Stammkneipe Schütze Wächtersbach
Das "Martinseck" war die Stammkneipe von Roland K. Bild © hr

Der mutmaßliche Schütze von Wächtersbach galt als Außenseiter, seine rechte Gesinnung war unter den Nachbarn bekannt. In seiner Stammkneipe prahlte er nach hr-Informationen vor und nach den Schüssen auf den Eritreer mit seiner Tat.

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zum Video Schütze wählte Eritreer wegen dessen Hautfarbe aus

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Für die Nachbarn im Biebergemünder Ortsteil Wirtheim (Main-Kinzig) kam die Tat nicht überraschend: "Der Roland ist schon immer so ein Durchgeknallter gewesen", sagt Andreas Büchner, der ein paar Häuser entfernt vom mutmaßlichen Schützen von Wächtersbach wohnt. In der Nachbargemeinde soll Roland K. am Montag aus rassistischen Motiven auf einen Eritreer geschossen haben und tötete sich anschließend selbst.

Gerüchte über Gewaltphantasien

Die Nachbarschaft habe Abstand zu dem 55-Jährigen gehalten, erzählt Büchner am Dienstag dem hr. Erst vor zwei Jahren sei K. aus dem etwa 30 Kilometer entfernten Erlensee nach Wirtheim gezogen. Schnell seien Gerüchte über K.s Gewaltphantasien umgegangen, sagt Büchner: So habe der gelernte Metzger schon immer wissen wollen, wie es sei, wenn ein Mensch angeschossen werde oder sterbe. Auch seine rechtsextreme Gesinnung sei bekannt gewesen.

"Im Schützenverein war er. Er hat Waffen daheim gehabt", erklärt der Nachbar. "Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass es irgendwann einmal so kommt."

Tat vorher angekündigt

In seiner Stammkneipe, dem "Martinseck" in Biebergemünd-Kassel, scheint der 55-Jährige die Tat vorher angekündigt zu haben. Nach hr-Informationen hat K. vor und nach den Schüssen auf den Eritreer damit geprahlt. In dem Lokal soll der Mann am Vormittag erklärt haben, er knalle nun einen Flüchtling ab.

Anschließend sei er ins Auto gestiegen und habe aus dem Fahrzeug heraus drei Mal auf den Eritreer geschossen, eine Kugel traf den Mann in den Bauch. Die Tat geschah gegen 13 Uhr in der Industriestraße in Wächtersbach. Der 26 Jahre alte Familienvater, ein wegen seiner Hautfarbe gewähltes Zufallsopfer, überlebte dank einer Not-Operation schwer verletzt. Nach den Schüssen kehrte K. zurück in die Kneipe und berichtete dort bereitwillig von seiner Tat.

"Ganz normal sein Bier getrunken"

Kneipenwirt Dirk R. äußert sich am Tag danach zurückhaltend. Er bestätigt, dass der mutmaßliche Schütze gegen 11 Uhr in die Kneipe kam und "ganz normal seine zwei, drei Bier getrunken" habe. Dann sei K. weggefahren, gegen 14.30 Uhr wiedergekommen und habe sich normal verhalten: "Er hatte nur eine Tasche dabei, was für ihn ungewöhnlich war." Womöglich befand sich darin die Tatwaffe.

Wohnhaus Roland K. in Biebergemünd-Wirtheim
Das Wohnhaus des mutmaßlichen Schützen in Biebergemünd-Wirtheim. Bild © Heiko Schneider (hr)

Nachdem Roland K. das "Martinseck" am Montagnachmittag ein zweites Mal verließ, erschoss er sich kurz darauf in unmittelbarer Nähe in seinem silbernen Toyota. Zuvor wählte er nach hr-Informationen noch selbst den Notruf der Polizei und kündigte weitere Taten an. Wörtlich soll er gesagt haben, er werde nun einen Halbschwarzen erschießen und dann sich selbst. Als das Spezialeinsatzkommando der Polizei gegen 16.15 Uhr im Ortsteil Kassel eintraf, fand es K. leblos in seinem Wagen vor.

"Kneipengebabbel" und Probleme mit "Asyljungs"

Als Kneipenwirt Dirk R. später von der Tat erfahren habe, habe er es zunächst nicht glauben können. Es seien seit Jahren immer wieder Sprüche von K. gefallen, die aber niemand ernst genommen habe, so der Wirt. Sprüche wie: "Wenn ich geh, nehme ich einen oder mehrere mit." Seine Gäste und er hätten das als "Kneipengebabbel" abgetan, sagt R., der bereits am Tattag von der Polizei befragt wurde.

Der 55-Jährige habe schon ein Problem mit den "Asyljungs" gehabt, aber konkrete Personen habe er nie im Visier gehabt, berichtet der Kneipier über seinen Stammgast. Bekannt sei gewesen, dass K. Geldsorgen hatte. Deswegen habe er über einen Schützenverein aus der Umgebung, bei dem er Mitglied war, eine seiner Waffen verkauft.

1.000 Schuss Munition gefunden

Die Generalstaatsanwaltschaft bestätigte am Dienstag lediglich, dass bei der Durchsuchung von K.s Wohnung rund 1.000 Schuss Munition und fünf Waffen gefunden worden sind.

Sendung: hessenschau, 23.7.2019, 19.30 Uhr