Eine Villa mit einem Eintrittsportal auf dem "Kronen-Schlösschen" steht.

Weinflaschen im Wert von mehreren hunderttausend Euro verschwanden Anfang des Jahres aus dem Kronen-Schlösschen in Eltville. Die Besitzer sahen eine Weinmafia am Werk, stehen jetzt aber selbst im Fokus der Ermittler. "Völlig absurd", finden sie.

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Die Nachricht vom Weindiebstahl im Nobelhotel Kronen-Schlösschen in Eltville (Rheingau-Taunus) verbreitete sich im Januar nicht nur unter Kennern. Unbekannte sollen 500 der edelsten Tropfen aus dem Bestand des familiengeführten Unternehmens gestohlen haben. Dem hr sagte Hotelchefin Johanna Bächstädt damals: "Das war kein normaler Einbruch." Eine Einschätzung, die mittlerweile auch die Ermittler teilen - allerdings aus anderen Gründen.

Während Bächstädt mit ihrer Vermutung auf eine international agierende Diebesbande hinauswollte, glaubt die Wiesbadener Staatsanwaltschaft an einen möglichen Insider-Job. Das hätten unter anderem Hinweise von außen ergeben, sagte Oberstaatsanwalt Andreas Winckelmann der Bild, die zuerst über die Betrugsermittlungen berichtete. Mehrmals durchsuchten Ermittler demnach seit vergangener Woche das Kronen-Schlösschen selbst und auch Räume von Bächstädt und ihrem Vater, Besitzer Hans B. Ulrich, sowie einem weiteren Sommelier.

Täter fanden die teuersten Nadeln im Heuhaufen

Wie die Staatsanwaltschaft dem hr am Mittwoch bestätigte, gibt es große Zweifel an der Version, die die Hotelchefin im Januar auch dem hr schilderte. Da wäre zum einen die hohe Schadenssumme, die Bächstädt mit 350.000 Euro bis 450.000 Euro bezifferte. Und zum anderen seien die Tatortspuren ungewöhnlich für einen solchen Einbruch. Es stelle sich außerdem die Frage, wie die vermeintlichen Täter so schnell die kostbarsten Exemplare in dem mit rund 70.000 Wein- und Sektflaschen prall gefüllten Keller ausfindig hätten machen können, ohne deutlichere Spuren zu hinterlassen.

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Um in den Weinkeller zu gelangen, hätten Diebe mehrere Stahltüren aufbrechen müssen, eine davon kann nur mit einem Fingerabdrucksensor geöffnet werden. So wurde schnell klar, dass keine Jugendbande oder andere Einbruchsamateure am Werk gewesen sein konnten. Hotelchefin Bächstädt sagte dem hr im Januar : "Man sieht, dass sie entweder eine gute Einkaufsliste hatten oder sich selber sehr gut auskannten." Verschwunden waren Weinflaschen im Einzelwert von bis zu 18.500 Euro. "Eine Schocknachricht", sagte Bächstädt damals.

Hotelbesitzer wehrt sich - und beschuldigt Versicherung

Der Besitzer des Kronen-Schlösschen, Hans B. Ulrich, reagierte verärgert auf die Vorwürfe. "Es werden absolut integre Menschen eines schweren Verbrechens beschuldigt, und das ausschließlich mit vagen, völlig absurden Unterstellungen - ohne einen einzigen konkreten Verdacht", wehrte er sich in einer Stellungnahme am Mittwoch. Er vermutet hinter den Ermittlungen einen taktischen Schritt seiner Versicherung. Diese habe sich ohne Begründung geweigert, den Schaden zu zahlen - obwohl ein Sachverständiger den Bestand nach dem Einbruch sowie die Inventurlisten geprüft und für schlüssig befunden habe. Das Kronen-Schlösschen habe deswegen Mitte März eine Zivilklage beim Landgericht Wiesbaden eingereicht, erklärte Ulrich.

Die Versicherung soll darauf ihrerseits mit einer Strafanzeige wegen Betrugsverdachts reagiert haben. "Geäußert wird der Verdacht, Inhaber und Geschäftsführerin hätten im Zusammenwirken mit einem Mitarbeiter selbst den Einbruch fingiert und begangen, die Weine an eigene Kunden verkauft und danach geplant, den Versicherungswert zusätzlich zu vereinnahmen", so Ulrich. Dieser Vorwurf sei völlig absurd. Auch das Vorgehen der Polizei kritisiert er in der Stellungnahme: Bis heute habe sie nicht ein einziges Gespräch mit den Beschuldigten geführt, obwohl sie ihre Mitarbeit bei der Aufklärung des Verbrechens angeboten hätten.

Weinmafia oder Betrug?

Ob in Wien, Graz oder Paris: Ulrich zählt in seiner Stellungnahme zahlreiche Einbrüche in exquisite Restaurants mit teuren Weinbeständen auf, die ihm zufolge ähnlich abgelaufen sind. Er sieht darin den Beweis für eine international agierende Weinmafia. Ob Polizei und Staatsanwaltschaft auch zu diesem Ergebnis kommen, wird sich im Laufe der Ermittlungen zeigen. Bei den Razzien in der vergangenen Woche stellten sie neben Unterlagen auch elektronische Speichermedien sicher. Deren Auswertung werde sich allerdings über einige Wochen hinziehen.

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zum hr-fernsehen.de Video Maintower vom 18.1.2021: Teure Weinflaschen gestohlen

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Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 20.05.2021, 16.45 Uhr