Auto fährt unter Lastwagen

Neuer Tag, neue Proteste: An der umstrittenen A49-Baustelle hat die Polizei ein Aktivistencamp geräumt. Bei Idstein führte eine Blockade der A3 zur Vollsperrung, einem schweren Unfall und Festnahmen.

Videobeitrag

Video

zum Video Unfall nach A3-Blockade von Umweltschützern

Pkw unter Lkw
Ende des Videobeitrags

Im Streit um den A49-Lückenschluss in Mittelhessen sind Polizei und Aktivisten am Dienstag an zwei Orten aneinander geraten: in schwindelerregender Höhe in Baumwipfeln im Herrenwald bei Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf) und an der A3 bei Wörsdorf nahe Idstein (Rheingau-Taunus).

Dort hatten sich am Morgen an einer Brücke zwei Menschen über der Fahrbahn abgeseilt. Die Polizei sperrte die Autobahn zunächst voll in beide Richtungen und forderte ein Spezialeinsatzkommando (SEK) an, um die Aktion zu beenden. Neun Aktivisten seien festgenommen worden, twitterte die Polizei am frühen Dienstagabend. Am Mittwoch sprach ein Sprecher von sieben Aktivisten. Nach Angaben der Beamten soll gegen die Teilnehmer der Abseilaktion nach Rücksprache mit der zuständigen Staatsanwaltschaft Wiesbaden ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werden.

Auto kracht in Lastwagen

Es kam rasch zu einem kilometerlangen Stau, in dem auch das SEK steckte und an dessen Ende sich ein schwerer Auffahrunfall ereignete. Ein Auto, das in Richtung Köln unterwegs war, fuhr auf einen Lastwagen auf. Dabei wurde nach Polizeiangaben der 29 Jahre alte Fahrer eingeklemmt und schwer verletzt. Ein Rettungshubschrauber war im Einsatz.

Über die Dauer der Sperrung gab es zunächst widersprüchliche Angaben. Am frühen Nachmittag meldete die Polizei via Twitter, die Fahrbahn sei wieder frei. Später hieß es, die Sperrung dauere noch an. Gegen 15.30 wurde die Unfallstelle geräumt. Auch danach stauten sich die Autos noch auf einer Länge von mehreren Kilometern. Die Fahrbahn in Richtung Frankfurt war schon vorher frei - nach dem Ende der Aktion der Umweltschützer.

Aktivisten bedauern Unfall

Die Aktivisten der Gruppe "Wald statt Asphalt" veröffentlichten am Nachmittag ein Statement mit Verweis auf den schweren Unfall. "Es ist schrecklich, dass es zu dieser Tragödie gekommen ist", hieß es darin.

Gleichwohl sei es geschmacklos, dass die Polizei die Abseilaktion kausal mit dem Unfall am Ende des Staus in Verbindung bringe, "während Auffahrunfälle bei Autobahnstaus ansonsten als trauriger Alltag akzeptiert werden". Darauf eingehen wolle man zu diesem frühen Zeitpunkt nicht: "Heute wollen wir den Angehörigen die Ruhe lassen, mit diesem Schock umzugehen."

#A3 1. Abseilaktion von Autobahnbrücke bei #Wörsdorf 2. Stau 3. Schwerer Unfall am Stauende 4. Menschen wurden schwer verletzt #Dannenroeder #A49 #DannenroederForst

[zum Tweet]

In der Hängematte

Unterdessen rodeten Arbeiter seit dem frühen Morgen an der A49-Baustelle weiter den Herrenwald. Polizisten setzten die Räumung fort. Es waren rund 40 Aktivisten, die in und um ihr errichtetes Camp "Neuerdings" den Wald verteidigen wollten. Auf sie trafen nach Mitteilung der A49-Gegner hunderte Einsatzkräfte. Die Polizei nannte keine Zahl dazu.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Räumung im Herrenwald

Polizisten tragen einen Waldbesetzer weg.
Ende des Audiobeitrags

Mitglieder des sogenannten Höheninterventionsteams holten Aktivisten aus den Bäumen, die dort auf Plattformen und in Hängematten ausharrten. Andere befanden sich in Baumhäusern oder auf Barrikaden. Auch Hebebühnen setze die Polizei ein.

Einer in Gewahrsam

Beamte trugen einige der Aktivisten davon, nahmen ihnen zur Identifizierung kurzzeitig die Masken vom Gesicht und eine oder einen von ihnen in Gewahrsam. 48 weitere Aktivisten erhielten einen Platzverweis. Es habe aber keine ernsthaften Zwischenfälle gegeben.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Blockade auf der A3 und Räumung im Herrenwald

Aktivisten seilten sich von der Brücke ab.
Ende des Audiobeitrags

Am Mittag hatte die Polizei alle Aktivisten aus dem Camp gebracht, eine Baufirma räumte die Barrikaden weg. Das Baumfällen ging ohne Widerstand weiter.

Von Anfang an umstritten

Die Rodungsarbeiten laufen seit 1. Oktober - von Anfang an von Protesten begleitet. Es kam wiederholt zu Autobahnblockaden, betroffen war zweimal die A5. Die fertige Autobahn 49 soll Gießen und Kassel miteinander verbinden.

Umweltschützer kritisieren den A49-Lückenschluss in Mittelhessen, weil der Bau die Bekämpfung des Klimawandels konterkariere. Mehrere Hektar Wald werden für das Projekt gefällt: im Dannenröder Forst bei Homberg/Ohm (Vogelsberg) und im Herrenwald bei Stadtallendorf.

Anmerkung: Zunächst berichteten wir mit Berufung auf die Nachrichtenagentur dpa, zehn Aktivisten hätten sich über der Autobahn abgeseilt. Nach Angaben der Polizei standen zehn Demonstranten auf der Brücke, doch nur zwei von ihnen seilten sich ab.

Die Polizei hat die Angaben zu den Festgenommenen am Mittwoch von neun auf sieben korrigiert.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 13.10.2020, 16.45 Uhr