Hanau Prozess

Drei Jahrzehnte nach dem rätselhaften Tod eines kleinen Jungen beschäftigt der Fall nun das Landgericht Hanau. Die Hauptangeklagte soll eine Sekte mit brutalen Mitteln führen.

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Mehr als 31 Jahre nach dem Tod eines kleinen Jungen in einer Sekte in Hanau wird der Fall ab diesem Dienstag am Landgericht Hanau aufbereitet. Wegen Mordes angeklagt ist Sylvia D., eine 72-jährige Frau aus Hanau, die als Anführerin der Gruppe gilt. Offenbar glaubte sie, Jan H., der von seiner Mutter in die Obhut der Sektenführerin gegeben worden war, sei "von den dunklen Mächten besessen". Sie soll den Vierjährigen als Reinkarnation Hitlers bezeichnet haben.

Die Ermittler gehen davon aus, dass Sylvia D. den Jungen am 17. August 1988 in einem über dem Kopf zusammengebundenen Leinensack eingeschnürt und im Badezimmer ihres Wohnhauses abgelegt hat. Zudem soll sie an dem Sommertag mit Temperaturen von mehr als 30 Grad sogar die Luftzufuhr des Raumes verringert haben.

Laut Staatsanwaltschaft wurde der Junge trotz seiner panischen Schreie seinem Schicksal überlassen. Kurze Zeit später starb der unterernährte Jan H. nach einem "erbitterten Todeskampf", wie das Gericht mitteilte. Jan H. sei grausam und aus niedrigen Beweggründen getötet worden, so die Anklage.

Leiche wurde Jahre später exhumiert

Neu aufgerollt wurde der Fall im Frühjahr 2015 durch neue Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Mitte September 2017 wurde Anklage erhoben.

Um Informationen zur Todesursache zu bekommen, war die Leiche zuvor im Juli 2017 auf dem Friedhof im Stadtteil Kesselstadt exhumiert worden. Zum Ergebnis der Untersuchungen machte die Staatsanwaltschaft keine Angaben. Eine Obduktion wurde nach dem Tod im Jahr 1988 nämlich nicht vorgenommen. Die Ermittler gingen damals davon aus, dass der Junge an Erbrochenem erstickt war, und sahen keine Fremdeinwirkung.

Was steckt hinter der Sekte?

Die Glaubensgemeinschaft gibt es nachweislich seit 1983 in Hanau. Ihr gehören 20 bis 40 Menschen an. Im Zentrum steht Sylvia D. Ihre Träume, in denen ihr zufolge Gott zu ihr spricht, sind Grundlage für Glauben und Leben innerhalb der Gruppe. Die Niederschriften werden in Briefen verteilt und sind als Bücher erschienen. Darin heißt es: "Gott selbst hat sich mit seiner Vollmacht und Offenbarung in gleicher Weise hinter Sylvia D. gestellt wie damals hinter Jesus von Nazareth."

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Sylvia D. und ihr Mann Walter D. gehörten bis 1981 der evangelisch-methodistischen Kirche an, Walter D. als Pastor in einer Gemeinde in Darmstadt. Differenzen mit der Kirchenleitung endeten in einem Kirchenausschlussverfahren.

Dubioses Medienunternehmen in Hanau

Fast alle Mitglieder der Sekte arbeiten in der Firma AEON, einem Medienunternehmen in Hanau, das von Sylvia D. und ihrem verstorbenen Mann gegründet wurde. Aussteiger berichten, sie hätten dort oft an sieben Tagen in der Woche bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten müssen.

Akten, die der hessenschau vorliegen, zeigen enge Verflechtungen zwischen dem Eigentum der Mitarbeiter, dem Vermögen der Firma und dem ihrer Eigentümerin Sylvia D. In der Bilanz der Firma steht, die Mitarbeiter stellten dem Unternehmen 1,7 Millionen Euro zur Verfügung, sie scheinen AEON zum Großteil zu finanzieren. 

Zudem haben die angestellten Sektenmitglieder Häuser, die sie 1985, 1987 und 2013 erworben haben, später auf Sylvia D. übertragen. Nach Angaben von Aussteigern haben viele Sektenmitglieder ihrer Anführerin Kontozugriff erteilt und Erbschaften vermacht.

Kinder sollen misshandelt worden sein

Die Kinder der Sektenmitglieder waren tagsüber im Haus der Anführerin. Aussteiger berichten, dass sie geschlagen und eingesperrt worden seien, ihnen die Haare büschelweise rausgerissen und die Zähne ausgeschlagen wurden. Zudem hätten sie verdorbene Lebensmittel zu essen bekommen und wahllos starke Medikamente, auch wenn sie nicht krank waren. Sie hätten ihr komplettes Leben nach den Anweisungen von Sylvia D. ausrichten müssen. Diese habe sie gezielt separiert und gegeneinander ausgespielt, um sie besser kontrollieren zu können.

Nach der Schule hätten sie sofort nach Hause kommen müssen, wo sie entweder eingesperrt worden wären oder in der Firma AEON hätten arbeiten müssen, berichteten die Aussteiger. Fast alle Kinder, die bis auf wenige Ausnahmen durch ihre Eltern in die Sekte hinein geboren wurden, sollen diese mittlerweile verlassen haben.

Das Unternehmen veröffentlichte kürzlich eine Stellungnahme auf seiner Homepage. Darin weist die Geschäftsführung Verflechtungen zwischen AEON und der Sekte zurück und spricht von einer mit falschen Behauptungen geführten Kampagne gegen Sylvia D.

hr-Recherchen führen zu Prozess

Die hessenschau hatte den Fall im Jahr 2015 gemeinsam mit der Frankfurter Rundschau aufgedeckt, nachdem sich ein Aussteiger an die Medien gewandt hatte. Für den am Dienstag startenden Prozess sind zwölf Verhandlungstermine bis zum 13. Januar angesetzt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 22.10.2019, 16.45 Uhr