Storch auf Strommast

Weil es im Kreis Groß-Gerau so viele Störche gibt, werden die Nistplätze knapp. Als Ausweichmöglichkeit haben die Tiere nun Strommasten für sich entdeckt. Das ist brandgefährlich für Mensch und Vogel.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Brandgefährliche Storchennester auf Strommasten

Arbeiter am Storchennest auf einem Strommast
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In Büttelborn sind die Weißstörche überall - sogar auf Strommasten bauen sie ihre Nester. Dieser Nestbau sei riskant und könne zu Bränden führen, sagt Bernd Petri vom Kreisverband Groß-Gerau des Naturschutzbundes Nabu. Denn gerade junge Störche, die noch ungeübt im Nestbau sind, stellten sich beim ersten Mal ungeschickt an und würden auch ungeeignetes und zu großes Material verbauen.

Jungstörche bauen Nester am gewohnten Ort

Der Kreis Groß-Gerau gilt als eine der storchenreichsten Regionen Europas - jedes Jahr kommen nach Angaben des Vogelexperten noch mehr Tiere hinzu. Er schätzt, dass etwa 300 der insgesamt 800 Storchenbrutpaare in Hessen dort nisten. "Es gibt mittlerweile so viele Störche, dass geeignete Nistplätze fehlen."

Das Problem werde sozusagen an die nächste Generation weitergegeben: Schlüpften die Jungen auf einem Strommast, suchten diese sich bei ihrem eigenen ersten Nestbau wiederum die großen Stahlträger als Nistunterlage - in Erinnerung an ihre eigenen ersten Erfahrungen als Küken.

Lichtbogen: Brände und Stromausfälle

Auch Sebastian Weyerhäuser, bei den Mainzer Netzen für die Leitungen verantwortlich, kennt das Problem. Denn wenn die Störche Äste oder manchmal auch Metallteile so in das Nest legen, dass sie sowohl das Leiterseil als auch den Hochspannungsmast berühren, dann gebe es einen sogenannten Lichtbogen. Sprich: Der Ast verbrennt und auch das Storchennest kann Feuer fangen.

Und nicht nur das. "In dem Moment, wo die Verbindung hergestellt ist und bis der Ast abgebrannt ist, gibt es im gesamten Netzgebiet einen Spannungseinbruch", sagt Weyerhäuser. Das könnten zum Beispiel Industriebetriebe mit empfindlichen Maschinen zu spüren bekommen. Im ungünstigsten Fall könne das Nest zu einem kompletten Stromausfall führen.

Abschreckung und Alternativen

Deshalb behält unter anderem Andreas Müller als Freileitungsmonteur jede Veränderung auf den Hochspannungsmasten wie an den Klärteichen bei Groß-Gerau im Blick. Regelmäßig besucht er rund 50 Nester im Bereich der Mainzer Netze, dokumentiert sie und klettert bei Bedarf zum Nest, um herausstehende Zweige zurückstecken oder die Nester sogar ganz zu entfernen.

"Sie können und sollten grundsätzlich abgebaut werden, wenn sie an Stellen gebaut werden, wo sie Probleme bereiten", stimmt auch Bernd Petri vom Nabu zu. Allerdings nur, wenn im Nest noch keine Eier liegen. Denn die gelte es zu schützen.

Petri schlägt deshalb vor, verstärkt sogenannte Vergrämungsmaßnahmen aufzubauen, wie es sie etwa schon am Umspannwerk Berkach gibt. Dort sollen kleine, sich drehende Windräder dafür sorgen, dass die Störche nicht auf den Masten nisten. Bisher funktioniert das - die Störche haben sich auf zwei eigens für sie errichtete Masten zurückgezogen und dort ein großes Nest gebaut.

Nabu: Probleme nehmen zu

Nabu-Sprecher Petri glaubt allerdings, dass die Probleme durch Storchnester weiter zunehmen werden. Schon jetzt höre er von vielen solchen Fällen aus Wiesbaden, aus der Wetterau oder aus der Radenhäuser Lache bei Marburg. Gerade unternehmen viele Jungstörche die ersten Flugversuche. Sie werden im nächsten Jahr erste Nestbauversuche starten.

Sendung: hr-iNFO, 17.06.2020, 6 Uhr