Jack Russel Terrier Odie aus dem Tierheim Wiesbaden

In der Coronakrise erhalten die Tierheime vermehrt Anfragen, auch nach Katzen und Hunden zum Ausleihen. Wer kein Haustier vermittelt bekommt, könnte im Internet fündig werden - und auf Dauer überfordert sein.

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Seit rund einem Monat gelten in Hessen die coronabedingten Kontaktbeschränkungen, die meisten Betreuungs- und Freizeitangebote für Kinder fallen noch immer aus. Was wäre da naheliegender, als sich einen Hund anzuschaffen? Tatsächlich scheinen gerade immer mehr Eltern diesen Gedanken zu teilen - zumindest gemessen an den Anfragen, die die Tierheime seit Ausbruch der Corona-Pandemie erreichen.

"Wir haben irgendwann aufgehört, die Anfragen zu zählen", sagt Sabine Urbainsky. Die Leiterin des Frankfurter Tierheims berichtet dabei von einem ungewöhnlichen Trend: Wegen der Corona-Pandemie fragten viele Interessenten, ob Hunde und Katzen auch zeitweise ausgeliehen und nach der Lockerung der Maßnahmen wieder zurückgegeben werden könnten. "Das können wir natürlich nicht erlauben, denn die Tiere brauchen lange, um sich an ein neues Zuhause zu gewöhnen."

"Keine Gedanken über die Zeit nach Corona gemacht"

Sich kurzentschlossen ein Haustier anzuschaffen, nur weil gerade die Zeit dafür da ist - nach den Worten von Nadine Bernardy ist das der falsche Grundgedanke. Auch ihr Tierheim in Wiesbaden erhalte derzeit eine Menge Anfragen. In den Vermittlungstelefonaten merkten die Mitarbeiter dann aber schnell: Viele Familien haben sich keine Gedanken über die Zeit nach Corona gemacht.

"Aktuell könnte der Hund vielleicht rund um die Uhr betreut werden. Aber wenn dann plötzlich alle wieder zur Arbeit oder in die Schule gehen, ist der Hund das nicht gewohnt und fängt an, laut zu bellen oder die Möbel kaputtzumachen", sagt Bernardy. Dann gehe eine dauerhafte Vermittlung in den meisten Fällen schief. "Die Tiere nur kurzfristig aufzunehmen, hilft uns nicht", betont die Tierheimleiterin. "Und damit tut man auch keinem Tier einen Gefallen."

Vermittlung wird aufwändiger - und ist oft nur von kurzer Dauer

Es gebe vermehrt Vermittlungsanfragen in den hessischen Tierheimen, bestätigt der Landestierschutzverband Hessen. Die Vermittlung sei jetzt deutlich aufwändiger, die Tierheime müssten wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen Einzeltermine ausmachen - und obendrein sicherstellen, dass es sich um ein dauerhaftes Zuhause handele.

Doch wer von den Tierheimen abgewiesen wird, könnte sein Bedürfnis nach einem vierbeinigen Mitbewohner auch auf andere Weise stillen, befürchtet Nadine Bernardy. "Ich kann jedem nur davon abraten, jetzt im Internet nach einem Hund oder einer Katze zu suchen. Wenn Menschen ihre Haustiere im Internet anbieten, stimmt meistens etwas nicht." In zwei Fällen seien Hunde danach schnell im Wiesbadener Tierheim gelandet - einmal, weil der Hund ein Kind gebissen habe.

Für die Zeit nach der Corona-Pandemie befürchten die Tierheime in Frankfurt und Wiesbaden eine regelrechte Abgabewelle. "Solange niemand in den Urlaub fährt, werden viele Tiere angeschafft", sagt auch Karsten Plücker, Vorsitzender des Bundes gegen Missbrauch der Tiere. Das werde sich nach Corona wieder ändern.

Heime leiden auch finanziell

Plücker, der das Tierheim "Wau-Mau-Insel" in Kassel leitet, berichtet daneben auch von einem anderen Problem. Weil schon seit Wochen keine Hunde und Katzen mehr aus einem Partnertierheim in Rumänien geholt werden könnten, hätten seine Mitarbeiter in diesem Monat nur noch wenige Tiere zu vermitteln: Das Heim versorge nun 24 statt der sonst üblichen 80 Hunde, und 20 statt 70 Katzen.

"Uns fehlen monatlich 15.000 Euro Vermittlungseinnahmen", sagt Plücker. Hinzu kämen die abgesagten Oster- und Sommerfeste, die für das Heim ebenfalls einige tausend Euro überlebenswichtige Einnahmen bedeutet hätten.

Auf lange Sicht habe sie Sorge, dass das Finanzierungssystem der Tierheime zusammenbrechen könnte, sagt Sigrid Faust-Schmidt vom Landestierschutzverein Hessen. Die Tierheime würden sich zu 50 bis 75 Prozent über Spenden, Patenschaften und Mitgliedsbeiträge finanzieren. "Wenn die wegbrechen, weil die Leute selbst finanzielle Einbußen haben, wird das natürlich zum Problem."

Soforthilfen oft keine Option

Zwar unterstützt die Landesregierung wirtschaftlich und ehrenamtlich betriebene Vereine mit Soforthilfen. Darunter fallen auch Tierheime, wie das Umweltministerium am Mittwoch klarstellte. Doch dafür müssen die Heime nachweisen, dass die finanziellen Probleme erst durch die Corona-Krise entstanden sind.

Genau daran scheitere es bei vielen Heimen, meint Karsten Plücker: "Wer jetzt pleite ist, war es vor Corona auch schon." Insbesondere kleinere Vereine würden gerade von der sprichwörtlichen Hand in den Mund leben, sagt auch Nadine Bernardy. "Je länger das anhält, desto mehr werden uns die Kräfte ausgehen." Ihr Tierheim in Wiesbaden unterstütze deshalb kleinere Einrichtungen mit Futterspenden.

Um seine Mitarbeiter halten zu können, hat Plücker ab Mai Kurzarbeit angemeldet. "So müssen wir zumindest keinen Tierpfleger entlassen." Denn noch vor einem Jahr habe er händeringend Mitarbeiter gesucht. "Und wir werden ja trotzdem gebraucht."

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 16.04.2020, 19.30 Uhr