Friseurin sammelt Haare

Öl, Benzin oder auch Sonnenmilchreste verschmutzen die Meere. Etliche Friseure weltweit wollen dabei nicht tatenlos zusehen. Tausende spenden die Haarabfälle aus ihren Salons, um daraus saugfähige Filter herstellen zu lassen - auch Friseure in Hessen.

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Mit Haaren gegen Umweltkatastrophen

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Im Friseursalon abgeschnittene Haare sind viel zu schade, um sie achtlos in den Müll zu werfen. Diese Erkenntnis hat auch Katja Fischer gewonnen. Im Salon der Friseur-Meisterin in Neuenstein (Hersfeld-Rotenburg) landen die Haare nicht im Abfall, nachdem sie auf den Boden gefallen sind.

Fischer packt sie in eine Papiertüte. Und die wird, wenn sie prall gefüllt ist, auf eine weite Reise geschickt. Ihre Mission: mit kleinen Mitteln einen großen Beitrag leisten, um die verschmutzten Weltmeere zu reinigen.

"Haare sind kostbares Material", hat Fischer herausgefunden. Denn ein Kilogramm Haare filtert bis zu acht Liter Öl oder andere Schadstoffe aus dem Wasser. Und deswegen schickt sie die große Papiertüte mit Frisur-Überresten zu ihrem Berufskollegen Thierry Gras. Der französische Friseur und passionierte Umweltaktivist gründete 2015 die Organisation Coiffeurs justes, also die "fairen Friseure".

3.400 Friseure weltweit machen mit

Etwa 3.400 Mitglieder haben sich bereits angeschlossen, darunter rund drei Dutzend in Deutschland. In Hessen ist es neben Katja Fischer zum Beispiel der Salon Carlos Weiss in Offenbach. Und sie alle senden die gesammelten Haare zu Gras nach Südfrankreich.

Dort werden sie in Ölfilter verwandelt: Langzeitarbeitslose stopfen die Haare in ausgediente, besonders reißfeste orthopädische oder Nylon-Strümpfe. Diese werden mit Korken für den Auftrieb versehen und zu langen Haar-Strumpf-Ketten verbunden. So entstehen schwimmende und saugfähige Ölsperren.

Drei Menschen stehen in Schutzkleidung im Meer und versuchen mit einer Art Wulst das ausgelaufene Öl aufzunehmen.

Die Ölsperren können vielfältig verwendet werden; zum Beispiel in Hafenbecken, wo sich ausgelaufene Betriebsstoffe von Motorbooten sammeln. Oder auch an stark besuchten Strandabschnitten, wo die Sonnencreme der Badegäste ins Meer gelangt.

Rettungseinsatz vor Mauritius

Im großen Maßstab können sie aber auch bei Umweltkatastrophen zum Rettungseinsatz kommen. Naturschützer Gras transportierte bereits 20 Tonnen Haare nach Mauritius. Vor der Küste der Insel östlich von Afrika ereignete sich im Sommer 2020 ein Tanker-Unglück, 1.000 Tonnen Öl liefen aus.

Um die Ausbreitung dieser bedrohlichen Schmiere zu begrenzen und aus dem Wasser aufzunehmen, wurden unter anderem auch die wulstigen Haar-Strumpf-Ketten aus Südfrankreich verwendet - womöglich auch angesichts anderer technischer Alternativen, die nicht überall zur Verfügung stehen.

Foto (Vogelperspektive), das zeigt, wie Öl aus einem Schiff in das Meer strömt.

Gewöhnlich nutzen Experten beim Eindämmen solcher Unfälle Maschinen, mit denen sie das Öl von der Wasseroberfläche absaugen, erklärt Michael Walsdorf. Er ist Sprecher im auch für Hessen zuständigen Landesverband des Technischen Hilfswerks (THW) in Mainz.

Wo der Wellengang nicht so stark sei, etwa in Strand- und Küstennähe, könne er sich auch die alternative Verwendung der Haarfilter vorstellen. "Vom ökologischen Gedanken her eine tolle Idee, dass Haare eine weitere sinnvolle Verwendung finden", sagt Walsdorf.

Haarabfälle haben nützliche Eigenschaften

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Haare sammeln für den Gewässerschutz

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Dass man aus abgeschnittenen Haaren Perücken herstellen kann, zum Beispiel für krebskranke Patienten nach dem Verlust des Haupthaars - das ist soweit bekannt. Aber dass anderweitige, ungeahnte Talente in Haarabfällen stecken - das hat sich noch nicht weit herumgesprochen. Auch nicht bei der Kundschaft von Friseurin Fischer in Neuenstein.

Einen Kundin sagt: "Super, dass man etwas für die Umwelt tun kann, auch wenn man nur ein paar Zentimeter Haare spendet. Ich hätte nicht gedacht, dass man sie nutzen kann, um etwas gegen immer wiederkehrende Umweltkatastrophen auf unseren Weltmeeren zu unternehmen."

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Haare haben tatsächlich sehr nützliche Eigenschaften. Sie gelten als lipophil (fettfreundlich). Das liegt an ihrer Struktur. Sie sind nicht glatt, wie es den Anschein hat, sondern bestehen aus Hornschuppen. Diese erinnern optisch an einen Tannenzapfen. Und diese Struktur sorgt dafür, dass Fett daran haftet. "Es ist auch egal, welche Farbe sie haben, ob sie gewellt oder glatt sind - sie können alle gleich gut Öle aufnehmen", erklärt Friseurin Fischer.

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Experiment: "Es funktioniert"

Zur Demonstration zeigt Friseur-Meisterin Fischer ein kleines Experiment: Sie gibt in ein gefülltes Wasserglas ein paar Tropfen Speiseöl und saugt es mit einem mit Haaren gefüllten Strumpf fast komplett wieder auf. "Es funktioniert", sagt sie begeistert.

Und das Gute ist: Die Haar-Strumpf-Filter lassen sich auch reinigen und wiederverwenden. Bis zu achtmal, wie Umweltaktivist Gras herausgefunden hat. Und wenn die Haare auch dafür nicht mehr taugen und ihre Saugkraft verloren haben, dann könne man sie als Dämm-Material verwenden.

Friseurin Haare Ölsperre

Geld bekommt Fischer übrigens nicht für ihre Haar-Spenden, wie sie anmerkt. Im Gegenteil: Es kostet sie Geld - den Mitgliedsbeitrag bei der Organisation, das Geld für die Papiertüten und das Porto für den Versand. "Aber das ist es mir wert", betont sie. Wer den Aufwand nicht betreiben wolle, Haare nach Südeuropa zu senden, der könne beim deutschen Pendant Mitglied werden.

Friseurin Haare Ölsperre

Denn mittlerweile hat sich in Deutschland die Gruppe mit dem internationalen Namen "Hair Help the Oceans" etabliert. Sie verfährt ähnlich wie die Kollegen in Frankreich und sieht großes, noch nicht ausgeschöpftes Potenzial für die Idee. Denn pro Jahr würden etliche Tonnen Haar-Reste von den mehr als 80.000 Friseursalons hierzulande im Müll entsorgt.

"Angesichts der großen Abfallmengen in Salons wäre es klasse, wenn mehr Friseure mitmachen. Einer allein kann nicht die Welt retten. Aber zusammen genommen ergeben sich Möglichkeiten - eine sehr gute Idee", sagt ein Kunde und verlässt frisch frisiert und zufrieden den Salon bei Katja Fischer.

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