Überschwemmung in Merzhausen - Schlamm-Massen auf den Straßen

Bei der Flutkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben Wassermassen aus allen Richtungen für verheerende Zerstörung gesorgt. Wie können sich Gemeinden schützen? Beispiele aus Hessen.

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hessenschau vom 21.07.2021
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Auch in Hessen kam es in diesem Jahr bereits zu Überschwemmungen, wie vor wenigen Tagen in Nordhessen, im Juni im Rhein-Main-Gebiet oder im Januar in Büdingen (Wetterau) - auch wenn die Folgen mit Blick auf die Bilder aus den aktuellen Katastrophengebieten vergleichsweise harmlos scheinen.

Im Ortsteil Merzhausen der Gemeinde Willingshausen (Schwalm-Eder) gehören Überschwemmungen fast schon zur Gewohnheit. Zwei Mal wurde Merzhausen in diesem Jahr bereits überflutet. Bei Starkregen ist das Wasser über Hänge und Felder in den Ort gelaufen, sagt Ortsvorsteher Heinrich Keller (SPD).

"Die betroffenen Bewohner bekommen bei jeder Gewittermeldung schon Angstzustände, weil sie befürchten, dass sie wieder absaufen." Das Problem ist laut Keller eine Einlaufrinne am Ortsrand, die schnell verstopft. Dadurch könne das Wasser bei Starkregen nicht richtig ablaufen.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Was Gemeinden gegen Überschwemmungen und Hochwasser tun

Wassereinlauf mit einem Gitter - neben einer Straße bei Willingshausen.
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Die Stimmung unter den Bewohnerinnen und Bewohnern von Merzhausen, die teilweise kleine Flutmauern vor ihren Häusern gebaut haben, beschreibt der Ortsvorsteher als explosiv. Sie würden sich von der zuständigen Gemeinde Willingshausen allein gelassen fühlen. "2014 hat es diese Starkregenereignisse zum ersten Mal gegeben und seit diesem Zeitpunkt ist nichts Wesentliches geschehen", so Keller.

Er fordert die Gemeinde auf, tätig zu werden. Die Bürgerinnen und Bürger hätten schon Maßnahmen vorgeschlagen, die das Wasser vom Dorf fernhalten würden - zum Beispiel es oberhalb des Ortes in Wiesen zwischenzuspeichern oder fahrbare Querrinnen einzurichten.

Kleinere Maßnahmen umgesetzt - großer Wurf fehlt

Der Bürgermeister der Gemeinde Willingshausen, Heinrich Vesper (FDP), widerspricht dem Vorwurf, nicht ausreichend gehandelt zu haben. Die Gemeinde habe nach 2014 einen Maßnahmenkatalog erstellen lassen und auch viele kleinere Maßnahmen umgesetzt, zum Beispiel das besagte Einlaufbauwerk erneuert.

Zusätzlich sei beabsichtigt gewesen, eine Flutmulde einzurichten, erklärt Vesper. "Aber es war keine Bereitschaft vorhanden, die Flächen dafür von mehreren Eigentümern zu bekommen." Nach den erneuten Starkregen mit Überschwemmungen in diesem Jahr, will die Gemeinde Willingshausen nun eine zusätzliche Querrinne bauen und ein Büro für Wasserwirtschaft beauftragen, ein Niederschlagsabflussmodell zu berechnen.

Experten erstellen Fließpfadkarten für die Kommunen

Unterstützung bei der Vorsorge gegen Überschwemmungen können die Kommunen beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) bekommen. Das Amt erstellt sogenannte Fließpfadkarten, die die Wege zeigen, die das Wasser bei Starkregen nehmen kann.

Über 40 Kommunen hätten schon eine solche Karte beantragt, die erste sei dieses Jahr an Neustadt (Marburg-Biedenkopf) und an Waldems (Rheingau-Taunus) übergeben worden. Die Expertinnen und Experten des HLNUG fertigen auf Anfrage auch Starkregen-Risikoanalysen an.

Das Landesamt hat die Starkregen der vergangenen Jahre in Hessen analysiert. Klima-Expertin Heike Hübener war vom Ergebnis überrascht: "Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass wir Regionen finden, die besonders stark betroffen sind und andere Regionen, die weniger betroffen sind. Aber es gibt keine, für die wir Entwarnung geben können."

So kann Hochwasserschutz gelingen

Eine Stadt, in der es über Jahrhunderte hinweg oft Hochwasser gegeben hat, ist Fulda. Die Stadt gehe das Problem aktiv an, berichtet Pressesprecher Johannes Heller. In den 90er Jahren seien zum Beispiel auf Höhe der Innenstadt Altarme der Fulda reaktiviert worden, damit der Fluss bei Hochwasser den Platz habe, den er brauche.

Renaturierungsfläche in der Fulda-Aue

Bei Starkregen Anfang Juni ist es in diesem Jahr allerdings trotzdem zu Überschwemmungen in der Innenstadt gekommen. Die renaturierte Fulda-Aue hat dabei aber laut Heller sehr gut funktioniert und somit Schlimmeres verhindert. Dazu beigetragen hätten auch vier Rückhaltebecken im Bereich des Fuldaer Stadtteils Bronnzell, in denen sich das Wasser sammeln und abfließen kann.

Kiesseen als Flutbecken

Rotenburg an der Fulda geht einen ähnlichen Weg beim Hochwasserschutz. Vor 20 Jahren wurden dort vier Kiesseen als Flutbecken angelegt, der Fluss verbreitert und die Aue eingeebnet. Denn früher kam es fast jedes Frühjahr zu Überflutungen in der Stadt. Die Maßnahmen haben laut Stadt-Pressesprecherin Annika Ludwig auch gut geholfen, als dieses Jahr im März die Fulda bei extremem Hochwasser in der Rotenburger Innenstadt an beiden Ufern übergetreten war.

"Der Starkregen vor einigen Wochen war aber eine andere Nummer. Da konnten die Flutbecken nicht helfen, weil die Fulda nicht so angestiegen ist." Teile der Stadt waren überschwemmt worden, eine Unterführung in der Nähe des Bahnhofs stand unter Wasser, mehrere Keller waren vollgelaufen und mussten von der Feuerwehr ausgepumpt werden. "Das haben die Abflusssysteme nicht ganz gepackt," erinnert sich Ludwig. "Das war eine Stunde lang Platzregen, der sonst nur drei Minuten dauert."

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