Stephan Ernst wird von Polizisten dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe überstellt.

Der mutmaßliche Mörder von Walter Lübcke, Stephan Ernst, hat seine Tat offenbar schon seit einiger Zeit geplant. Medienberichten zufolge soll er mehrfach mit einer Waffe zum Haus des Regierungspräsidenten gefahren sein.

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Mindestens zwei Mal, in den Jahren 2017 und 2018, sei Ernst mit einer Pistole in der Tasche vor das Haus von Walter Lübcke in Wolfhagen-Istha gefahren. Er habe aber nicht geschossen und sei anschließend froh darüber gewesen. Das berichten WDR, NDR und Süddeutsche Zeitung und berufen sich dabei auf das inzwischen zurückgezogene Geständnis des Tatverdächtigen. Als er Lübcke schließlich am 2. Juni doch ermordet habe, sei dies wortlos geschehen.

Ausgangspunkt für die spätere Tat war für Ernst wohl der Besuch einer Bürgerversammlung in Lohfelden im Oktober 2015. Auf dieser inzwischen berühmten Veranstaltung hatte der CDU-Politiker die Flüchtlingspolitik Angela Merkels verteidigt und Bürgern, die diese Werte nicht teilen, nahegelegt, das Land zu verlassen.

Ist Ernst auf YouTube-Video zu hören?

In einem vielfach geteilten YouTube-Video sind nicht nur die Worte Lübckes zu hören, sondern auch der wütende Protest einiger Teilnehmer. Eine der lautesten Stimmen in dem Video soll die von Ernst sein, wie dieser laut Medienberichten in seinem Geständnis eingeräumt haben soll. "Ich glaub's nicht - verschwinde", ruft die Stimme dem Kasseler Regierungspräsidenten entgegen.

Die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 sowie der islamistische Anschlag mit mehr als 80 Toten in Nizza sollen weitere Ereignisse gewesen sein, die zur Idee von Lübckes Ermordung geführt haben. Das alles habe ihn ungeheuer aufgewühlt, soll Ernst in seinem ursprünglichen Geständnis erklärt haben. Auslöser für die Tat sei dann der Mord von Islamisten an zwei jungen Frauen aus Norwegen und Dänemark im vergangenen Dezember in Marokko gewesen.

Ernst spricht von Depressionen

Nach der Tat habe Ernst die Tat in seinem Geständnis bereut. Es sei "unverzeihlich", was er der Familie Lübckes angetan habe und tue ihm "unendlich leid". In seiner Schilderung habe der 45-Jährige von Depressionen in der Untersuchungshaft gesprochen, er sei deswegen auf die Krankenstation verlegt worden.

Nach einem lange zurückliegenden Anschlagsversuch auf ein Asylbewerberheim in Hohenstein im Jahr 1993 sei bei Ernst das Borderline-Syndrom, eine psychische Erkrankung, diagnostiziert worden. Aus der rechtsextremistischen Szene habe sich Ernst seinen eigenen Aussagen zufolge zwischenzeitlich gelöst. Dies sei nach seiner Verurteilung wegen eines Angriffs auf Gewerkschafter 2009 in Dortmund passiert, berichten NDR, WDR und SZ. Die Entscheidung, sich Waffen zu besorgen, habe Ernst demnach bereits 2014 getroffen - um seine Familie vor der angeblich überhandnehmenden Kriminalität von Ausländern zu schützen.

Ernsts Verteidiger stellt Anzeige wegen Geheimnisverrats

Ernst hatte den Mord an Lübcke Ende Juni zunächst gestanden, gut eine Woche später zog er das Geständnis jedoch wieder zurück. Ermittler vermuten verfahrenstaktische Gründe. Zuvor war Ernst an den Bundesgerichtshof nach Karlsruhe überstellt worden.

Ernsts Anwalt kündigte am Montag an, Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Geheimnisverrats erstatten zu wollen. Die Quelle vermutet er am Bundesgerichtshof: Verschiedenen Medienberichten nach zu urteilen, verfügten Redaktionen mehrerer deutscher Medien über Informationen zu dem widerrufenen Geständnis, "die nach Lage der Dinge nur aus der Originalen Ermittlungsakte der Generalbundesanwaltschaft stammen können", teilte der Dresdner Jurist Frank Hannig am Montag auf seiner Webseite mit.

Er vermutet ein Leck bei den Ermittlern: "Es muss jemanden innerhalb der Ermittlungsbehörden geben, der diese Informationen gezielt an die Öffentlichkeit bringt." Man wolle nicht hinnehmen, dass die Öffentlichkeit geheime Akteninhalte kenne, so der Anwalt. Am Montag habe er Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft Karlsruhe gestellt. Zunächst hatte der Spiegel darüber berichtet.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 08.07.2019, 13.00 Uhr