Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen.

Schwerer Vorwurf gegen die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim: Dort sollen über Jahre Organspende-Wartelisten durch gezielte Überdosierung von Medikamenten manipuliert worden sein. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die Klinik spricht von einem Missverständnis.

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Die Bundesärztekammer hat ihren Jahresbericht zur Prüfung von Transplantationsprogrammen der Kliniken in Deutschland vorgelegt. Bei der Veröffentlichung der Prüfungs- und Überwachungskommission am Donnerstag stach vor allem ein Wert ins Auge: In den Jahren 2013 bis 2015 wurden demnach bei 25 näher untersuchten Herztransplantationen in Bad Nauheim 12 Verstöße festgestellt. Die Prüfungskommission spricht in diesem Zusammenhang von systematischen Unregelmäßigkeiten.

Staatsanwaltschaft ermittelt seit April

Wurde in der auf Herz-OPs spezialisierten Kerckhoff-Klinik also getrickst, um Patienten früher zu Spenderherzen zu verhelfen? Ein äußerst schwerwiegender Verdacht, der nun geprüft werde, wie die Landesärztekammer am Donnerstag mitteilte. Darüber wurden auch die Staatsanwaltschaft sowie das hessische Sozialministerium informiert.

Die Staatsanwaltschaft Gießen bestätigt, dass die Anzeige Anfang April einging. Seitdem laufe ein Ermittlungsverfahren wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung und des Verstoßes gegen das Transplantationsgesetz. Die Klinik kooperiere seit Beginn. Unter anderem sei an diesem Freitag ein 400 Seiten dickes Gutachten zu dem Fall eingetroffen, das die Klinikleitung in Auftrag gegeben habe.

Der Bundesärztekammer zufolge wurden die Werte von Patienten durch die Hinzugabe von bestimmten Medikamenten gezielt verändert, so dass die Patienten auf der Dringlichkeitsliste für Spenderherzen einen sogenannten HU-Status (High Urgency – hohe Dringlichkeit) erreichten.

"Lassen den Patienten kränker erscheinen als er tatsächlich ist"

Die Ärztekammer spricht von "Dosissteigerungen ohne erkennbare medizinische Notwendigkeit", die nur einem Ziel dienten: "Sie lassen den Patienten kränker erscheinen als er tatsächlich ist."

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Der gesamte Bericht der Bundesärztekammer ist online in einer PDF-Version abrufbar.

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Hinweise, dass bestimmte Patienten aufgrund ihres Versichertenstatus bevorzugt werden sollten, gebe es übrigens nicht. Von 27 überprüften Patienten seien 21 gesetzlich und sechs privat versichert gewesen.

Klinik spricht von Missverständnis

In einer auf ihrer Internetseite veröffentlichten Stellungnahme wies die Leitung der Kerckhoff-Klinik die Vorwürfe von sich und zeigte sich "enttäuscht" von den Vorwürfen der Prüfungs- und Überwachungskommission. In den zwölf von der Kommission gerügten Fällen seien die Patienten "zu jeder Zeit auf Grundlage des Krankheitsbildes und auf höchstem medizinischem Niveau behandelt" worden.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kerckhoff-Klinik soll Organspende-Warteliste manipuliert haben

Ein Styropor-Behälter zum Transport von zur Transplantation vorgesehenen Organen wird am Eingang eines OP-Saales vorbeigetragen.
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Allerdings gestand die Klinik Fehler in der Dokumentation der Fälle ein. Diese hätte "missverständliche Interpretationen" zugelassen, die nicht die Realität der Behandlungen widerspiegelten, erklärte der ärztliche Geschäftsführer der Klinik, Ardeschir Ghofrani. "Ich bin zuversichtlich, dass alle Vorwürfe schon bald ausgeräumt sind", so Ghofrani weiter. Um ähnliche "Missverständnisse" künftig zu vermeiden, seien bereits Verbesserungen im Dokumentationsprozess durchgeführt worden.

Rückgang bei Organspende befürchtet

Die Kerckhoff-Klinik behandelt nach eigenen Angaben pro Jahr etwa 15.000 Patienten stationär und 35.000 ambulant. Etwa 1.400 Menschen arbeiten für das Krankenhaus, das sich auf Herz-, Lungen-, Gefäß- und Rheumaerkrankungen sowie Transplantationen spezialisiert hat. Auch ein Rehazentrum zählt zum Klinikkomplex.

Die Landesärztekammer befürchtet, dass die Zahlen von Organspendern nach dem Bekanntwerden des Falls sinken könnten. "Grundlage für die freiwillige Bereitschaft zur Organspende ist Vertrauen", teilte Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski mit. "Und dieses Vertrauen setzt voraus, dass Entnahme und Transplantation von Organen klaren und transparenten Regeln folgen."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 12.12.2019, 16.45 Uhr