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Krisenstab wegen Missbrauchs in Schule

hessenschau vom 10.01.2022

An zwei Grundschulen in Nord- und Osthessen ist der Start nach den Ferien für Schüler, Eltern und Lehrer mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Dem ehemaligen Rektor wird Kindesmissbrauch vorgeworfen. Ein Krisenstab soll bei der Aufarbeitung unterstützen.

Nur wenige Tage vor dem Ende der Winferferien sind die Vorwürfe bekannt geworden: Der ehemalige Rektor zweier Grundschulen in Wehretal (Werra-Meißner) und Rotenburg an der Fulda (Hersfeld-Rotenburg) soll Kinder sexuell missbraucht haben.

Dieser schreckliche Verdacht macht die Rückkehr für die Kinder und ihre Lehrkräfte nach den Ferien an diesem Montag schwer. Das Entsetzen und die Verunsicherung sind auch vielen Eltern anzumerken, die ihre Kinder am Morgen wieder zur Grundschule in Wehretal bringen. "Ganz schlimm", beschreibt Mutter Olivia Vogel ihre Gefühle. "Wenn man so etwas hört, bekommt man Angst."

Psychologen raten: Ruhe bewahren

Um Eltern, Kinder und auch Lehrer mit der Verarbeitung nicht alleine zu lassen, sind Kriseninterventionsteams im Einsatz. Zu ihnen zählen auch Psychologen wie Tanja Klingelhöfer. Es sei die Hauptmotivation, für die Kinder einen guten Rahmen zu bieten, denn eine gewohnte Tagesstruktur biete für sie den besten Halt, erklärt die Schulpsychologin, die in Rotenburg an der Fulda im Einsatz ist. "Und das ist die Motivation, die das Kollegium - neben der ganzen Betroffenheit - antreibt. Da sind so zu sagen alle Kräfte gebündelt und das ist heute gut gelungen."

Wichtig sei auch, als erwachsene Bezugsperson Sicherheit zu vermitteln. Informationen zum Vorfall sollten kindgerecht vermittelt werden, so Klingelhöfer. "Zum Thema sexualisierte Gewalt muss man ihnen auch sagen, dass das verboten ist und dass sie auch 'Nein' sagen dürfen und dass sie es jemandem erzählen."

Hinweise aus den USA

Ob sich der mutmaßlich Täter an Schülerinnen und Schülern der beiden Grundschulen verging oder die Taten in einem anderen Kontext stattgefunden haben, ist bislang unklar. Der Mann leitete auch mehrere Kinder- und Jugendchöre und soll Einzelcoachings gegeben haben.

Seit Mitte Dezember sitzt der 46-Jährige in Untersuchungshaft. Es besteht der dringende Tatverdacht wegen des Verdachts auf Kindesmissbrauch sowie der Anfertigung und Verbreitung von Missbrauchsabbildungen im Internet, wie die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt mitteilte. Bedeutet: Der mutmaßlich pädophile Pädagoge soll sich an Kindern sexuell vergangen haben, das Geschehen gefilmt und womöglich im Netz verschickt haben. Aufmerksam geworden ist man in Deutschland auf den Fall durch Hinweise von Behörden aus den USA.

Zum Ausmaß und zu Details kann die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt, die die Ermittlungen übernommen hat, noch nichts Konkretes sagen. Zahl der Opfer, Zeiträume, Tatorte und Handlungsweisen - alles unklar. "Wir stehen am Anfang der Nachforschungen. Wir haben noch kein komplettes Bild", sagte Behörden-Sprecher Georg Ungefuk am Montag auf hr-Anfrage. Laut Medienberichten sollen sich die Taten zwischen 2012 und 2015 zugetragen haben.

Schul- und Chorleiter steht unter dem Verdacht des Kindesmissbrauchs

Krankheitsbedingt im Ruhestand

Der Pädagoge ist seit Mai 2021 nicht mehr im Schuldienst und befindet sich krankheitsbedingt im Ruhestand. Zuletzt war er Direktor an einer Grundschule in Rotenburg an der Fulda. Bevor er dort die Leitung übernahm, war er mehrere Jahre lang Rektor in Wehretal-Reichensachsen. Nach seinem Studium hat er zunächst als Grundschullehrer in Sontra gearbeitet. Er ist verheiratet und hat einen Sohn, zuletzt wohnte er in Göttingen (Niedersachsen).

Ein netter, unauffälliger Pädagoge - so beschreiben ihn viele der Eltern. Auch der Bürgermeister von Wehretal, Timo Friedrich (parteilos), sagt, er sei sehr beliebt und engagiert gewesen. "Wir hatten immer ein sehr gutes Gefühl. Die Sympathie und das Vertrauen waren einfach da, es gab keine Bedenken." Angesichts der "unglaublichen Vorwürfe" sei das "Entsetzen und die Enttäuschung riesengroß".

Dauerhafte Unterstützung in Rotenburg

Sermin Yangal, die ihr Kind am Montagmorgen zur Schule bringt, warnt davor, den Mann vorschnell zu verurteilen: "Man muss erst schauen, ob etwas an den Vorwürfen dran ist. Aber wenn es zutrifft, ist es erschreckend." Mutter Bianca Knigge meint: "Da bekommt man ein mulmiges Gefühl, man wird hellhöriger." Man müsse Kinder für solche Fälle sensibilisieren und präventiv darüber reden. "So etwas kann jederzeit überall passieren - egal ob in der Schule oder im Verein."

In Rotenburg an der Fulda will man genau das nun tun - sensibilisieren, reden. Aus der Akuthilfe vor Ort soll ein dauerhaftes Angebot werden, für Lehrer und Eltern. Um Fragen zu beanworten und sie auf Gespräche mit den Kindern vorzubereiten. Eine Hotline dafür ist nun eingerichtet.

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