Hanau Sekten-Chefin Prozess

Sie soll Kinder zur Strafe in Säcke gesteckt und so einen Vierjährigen getötet haben. Im Hanauer Mordprozess gegen eine mutmaßliche Sekten-Chefin hat ihr Sohn ausgesagt - nicht zum Vorteil der Mutter.

Im Mordprozess gegen eine mutmaßliche Sekten-Chefin (72) hat ein leiblicher Sohn der Angeklagten ausgesagt. Der heute 46-Jährige äußerte sich am Donnerstag und Freitag vor dem Landgericht Hanau. Er war 14 Jahre alt, als im August 1988 im Haus der Gruppe in Hanau ein vierjähriger Junge ums Leben kam.

Das Kind soll zur Züchtigung von der Anführerin in einen Leinensack verschnürt worden sein. Der Sack wurde im Badezimmer abgelegt, wo der Junge wohl erstickte. Der 46-Jährige beschrieb seine Mutter als "erbarmungslos", "eiskalt" und als "totale Instanz", die "unfehlbar" Menschen gefügig machen wollte.

Der Zeuge berichtete von Erinnerungen an den Tag der Tat, als das Opfer erneut in einem Sack eingeschnürt gewesen sei. Der drangsalierte Junge habe verzweifelt geweint. "Das Schreien hat sie überhaupt nicht interessiert", sagte er über seine Mutter, die auf den Jungen aufpassen sollte. Die Eltern des Jungen waren Anhänger der mutmaßlichen Sekte und zur Tatzeit nicht im Haus.

"Plötzlich war absolute Ruhe"

Die Chefin sei wegen der Schreie ins Badezimmer gegangen. "Plötzlich war absolute Ruhe", sagte der Zeuge. Wenig später habe er gesehen, wie Erbrochenes aus dem Mund des bleichen und leblosen Jungen geholt worden sei. Seine Mutter habe nie eine Risikoabwägung vorgenommen und keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen, wenn sie Kinder in Säcke gesteckt habe.

Die Verteidigung versuchte am Freitag offenbar die Glaubwürdigkeit des Zeugen in Zweifel zu ziehen. Dabei kam zur Sprache, dass er vor Jahrzehnten Diebstahl und Versicherungsbetrug begangen haben soll. Der Zeuge räumte dies teilweise ein. 1992 verließ er die Gruppe als 19-Jähriger und brach als Aussteiger den Kontakt zur Mutter ab.

Prozess wird fortgesetzt

Laut Anklage sah die mutmaßliche Sekten-Chefin den kleinen Jungen als vom Bösen besessen an und habe ihn deswegen töten wollen. Sie soll den Vierjährigen als Reinkarnation Hitlers bezeichnet haben. Die Anwälte der Frau wiesen den Mord-Vorwurf zurück. Damals wurde der Tod des Jungen als Unfall dargestellt.

Wieder aufgerollt wurde der Fall im Frühjahr 2015 wegen neuer Aussagen von ehemaligen Mitgliedern der Sekte. Mitte September 2017 wurde Anklage erhoben. Um Informationen zur Todesursache zu bekommen, war die Leiche zuvor im Juli 2017 auf dem Friedhof im Stadtteil Kesselstadt exhumiert worden.

Der Prozess wird fortgesetzt.