Foto des Schriftzuges "CYBER-POLZEI" auf einem Polizei-Auto.

Eigentlich wollte die Polizei ab September neue Spezialisten ausbilden. Sie sollen gegen kriminelle Umtriebe im Internet vorgehen. Doch daraus wird erst einmal nichts.

Im Kampf gegen Internetkriminalität will Hessen größere Anstrengungen unternehmen. Mehr spezialisierte Ermittler sollen aus- und weitergebildet werden. Dafür wurde das Studium bei der Kriminalpolizei um eine Richtung erweitert. Doch der potenzielle Nachwuchs zeigt den Machern die kalte Schulter.

Von Anfang September an sollte der Polizei-Nachwuchs eigentlich Cyberkriminalistik büffeln. Doch daraus wird nichts. Der Studien-Start musste abgesagt und  verschoben werden. Der Grund: Es haben sich schlicht und einfach zu wenige Bewerber gemeldet.

Interesse hinter den Erwartungen

Das Interesse sei "leider deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben", räumte Michael Rudolph von der Polizeiakademie Hessen in Wiesbaden auf hr-Anfrage ein. Studiert werden sollte in Mühlheim am Main (Kreis Offenbach).

Foto eines "Cyber-Polizisten" bei der Arbeit an seinem Schreibtisch mit vielen Bildschirmen.

Für eine Studiengruppe wären mindestens 18 Teilnehmer erforderlich gewesen, erklärte Rudolph. Nach Planungen aus dem Frühjahr waren sogar mehr als 50 Plätze vorgesehen. Doch trotz umfangreicher Werbung lag die Bewerber-Anzahl lediglich "im oberen einstelligen Bereich", wie Rudolph sagte, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Somit wurde die Mindestanzahl der benötigten Teilnehmer klar verfehlt.

Neuer Anlauf im nächsten Jahr

Das ist bemerkenswert, weil der Bereich Cyberkriminalistik großen Stellenwert hat und Zukunftsperspektiven bietet. Anfang kommenden Jahres will die Polizei einen neuen Anlauf unternehmen. Im Februar 2021 soll dann das Sommersemester beginnen - wenn sich genug Interessierte melden.

Abgesehen vom neuen Studium will die hessische Polizei das Thema Cyberkriminalistik insgesamt "deutlich stärker" in der Ausbildung verankern. So soll die Digitalkompetenz der Kriminal- und Schutzpolizei weiter gestärkt werden, wie Rudolph erklärte.

Minister will Online-Gefahren für Bürger abwehren

Zur Offensive im Kampf gegen Cybercrime sagte Innenminister Peter Beuth (CDU): "Wir wollen besser werden, um frühestmöglich auch im Internet Gefahren für die Bürger abzuwehren." Nach Angaben des Ministeriums besteht großer Personalbedarf. "Die Dynamik und Bandbreite von Delikten hat in den vergangenen Jahren vor allem im Netz zugenommen", sagte Beuth.

Foto von zwei Händen an einem Laptop, auf dessen Bildschirm viele O-en und 1-en leuchten.

Die Anzahl der Straftaten, die im oder mithilfe des Internets verübt wurden, stieg laut dem Innenministerium von 33.334 auf 35.608 Fälle im Jahr 2019. Das entspricht einem Plus von 6,8 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2017 waren es sogar noch weniger als 20.000 Fälle.

Andreas Grün, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei Hessen, sagte zur überraschend geringen Nachfrage zum Studiengang: "Ich kann nicht sagen, woran es liegen könnte. Ich bin auch ein wenig überrascht. Wahrscheinlich ist das Thema bei den Studierenden noch nicht so bekannt. Da ist noch Wegstrecke zu machen, damit sich das etabliert und in den Köpfen präsent ist."

Studiengang unzureichend konzipiert?

Kritisch äußerte sich der Bund Deutscher Kriminalbeamter. Der hessische Landesvorsitzende Dirk Peglow sagte dem hr, der Ausbildungsansatz sei nicht gut genug: "Grundsätzlich ist die Einführung dieses Studiengangs zu begrüßen, er ist aber weit von dem entfernt, was wir unter dem Begriff 'Cyberkriminalist' verstehen. Hierbei handelt es sich um Informatiker/-innen, die mit abgeschlossenem Studium zur Polizei kommen und ihre bereits vorhandene Expertise in die polizeiliche Arbeit einbringen."

In diesem Bereich bestehe ein enormer Bedarf, so Peglow. Der angestrebte Studiengang habe das Ziel, IT-versierte Sachbearbeiter in allen Zuständigkeitsbereichen der Kriminalpolizei zu etablieren, es sind keine IT-Spezialisten. Hierin könnte der Grund für das ausbleibende Interesse liegen.