Der Angeklagte steht zwischen zwei Justizbeamten und verdeckt sein Gesicht mit einem Ordner

Er soll vor einem Jahr an der ICE-Strecke Frankfurt-Köln mehr als 250 Schienenschrauben gelöst haben. Dafür will die Staatsanwaltschaft den Angeklagten 13 Jahre ins Gefängnis schicken. Die Verteidigung sieht das komplett anders.

Im Prozess um eine mutmaßliche Sabotage an der ICE-Strecke Frankfurt-Köln fordert die Staatsanwaltschaft 13 Jahre Haft für den 52 Jahre alten Angeklagten. Sie wirft ihm vor, im März 2020 nahe der Theißtalbrücke bei Niedernhausen (Rheingau-Taunus) über 250 Schienenschrauben gelöst zu haben.

Damit habe der Mann es billigend in Kauf genommen, dass ein Zug entgleist und sehr viele Menschen getötet werden. Der Angeklagte sei nach der Beweisaufnahme unter anderem des versuchten Mordes überführt, sagte die Staatsanwältin am Montag in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Wiesbaden.

Katastrophe wäre wenige Züge später passiert

Die Sabotage blieb glücklicherweise ohne schwere Folgen. Zwei Lokführer hatten am 20. März 2020 Schläge und ein verändertes Fahrverhalten der Züge auf diesem Streckenabschnitt bemerkt. Daraufhin wurden in einem 80 Meter langen Bereich lose Gleise entdeckt.

ICE-Strecke: Teißtalbrücke

Bis zur Entdeckung der Sabotage hatten bereits 414 Züge den Streckenabschnitt passiert. Laut einem Sachverständigen hätte es nur fünf bis 30 weitere Züge gebraucht, bis ein Zug entgleist wäre. Bei einer Entgleisung bei 300 Stundenkilometern sei "ein katastrophaler Ausgang mit einer Vielzahl von Toten" wahrscheinlich gewesen. Zwei Gleisüberführungen und eine Tunneleinfahrt hätten das Risiko begünstigt.

Als Retter vor Anschlag inszeniert

Der Angeklagte war bereits früher auffällig. Vor Jahren hatte er mehrmals unter anderem an das Bundeskanzleramt Briefe geschrieben und behauptet, eine islamistische Terrorzelle bereite Anschläge auf den Bahnverkehr vor. Nur er könne die Anschläge verhindern. Dafür forderte er überzogen hohe Geldbeträge. Als er nicht die gewünschte Reaktion erhielt, soll er sich laut Anklage entschlossen haben, die Schrauben zu lockern.

Noch vor seiner Festnahme warnte er die Bundespolizei und das Kanzleramt vor den losen Gleisen. Zur Tatzeit war er ohne festen Wohnsitz und hatte bereits eine große Zeit seines Lebens in Haft verbracht. Er ist 22-mal vorbestraft und hat mehrere Einbrüche begangen.

Nach Gleisbauwerkzeug recherchiert

Im Prozess wurden am Montag auch Whatsapp-Nachrichten vorgeführt, die er Anfang März 2020 an seinen Sohn geschrieben hatte: "Dein alter Herr kann mehr als nur Tresore knacken." Nun beginne die "Härtephase".

Bei der Auswertung seines Laptops ergab sich, dass er nach Gleisbauwerkzeugen recherchiert und die Strecke ausgekundschaftet hatte. Geeignetes Werkzeug wurde auch in seinem Auto gefunden. Wenige Tage nach Entdeckung der losen Gleise wurde der Mann bei Köln festgenommen. Seit Ende Januar steht er vor Gericht.

Verteidigung fordert Freispruch

Die Verteidigung sprach von einem "reinen Indizienprozess" mit "sehr vielen Fragezeichen" und forderte einen Freispruch. Die Täterschaft des Angeklagten sei nicht bewiesen. So sei er nie am Tatort gesehen worden - DNA oder Fingerabdrücke gebe es nicht. Gleichzeitig wertete die Verteidigung die Warnungen des Mannes bei Bundespolizei und Kanzleramt als strafbefreienden Rücktritt. Der mehrfach vorbestrafte 52-Jährige verzichtete auf ein letztes Wort. Das Urteil soll am kommenden Montag fallen.

Sendung: hr3, 22.03.2021, 14.00 Uhr