Umgebaute Trafostation in Obersursel-Stierstadt

Platz ist in der kleinsten Hütte: In Oberursel hat sich ein Paar eine ehemalige Trafostation zum Wohnhaus umgebaut. Während die Außenfassade der Frankfurter Alten Oper ähnelt, setzt die 14-Quadratmeter-Behausung auch im Innern einige Highlights.

Die Vorliebe von Achim Schollenberger und Simone Stiefel für ungewöhnliche Behausungen ist offensichtlich. Meistens leben sie in einem ehemaligen Wasserturm in Usingen im Hochtaunuskreis, als Wochenenddomizil haben sie sich jetzt im nahen Oberursel in einer früheren Trafostation häuslich eingerichtet. Auf 14 Quadratmetern befinden sich Schlaf-, Wohnzimmer, Küche und Bad. "Es ist das kleinste freistehende Haus Deutschlands", sagt Stiefel auf der Terrasse, die eigentlich der Parkplatz des 23 Quadratmeter großen Grundstücks ist.

Dem Wahren Schoenen Guten

"Villa Stierstadt" hat das Paar sein Häuschen mitten im gleichnamigen Stadtteil genannt, das dort längst zur Sehenswürdigkeit avanciert ist. Die Außengestaltung ist von der Alten Oper in Frankfurt inspiriert; der Graffiti-Künstler Markus Janista hatte das Gebäude entsprechend besprüht, inklusive der Aufschrift "Dem Wahren Schoenen Guten".

Umgebaute Trafostation in Obersursel-Stierstadt

Innen mangelt es zwar an Platz, aber nicht an Komfort. Eine elektrische Fußbodenheizung sorgt für angenehme Wärme, die schallgeschützten Fenster halten den Verkehrslärm draußen, dank ausgeklügelter Technik gibt es einen satten Sound aus der Musikanlage. Etliche kleine Details zeigen, wie viele Gedanken sich das Paar bei der Gestaltung gemacht hat. So ist an der Mikrowelle in der Küche ein altes Autoradio inklusive Zigarettenanzünder verbaut. "Damit laden wir auch die Handys auf", so der Hausherr.

Schlafraum mit Feldberg-Blick

Ein Stockwerk höher im Wohnzimmer löst das Paar gerne Sudoku in der Sitzecke, mit wenigen Handgriffen wird daraus abends eine Couch; gegenüber in der Ecke ist ein Fernseher angebracht. Zur Toilette und Dusche auf derselben Etage sind es nur wenige Schritte. Ganz oben unter dem Dach wird geschlafen, das Bett füllt den kompletten Raum. Durch die großen Dachfenster ist der Feldberg zu sehen. "Hier kann man es gut aushalten", sagt Stiefel zufrieden. Lediglich für eine Waschmaschine fehle der Platz, doch das mache nichts: Ganz in der Nähe gebe es einen Waschsalon.

Umgebaute Trafostation in Obersursel-Stierstadt

Die ersten Trafostationen wurden in Deutschland im ausgehenden 19. Jahrhundert vornehmlich in Großstädten errichtet. So gab es im Jahr 1896 in Frankfurt bereits 136 Trafostationen. Ab 1905 wurde verstärkt auch der ländliche Raum mit Strom versorgt, dabei entstanden dort die individuell gefertigten, zum Teil imposanten Stationen. Bis zum Ersten Weltkrieg waren es in Deutschland bereits über 41.000 Umspannstationen. Ihre Epoche ging erst in den 1980er Jahren zu Ende, als sie wegen des technischen Fortschritts nicht mehr benötigt wurden.

Holzwürmer und Wespennester

Schollenberger hatte sich damals mehrere Stationen angeschaut, bevor seine Wahl auf das etwa 100 Jahre alte, etwas über zwei mal drei Meter große Oberurseler Häuschen fiel. Er bezahlte den Kaufpreis von einigen tausend Euro, mittlerweile hat das Paar etwa 65.000 Euro in das ehemalige Trafohäuschen gesteckt.

Doch nach dem Kauf waren mehrere böse Überraschungen gefolgt. Von der ersten Besichtigung bis zum Einzug dauerte es fast zehn Jahre. Am Anfang machten dem heute 58-Jährigen die Behörden das Leben schwer, der erste Bauantrag wurde sogar abgelehnt. Als es endlich losgehen konnte, mehrten sich die Katastrophen.

"Der Holzwurm war in den Balken und wir haben ein Riesen-Wespennest entdeckt", erinnert er sich. Das Paar nahm es mit Humor und nutzte jeden kleinen Fortschritt zum Feiern, etwa als dem Holzwurm endlich der Garaus gemacht wurde. "Da haben wir zur Holzwurmbeseitigungsfeier eingeladen", erinnert sich Stiefel.