Rettungsdienst und Hund vor Feuerwerk

Was haben Vierbeiner, Stadtreiniger und die Luft zum Atmen gemeinsam? Richtig, sie profitieren in diesem Jahr von einem weitgehend böllerfreien Jahreswechsel.

Audiobeitrag

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tierheimleiter Karsten Plücker: "90 Prozent der Tiere haben Angst"

Hund mit Kopfhörern
Ende des Audiobeitrags

Die hessische Landesregierung hat aufgrund der steigenden Infektionszahlen das Abbrennen von Feuerwerkskörpern an öffentlichen Orten untersagt. Nach der Lockerung über die Weihnachtsfeiertage gelten an Silvester auch wieder die allgemeinen Kontaktbeschränkungen. Dazu bleibt der Verkauf von Feuerwerk in diesem Jahr bundesweit verboten. Traurig für alle, die das neue Jahr gern mit einem Knall begrüßen. Freuen können sich diejenigen, die von einem stilleren Silvester profitieren. Wir stellen einige vor.

Stadtreiniger

Sie räumen im wahrsten Sinne des Wortes hinter den Feiernden her: Für Stadtreiniger ist der Neujahrstag einer der geschäftigsten des Jahres. In Kassel etwa waren die Aufräumer in den vergangenen Jahren in zwei Teams mit je fünf Personen unterwegs, dazu vier große und zwei kleine Kehrmaschinen und jede Menge Besen. Die Hälfte der Stadtreiniger darf in diesem Jahr zunächst daheim bleiben: Man habe lediglich ein fünfköpfiges Reinigungsteam disponiert, sagt Birgit Knebel, Unternehmenssprecherin des Reinigungsbetriebs.

Allerdings: Ausschlafen können die eingesparten Männer und Frauen voraussichtlich nicht, sie müssen sich bereithalten und wenn nötig als Winterdienst ausrücken. Für Knebel ist das diesjährige Feuerwerksverbot ein Anlass, um grundsätzlich über Silvester nachzudenken und neue Rituale zu finden - ohne Raketen und Böller in die Luft zu jagen. An diejenigen, die dennoch ihr privates Feuerwerk aus dem vergangenen Jahr abbrennen wollen, hat Knebel eine Bitte: "Nehmen Sie den Müll mit. Vor allem große Batterien machen uns das Leben schwer, wenn sie bei winterlicher Witterung festfrieren."

Stadtreiniger Kassel

Rettungsdienste

Dachstuhlbrände, Böller, die in der Hand explodieren und Betrunkene, die randalieren oder Treppen herunterstürzen - das ist traditionell die Silvesternacht für Rettungskräfte in Hessen. In diesem Jahr wird es von all dem wohl deutlich weniger geben. Norbert Södler, der Präsident des Landesverbandes Hessen des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), begrüßt die aktuellen Beschränkungen: "Trotz allem Verständnis für Feierlaune und die Freude an himmlischen Glitzereffekten, ist aufgrund des hohen Verletzungsrisikos und der bereits bestehenden großen Belastung der Hilfs- und Rettungskräfte, der Feuerwehren und des medizinischen Personals zu Silvester 20/21 der Verzicht auf Feuerwerk und Versammlungen begrüßenswert."

Das bestätigt auch Manfred Stein von der DRK Rettungsdienst Rhein-Main-Taunus GmbH in Wiesbaden. Jede Silvesternacht bedeute eine hohe Auslastung bei den Rettungskräften. Die Einsätze mit Covid-19-Verdacht oder bestätigter Erkrankung seien seit dem 1. Quartal um das Dreifache gestiegen, die Belastung stetig hoch. Stein fordert daher: "Wir brauchen in der Silvesternacht einen massiven Einsatzrückgang durch Böller und Feiern."

In Frankfurt zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Man habe bisher an Silvester gut 100 Einsätze zusätzlich fahren müssen - im Vergleich zu 350 Einsätzen an normalen Tagen. Trotz Lockdown und Feuerwerks-Verbot plant der DRK- Bezirksverband mit derselben Zahl an Rettungsteams wie in den Vorjahren. Diesen Weg geht auch der DRK-Kreisverband Kassel-Wolfhagen und wird entsprechend Rettungsmannschaften wie in den Vorjahren bereithalten.

Luft zum Atmen

Einfach mal überraschen lassen - im Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Wiesbaden freut man sich auf Silvester ohne Feuerwerk und auf die Werte, die die insgesamt 35 Messstationen in Hessen ausspucken werden.

Diana Rose HLNUG

Die Behörde prüft, ob in Hessen der Feinstaub-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter im Tagesmittel eingehalten wird. Traditionell ist das schon am 1. Januar nicht der Fall. Neben der Wetterlage sei es vor allem das Feuerwerk, dass die Feinstaubbelastung nach oben treibe, sagt die Meteorologin Diana Rose. Sie erwartet in diesem Jahr eine reine Luft zum Atmen: dank ausbleibenden Feuerwerks und der Hoffnung auf Wind, der für eine schnellere Verteilung der Schadstoffe sorgen könnte.

Hunde und Katzen

Vier von fünf Hunden geraten in Panik, wenn es an Silvester knallt. Das sagt Karsten Plücker, Tierheimleiter der Wau-Mau-Insel in Kassel. Landeten in der Silvesternacht vor zehn Jahren noch bis zu 15 verängstigte Hunde in seinem Tierheim, waren es zuletzt deutlich weniger – auch weil viele entlaufene oder gefundene Tiere in entsprechenden Facebook-Gruppen geteilt werden und so schnell wieder nach Hause finden.

Plücker beobachtet aber auch, dass immer mehr Tierhalter sich auf die Bedürfnisse ihrer Schützlinge einstellen, Hunde bei der abendlichen Gassi-Runde mit Halsband und Geschirr doppelt sichern oder Freigänger-Katzen rechtzeitig in der Wohnung behalten. Rechtzeitig, das hieß in den vergangenen Jahren bereits ab Verkaufsbeginn der Silvesterkracher im Laden. Das sei in diesem Jahr anders, freut sich Plücker und wünscht sich einen verantwortungsvolleren Umgang mit Feuerwerkskörpern - unabhängig von Corona. "Ich verstehe, dass Kids und Jugendliche Spaß am Knallen haben. Aber irgendwann sollte sich jeder fragen: Ist der Spaß das wert, dass Tiere Angst haben?"

Karsten Plücker von der Wau-Mau-Insel in Kassel

Wildtiere

Igel, Marder und Eichhörnchen können in diesem Jahr vermutlich ruhig schlafen. Annelie Bloß vom Landesbetrieb Hessen Forst sieht die Corona-Beschränkungen an Silvester vor allem für Wildtiere in den Städten positiv. Waldbewohner wie Rehe oder Wildschweine seien in den vergangenen Jahren vom Silvesterfeuerwerk weniger betroffen gewesen, da sie ihre Deckung in den Wintermonaten nur zur Nahrungsaufnahme oder bei Gefahr verließen.

Und ein Feuerwerk bedeutet Gefahr. Bloß erinnert deshalb an das Verbot von Feuerwerk und Silvesterböllern in Waldnähe und wirbt für ein neues Ritual: "Waldbesucherinnen und Waldbesucher, die ihren Neujahrspaziergang auf den Waldwegen verbringen, werden nicht als Gefahr gewertet, weshalb dieser problemlos möglich ist."

Früh-Schläfer

Kein Feuerwerk um Mitternacht, kein Nachbar, der eine Böller-Batterie nach der anderen vor dem Schlafzimmerfenster abbrennt, keine johlenden Party-People - wer gerne früh schlafen geht, für den ist der Silvesterabend im Corona-Jahr ein Segen. Man verpasst: gar nichts.

Familien, die sonst mit den Sprösslingen nach diversen Uno-Runden, Ritter Rost vom Band und Live-Performance im Tütü müde und lustlos ein paar Raketen zündeten, können ihren Abend jetzt frei von Zwängen planen. Abendbrot um sechs, danach ein paar Kinderkracher im Garten zünden, gemeinsam einen Film schauen (mit Chips!) und dann: ab ins Bett.

Sendung: hr4, 30.12.2020, 17:15 Uhr