Völlig zerstörte Bahngleise bei Marienthal im Ahrtal in Rheinland-Pfalz. (dpa)

Unsere Reporter haben auch in diesem Jahr von großen Prozessen berichtet, von Unglücken und bewegenden Schicksalen: Hier erzählen sie, was sie persönlich am meisten berührte.

Das Jahr ist so gut wie vorbei und wie immer blicken wir zurück auf die Nachrichten der vergangenen Monate, über die hr-Reporterinnen und Reporter vor Ort berichtet haben. Normalerweise bleibt die persönliche Sicht der Berichterstatter dabei aus. In diesem Rückblick erzählen einige von ihnen, welche Ereignisse sie besonders in Erinnerung behalten haben.

Hilfesuchende werden von der Polizei bedroht

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Vorwürfe gegen Hanauer Polizei

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Ende April 2021: Zwei junge Hanauer werden auf einem Waldparkplatz von einem Unbekannten bedroht. Sie wenden sich an die Polizei, doch dort werden sie beleidigt und erneut bedroht. Eine Erfahrung, die die beiden jungen Menschen zutiefst verunsichert. Aber: Sie haben das Gespräch auf der Wache aufgezeichnet und wenden sich damit an unseren Reporter Heiko Schneider, der über den Fall berichtet und somit ein Verfahren gegen einen Polizisten in Gang bringt.

"Ich erinnere mich noch ganz genau, wie es mir eiskalt den Rücken runterlief, als ich das erste Mal hören konnte, was der Polizist da von sich gab. Es gibt eine Aufzeichnung des Gesprächs zwischen dem Polizisten und dem jungen Mann, Abdulkerim, der Hilfe von der Polizei wollte und deswegen auf der Wache in der Hanauer Innenstadt war.

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„Statt Hilfe gab es von dem Polizisten Sätze wie "Verpiss dich jetzt, sonst hau' ich dir auf die Fresse."“ Heiko Schneider Heiko Schneider
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Aber statt Hilfe gab es von dem Polizisten Sätze wie 'Verpiss dich jetzt, sonst hau' ich dir auf die Fresse.' Er hat den jungen Mann als 'Vollidiot' bezeichnet und gedroht, ihn zu verprügeln und ihn in die Zelle zu bringen. Das fand ich wirklich unglaublich. Wenn ich mir die Aufzeichnung heute anhöre, dann geht’s mir immer noch genauso.

Man erwartet ja so etwas erst mal nicht von einem Polizisten. Hier haben sich zwei Menschen von einem Unbekannten mit einer Waffe bedroht gefühlt, aber sie bekommen keine Hilfe, sondern es passiert das Gegenteil. Und das ausgerechnet in Hanau.

Ich berichte seit mittlerweile fast zwei Jahren über den rassistischen Anschlag von Hanau, über die Folgen und auch über die Vorwürfe gegen die Polizei. Da sollte man eigentlich meinen, hier in Hanau sei man nach diesem schrecklichen Ereignis sensibel in solchen Angelegenheiten. Aber ganz offensichtlich ist das nicht so.

Nicki und Abdulkerim haben sich im Vertrauen an mich gewandt. Sie hatten Angst, dass ihnen diese Geschichte niemand abkauft. Sie ließ sich mit der Aufzeichnung dann zum Glück belegen. Es ist also genau so passiert."

Heiko Schneider

Gegen den Polizisten läuft ein Strafverfahren der Staatsanwaltschaft. Der Mann wurde versetzt und ist mittlerweile im Ruhestand. Laut Staatsanwaltschaft soll es Anfang des Jahres Ergebnisse im Strafverfahren geben.

Das Urteil im Lübcke-Prozess und die Familie des Opfers

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Lebenslange Haftstrafe für Ernst

hs
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Ganz Deutschland blickt auf den Ausgang des Prozesses gegen den Mörder von Walter Lübcke und seinen mutmaßlichen Komplizen: Am 28. Januar verurteilt das Oberlandesgericht Frankfurt Stephan Ernst zu einer lebenslangen Haftstrafe und stellt eine besondere Schwere der Schuld fest.

Der Mitangeklagte Markus H. wird wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz zu eineinhalb Jahren auf Bewährung verurteilt, vom Vorwurf der "psychischen Beihilfe" wird er freigesprochen. Reporterin Heike Borufka hat den Prozess von Beginn an verfolgt. Nachdrücklich beeindruckt ist sie vom Auftritt der Familie Lübcke.

"Die Familie war an jedem Verhandlungstag anwesend, häufig komplett, also Witwe Lübcke und die beiden Söhne. Das war sehr eindrücklich, weil diese Familie so zurückhaltend war. Sie hat dadurch sehr viel deutlicher gezeigt, welches Leid über diese Familie gekommen ist.

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„Die Familie hat klar gezeigt, um welche Werte es hier geht - es sind die Werte, für die Walter Lübcke eingestanden hat und für die er schließlich gestorben ist.“ Heike Borufka Heike Borufka
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Die Familie hat die Folgen so spürbar gemacht. Besonders beeindruckend war, als Frau Lübcke als Zeugin ausgesagt hat. Ganz am Ende hat sie sich zu Stephan Ernst gewandt und ihn gebeten, jetzt doch wirklich die Wahrheit zu sagen. Die Familie hat klar gezeigt, um welche Werte es hier geht - es sind die Werte, für die Walter Lübcke eingestanden hat und für die er schließlich gestorben ist.

Die Familie war am Ende sehr zufrieden mit dem Urteil gegen den Mörder Stephan Ernst und war sehr unzufrieden mit dem Urteil gegen Markus H.."

hr-Gerichtsreporterin Heike Borufka

Gegen die Urteile ist Revision eingelegt worden. Der Bundesgerichtshof prüft sie auf Rechtsfehler. Sollte das Urteil gegen Stephan Ernst Bestand haben, muss dieser lebenslang in Haft - es sei denn, er steigt - wie er angekündigt hat - aus dem Rechtsextremismus aus und kann am Ende Gutachter davon überzeugen, dass ihm das gelungen ist. Doch diese Frage stellt sich frühestens in 17 oder 18 Jahren.

Eindrücke wie aus einem Zombiefilm im Hochwassergebiet

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Menschen aus Hessen helfen weiter nach Flutkatastrophe

hessenschau vom 12.08.2021
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Mitte Juli werden ganze Straßenzüge im Ahrtal (Rheinland-Pfalz) vom Hochwasser völlig zerstört. Aus Hessen machen sich Helferinnen und Helfer auf den Weg in das Katastrophengebiet. Vor Ort treffen sie auf verzweifelte Menschen und verlorene Existenzen. Für unseren Reporter Benjamin Müller Bilder, die er nicht mehr vergessen kann - so wie auch die schönen Momente von Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft.

"Am ersten Tag nach den Überschwemmungen bin ich in diese Gegend reingefahren und habe gedacht, ich wäre in einem Zombiefilm, weil das alles so surreal aussah. Ich habe die erste Nacht im Auto geschlafen. Die gesamte Infrastruktur war kaputt. Der Handyempfang war unten im Tal komplett weg.

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„Woher solche Leute die Kraft nehmen - keine Ahnung. Aber ich bin froh, dass es sie bei uns in Hessen gibt.“ Benjamin Müller Benjamin Müller
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Für die Menschen vor Ort gab es natürlich viel größere Probleme. Das waren wirklich diese existenziellen Fragen, die wir gar nicht so mitbekommen, wenn wir gemütlich in unserem Zuhause sitzen. Da erzählen Menschen, dass Tote an ihnen vorbei geschwommen sind. Dass sie alles verloren haben, was sie besitzen.

Ein Mann hat mir erzählt, dass er seine Katze hoch in den dritten Stock gebracht hatte, bevor er sein Haus verlassen musste. Als er zurück gekommen ist, hat er gesehen: Die Katze hat überlebt. Das war für ihn so bewegend, ihm hat das in dem Moment alles bedeutet.

Wie unwichtig unsere Alltagsprobleme manchmal sind, wenn es dann wirklich an die Existenz geht und an das, was man so sehr liebt - das ist bei mir hängen geblieben ist. Das hat mich auch noch beschäftigt, als ich wieder in meine heile Welt nach Hessen zurückgekommen bin.

Was mich außerdem beeindruckt hat: der Zusammenhalt. Ein Schreiner aus Eichelsdorf an der Nidda fährt bis heute fast jedes Wochenende ins Ahrtal. Er arbeitet nebenher ganz normal und kriegt nichts dafür. Woher solche Leute die Kraft nehmen - keine Ahnung. Aber ich bin froh, dass es sie bei uns in Hessen gibt."

Mittlerweile wird im Ahrtal teilweise wieder aufgebaut, noch immer gibt es Unterstützung von einigen Menschen aus Hessen. Wie vor der Katastrophe werden die Orte jedoch vermutlich nie mehr aussehen - viele Menschen können und wollen sich dort ihr Leben nicht wieder neu aufbauen.

Ein Platz im Flugzeug: Flucht aus Afghanistan nach Hessen

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Afghanistan-Rückkehrer in Frankfurt gelandet

hs
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Tage der Angst in Afghanistan: Nach der Machtübernahme der Taliban im August versuchen viele aus dem Land zu fliehen, einen Platz im Flugzeug auch nach Frankfurt zu ergattern. Vanessa Faizi aus Hofheim im Taunus ist dort zu der Zeit zu Besuch. Auch ihr wird schnell klar: Sie muss raus aus dem Land. Sie schafft es in ein Flugzeug zurück nach Hause und landet in Frankfurt. Reporter Tobias Weiler sprach damals mit der 26-Jährigen.

"Vanessa Faizi hat in wenigen Tagen Extreme durchlebt. Erst der Alltag als Lehramtsstudentin in Deutschland, dann die Reise nach Afghanistan. Da ist sie auf einer Hochzeit der Familie gewesen. Die ersten Tage waren total schön, sagte sie mir. Dann kam die Panik durch die Taliban.

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„Was die junge Frau mir erzählt hat, klingt für mich wie ein Alptraum, aus dem du nicht aufwachst.“ Tobias Weiler Tobias Weiler
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Dagegen wirkt das wie ein kleines Problem: Auf der Flucht hat sie ihr Gepäck und den Haustürschlüssel für ihr Zuhause in Hofheim verloren. Das Schloss lässt sich aufbrechen. Die traumatischen Erlebnisse in Kabul bleiben.

Was die junge Frau mir erzählt hat, klingt für mich wie ein Alptraum, aus dem man nicht aufwacht. Mehrmals versucht sie am Kabuler Flughafen, sich durch zu kämpfen im Menschengedränge, um zum Flugzeug der Bundeswehr zu gelangen.

Der rettende Flieger ist so nah, aber es sind so viele Menschen, die alle gerettet werden wollen. Sie kommt einfach nicht durch. Irgendwer schießt plötzlich direkt vor ihr auf Menschen. Dann schafft sie es endlich zu den Bundeswehr-Soldaten am Flugzeug."

hr-Reporter Tobias Weiler im Kleiderschrank

Wenige Wochen später wurde der Einsatz der Alliierten in Afghanistan offiziell beendet. Die letzten US-Truppen haben die Hauptstadt Kabul am 31. August verlassen. Noch im November konnten Ortskräfte, die für die Bundeswehr arbeiteten, mit ihren Familien in Flugzeugen aus dem Land gerettet werden. Ein eigenes Aufnahmeprogramm für Menschen aus Afghanistan, wie von Opposition und Hilfsorganisationen gefordert, hat die schwarz-grüne Landesregierung abgelehnt.

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Noch mehr aus 2021

Der nachrichtliche Jahresrückblick fasst in zwei Teilen die wichtigsten Ereignisse Hessens aus 2021 zusammen. Da die Corona-Pandemie das Jahr noch immer stark geprägt hat, haben wir die Pandemie-Entwicklungen in zwei eigenen Texten gesammelt.

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