Frau von hinten zu sehen im Gerichtssaal, wird gerade fotografiert.

Eine mutmaßliche Sekten-Chefin ist vom Hanauer Landgericht mehr als 30 Jahre nach dem Tod eines Vierjährigen zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden. Das Gericht sah den Mordvorwurf als erwiesen an.

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Mehr als 30 Jahre nach dem Tod eines Jungen in Hanau ist am Donnerstag in dem Prozess gegen die heute 73 Jahre alte Sylvia D. das Urteil gesprochen worden. Das Landgericht verurteilte sie wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe. Das hatte die Staatsanwaltschaft gefordert, sie hatte auf Mord durch Unterlassen plädiert. Die Verteidigung plädierte auf Freispruch.

Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die mutmaßliche Sekten-Chefin den Vierjährigen 1988 in einen Leinensack eingeschnürt und in ein Badezimmer gelegt hatte. Sie hatte ihn trotz seiner panischen Schreie sich selbst überlassen. Das Kind wurde an dem heißen Augusttag ohnmächtig und erstickte qualvoll an seinem Erbrochenen. "Es gruselt einen, was um Sie und Ihre Gemeinschaft passiert ist", sagte der Vorsitzende Richter Peter Graßmück. "So etwas haben wir noch nicht erlebt." Das Gericht stellte niedrige Beweggründe als Mordmerkmal fest.

Tod des Jungen galt lange als Unfall

Die Ermittler hatten den Tod des Jungen lange Jahre für einen Unfall gehalten. Die hessenschau hatte den Fall im Jahr 2015 gemeinsam mit der Frankfurter Rundschau aufgedeckt, nachdem sich ein Aussteiger an die Medien gewandt hatte.

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Als Motiv der Frau sah die Staatsanwaltschaft, dass sie durch den Tod des Jungen ihre Machtposition habe stärken wollen. Sie habe das Kind als "vom Bösen besessen" bezeichnet. Nach dem Tod habe sie die Eingebung vorgetäuscht, dass Gott das Kind geholt habe. Sie soll den Vierjährigen als Reinkarnation Hitlers bezeichnet haben. Die Glaubensgemeinschaft gibt es nachweislich seit 1983 in Hanau.

Rückendeckung von der Mutter des Opfers

Zeugen hatten in dem seit fast einem Jahr laufenden Verfahren vom strengen Regiment der 73-Jährigen sowie von den Leiden des Jungen und auch anderer Kinder berichtet. Wegbegleiter und Aussteiger erzählten von seelischen Grausamkeiten, Gehirnwäsche, psychischer und physischer Gewalt in der Hanauer Gruppe.

Rückendeckung hatte die Angeklagte im Prozess von der Mutter des getöteten Jungen bekommen. Sie hatte ihren Sohn in die Obhut von Sylvia D. gegeben. Die Mutter gab im Prozess an, dass die frühere Krankenschwester liebevoll mit den Kindern umgegangen sei. "Sie ist wie eine Schwester und gute Freundin für mich", sagte die Zeugin.

Die Angeklagte konnte nur wegen Mordes verurteilt werden. Alle anderen Straftatbestände wären verjährt gewesen.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 24.09.2020, 16.45 Uhr