Aktivistin wird bei Abseilaktion von Polizisten in Empfang genommen.

Nach den Abseilaktionen von A49-Gegnern an drei Autobahnbrücken müssen sich voraussichtlich 19 Personen einem Strafverfahren stellen. Sie hatten im Berufsverkehr für stundenlange Staus gesorgt. Insgesamt nahm die Polizei 30 Menschen vorübergehend fest.

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zum Video Gefährliche Abseilaktion sorgt für Staus

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Es war nicht die erste Protestaktion dieser Art, die Gegner der umstrittenen Rodung für den Weiterbau der A49 durchgeführt haben, aber sie hatte die bislang größten Auswirkungen. Tausende Berufspendler im Rhein-Main-Gebiet steckten am Montagmorgen in kilometerlangen Staus fest, nachdem sich Aktivisten von drei Brücken der A3, der A5 und der A661 abgeseilt hatten. Es kam zu mehreren Auffahrunfällen mit Blechschäden.

Vielen der Beteiligten drohen nun juristische Konsequenzen. Nach einer ersten Bewertung durch die Staatsanwaltschaften in Frankfurt und Wiesbaden müssen 19 Personen mit einem Verfahren wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Nötigung rechnen, wie die Polizei am Abend mitteilte.

Die Aktionen fanden an unterschiedlichen Orten, aber zur gleichen Zeit statt, nämlich gegen 7 Uhr. Ein Polizeisprecher sagte, es habe den "Anschein abgesprochener Aktionen". Um die Aktionen zu beenden, wurden Spezialeinsatzkräfte teilweise mit Hubschrauber an die Einsatzorte gebracht, um die Ausbaugegner sicher von den Autobahnbrücken herunterzuholen.

Nötigung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr

Die Beamten nahmen zur Identitätsfeststellung insgesamt 30 Menschen in Gewahrsam. Angaben vom Nachmittag zufolge hatten sich zwölf von ihnen an den Brückengeländern hängend abgeseilt. Bei den weiteren 18 handele es sich um Unterstützer.

Laut Polizei hatten sich von einer A3-Brücke zwischen dem Wiesbadener Kreuz und Niedernhausen (Rheingau-Taunus) mehrere Menschen abgeseilt. Die Autobahn wurde wegen des Polizeieinsatzes in beide Richtungen voll gesperrt. Zwischen Idstein und dem Wiesbadener Kreuz staute sich der Verkehr auf mehr als zehn Kilometern. Gegen 11 Uhr konnte die A3 wieder für den Verkehr freigegeben werden.

"Künstlicher Stau und Aufmerksamkeit"

Die Aktion auf der Fußgängerbrücke hatte laut den A49-Ausbaugegnern um 6.45 Uhr begonnen. "Dadurch, dass wir hängen, erzeugen wir einen künstlichen Stau und Aufmerksamkeit", sagte eine Aktivistin. Die Blockade stehe in Bezug zum Protest gegen die Rodung im Herrenwald und im Dannenröder Forst.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found A49-Ausbaugegner mit mehreren Abseilaktionen

Aktivisten seilen sich von einer Brücke auf die A5 ab.
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Auf der A5 zwischen dem Frankfurter Kreuz und dem Neu-Isenburger Stadtteil Zeppelinheim (Offenbach) meldete die Polizei Personen auf der Fahrbahn, es handelte sich nach Angaben der Beamten ebenfalls um Aktivisten. Die Autobahn wurde in beide Richtungen gesperrt. Der Verkehr staute sich zwischen Langen/Mörfelden und Zeppelinheim. Freigegeben wurde die Autobahn gegen 12 Uhr.

Zwei Unfälle auf A661

Von einer Brücke über die A661 in Höhe Offenbach-Kaiserlei seilten sich ebenfalls Ausbaugegner ab. Auch hier kam es wegen des Polizeieinsatzes zur Sperrung in beide Richtungen. Diese wurde gegen 10.30 Uhr aufgehoben. Außerdem verkehrten die Straßenbahnlinien 15 und 16 nicht, da diese über die Brücke führen.

Auf der A661 zwischen Offenbach-Taunusring und dem Offenbacher Kreuz gab es einen Auffahrunfall mit sechs beteiligten Pkw sowie einen weiteren Zusammenstoß zwischen einem Schwerlastkran und einem Pkw. Ob die Unfälle in Zusammenhang mit der Aktion stehen, muss laut Polizei noch ermittelt werden.

Die Abseilaktionen sind parteiübergreifend auf heftige Kritik gestoßen. Innenminister Beuth sprach von einem "gezielten Angriff auf die Infrastruktur".

Sieben Umweltschützer nach A3-Blockade festgenommen

Schon vor zwei Wochen hatten sich Umweltschützer von einer A3-Brücke bei Idstein (Rheingau-Taunus) abgeseilt. Die Polizei sperrte daraufhin die Autobahn, es bildete sich ein Stau. Ein 29 Jahre alter Autofahrer fuhr am Stauende auf einen Lastwagen auf, wurde eingeklemmt und schwer verletzt. Die Abseilaktion schlug hohe Wellen. Sieben Menschen - fünf Frauen und zwei Männer - wurden vorläufig festgenommen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden wegen des Verdachts der Nötigung in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung Ermittlungen eingeleitet.

Der Unfall hatte die Aktivisten unter Rechtfertigungsdruck gesetzt. Sie teilten mit: "Wir fühlen mit den Angehörigen und hoffen, dass die verunfallte Person sich gut erholt." Gleichwohl sei es geschmacklos, dass die Polizei die Aktion kausal mit dem Unfall in Verbindung bringe, "während Auffahrunfälle bei Autobahnstaus ansonsten als trauriger Alltag akzeptiert werden".

Kreuzung blockiert, Bundesstraße gesperrt

Proteste gab es am Montag auch wieder in Stadtallendorf (Marburg-Biedenkopf). Laut Polizei blockierten 15 Ausbaugegner in den frühen Morgenstunden eine Kreuzung im Stadtteil Niederklein. Zudem wurde eine Baumaschine vorübergehend besetzt. Die B62 war wegen einer angemeldeten Demonstraon zeitweise gesperrt.

Im Herrenwald flogen laut Polizei Steine gegen Beamte. Unterdessen wurden die Rodungsarbeiten nördlich der B454 fortgesetzt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 26.10.2020, 19.30 Uhr