio-Physiker, erforscht die Atemluft von Menschen und ist im ständigen Austausch mit dem Robert-Koch-Institut (RKI). Dessen Chef Lothar Wieler sei von der Idee begeistert.

Weltweit anerkannt

Scheuchs Kasten wird ja auch im besten Fall die Corona-Teststrategie revolutionieren. Ausgereift und in handlichem Format würde die Blackbox aus Nordhessen das innerhalb weniger Minuten tun. Einfach pusten und dann kurz auf das Ergebnis warten. "So könnten Superspreader sehr schnell gefunden werden", erklärt der Forscher.

Superspreader sind Infizierte, die für die Ausbreitung des Virus eine große Rolle spielen. Sie können sehr viele andere anstecken, weil sie besonders viele Viren mit ausatmen - bis zur hundertfachen Menge anderer Infizierter. Woran genau das liegt, ist den Wissenschaftlern noch ein Rätsel. "Diesem Phänomen spüren wir gerade nach", sagt Scheuch. Der Mann ist weltweit anerkannter Experte auf dem Gebiet.

Der Mensch als Aerosol-Fabrikant

Scheuch war Präsident der Internationalen Gesellschaft für Aerosole in der Medizin, machte sich später selbstständig. Gemeinsam mit Kollegen im Aerosolforschungsinstitut der Gesellschaft für Strahlenforschung in Frankfurt hat er schon in den 1980er-Jahren entdeckt: Unsere Lunge atmet nicht nur Schwebeteilchen aus der Luft wieder aus, sondern produziert selbst viele.

Diese Erkenntnis hilft der Wissenschaft gerade, auch die Ansteckungswege des neuen Coronavirus besser zu verstehen – und die wichtige Rolle der Superspreader. Von denen gibt es zwar nur sehr wenige. "Sie sind aber für 80 Prozent aller Infektionen verantwortlich", sagt Scheuch.

Solche und solche Teilchen

Bei der Ansteckung sind die Aerosolteilchen ein bedeutender Faktor, wie inzwischen klar ist - vor allem in Innenräumen. "Die meisten Schwebeteilchen sind nicht gefährlich. Doch es gibt eben auch die, an denen kleinere Viren anheften können", sagt Scheuch. Dabei sind die Aerosole selbst winzig und messen gerade einmal etwa einen Mykrometer. Ein menschliches Haar ist bis zu 50-mal dicker.

Wie das genau mit der Infektion über den Luftweg funktioniert, ist aber noch nicht klar. Der Gemündener Biophysiker will das herausfinden, Tausende Tests haben er und sein Team schon gemacht. Von dem kleinen Messkasten dafür hat eine Karlsruher Firma für Inhalationstechnik bisher acht Exemplare zu Forschungszwecken produziert.

Aufwendig, aber unscheinbar

Über das durchsichtige Mundstück zieht die Box die Atemluft eines Menschen an. Eine kleine Heizung entzieht der Atemluft über den schwarzen Schlauch die Feuchtigkeit. Übrig bleiben die schwebenden Teilchen. Sie werden von einer Lichtquelle angestrahlt, von einem Fotosensor gezählt. Das Messgerät zeigt so an, wie viele Partikel vorhanden sind.

Exhalation-Spektrometer lautet die Fachbezeichnung. Das Gerät ist technisch aufwendig, "obwohl man es dem Ding von außen nicht ansieht", sagt Scheuch. Das Prinzip ist nicht neu. Aber mit den heutigen Messtechniken könne das Gerät in viel kleinerer Form und viel größerer Anzahl hergestellt werden, so die Hoffnung Scheuchs.

Ans Handy andocken

Seine Vision ist es, die Apparatur auf Schachtelgröße zu schrumpfen, damit man sie an jedes Handy andocken könnte. Eine App würde dann die Messwerte berechnen. "Das wäre mein Traum", sagt der Wissenschaftler.

Billiger müsste das Corona-Pustegerät dabei auch noch werden. Momentan kostet der Spektrometer zwischen 25.000 und 30.000 Euro. Mit rund 500 Probanden sollen die Tests noch im November beginnen.

Hinweis: In einer früheren Version verorteten wir irrtümlich Gemünden/Wohra in Mittelhessen. Dort gibt es ein Gemünden, allerdings liegt dieses an der Felda. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 02.10.2020, 19.30 Uhr