Bildcollage aus Screenshots
Das ganze Unheil in einem Bild: Links der Tweet des Fake-Twitter-Accounts der Titanic, rechts die Reaktionen im Eil-Format. Bild © Screenshots/hr

Mit einem falschen hr-Account bei Twitter hat das Satiremagazin Titanic bei deutschen Nachrichtenredakteuren Schnappatmung verursacht. Auf die Meldung vom angeblichen Aus des Unionsbündnisses sprang nicht nur Bild an.

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zum Video Satiremagazin Titanic mit falschem hr-Account

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Eilmeldung der Nachrichtenagentur Reuters, Eilmeldung der Bild-Zeitung, Eilmeldung des Magazins Focus, Eilmeldung vom Nachrichtensender n-tv und, und, und… Das vermeintliche Ende des Unionsbündnisses hat am Freitagmittag ein mediales Erdbeben verursacht, das Nachrichtenredaktionen in ganz Deutschland und Europa erfasste. Das Epizentrum: Frankfurt.

Los ging es mit dem Tweet eines verifizierten Twitter-Accounts unter dem Namen "hr Tagesgeschehen" um 11.56 Uhr. Demnach hatte der Hessische Rundfunk Einblick in E-Mails des Ministerpräsidenten und CDU-Bundesvize Volker Bouffier erhalten. Die Nachricht: CSU-Chef Horst Seehofer hat das Unionsbündnis mit der CDU aufgekündigt. Der Höhepunkt des Asylstreits mit Kanzlerin Angela Merkel. Welch ein Drama!

+++ Breaking – Politbombe platzt in Hessen +++ Seehofer kündigt laut interner Bouffier-Mail Unionsbündnis mit CDU auf +++ Merkel informiert, PK gegen 15 Uhr +++ Details folgen!

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"Knall in Deutschland" – Fake verbreitet sich wie ein Lauffeuer

Sofort sprangen verschiedene Medien in ganz Europa auf das Thema an. "Knall in Deutschland", meldete etwa das Schweizer Nachrichtenmedium Watson News. Als erste Nachrichtenagentur in Deutschland fiel Reuters auf den Fake rein und verkündete um 12.22 Uhr: "EIL-HR – Seehofer kündigt Unionsbündnis mit CDU auf". Auf die Idee, den Sachverhalt zu prüfen, kamen die meisten nicht.

Gänsehaut am ganzen Körper

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Die Nachricht erreichte ungefiltert auch den Bundestag. Die stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende Beatrix von Storch brachte das vermeintliche Ende der Unionsfraktion mit Verweis auf die Eilmeldung der Bild-Zeitung zur Sprache, wurde dafür aus den Reihen der übrigen Fraktionen aber nur mit höhnischem Applaus bedacht.

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zum Video Beatrix von Storch (AfD) fragt im Bundestag nach vermeintlichem Aus der Union

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Laut einer Meldung der Süddeutschen Zeitung reagierten sogar die Finanzmärkte, der Aktienindex Dax habe ein halbes Prozent verloren, hieß es.

Bei der Nachrichtenredaktion von hessenschau.de stand fortan das Telefon nicht mehr still: "Woher kamen die vertraulichen Infos?", "Weshalb berichtet der hr noch nicht auf allen Kanälen über die internen Mails?" und vor allem: "Ist das überhaupt Euer Account?"

@hrtgn -> "hr Tagesgeschehen"

Die letztgenannte Frage ließ sich mit Blick auf die Timeline des erwähnten Twitter-Accounts recht zügig beantworten. Zahlreiche geteilte Inhalte des Frankfurter Satiremagazins Titanic legten schnell den Schluss nahe, dass es den Gauklern der Nation mal wieder gelungen war, einen echten Hit zu landen.

Die Auflösung: Der Account "hr Tagesgeschehen" lief unter dem Kürzel @hrtgn. Das wiederum steht für den Titanic-Redakteur Moritz Hürtgen, der seinen verifizierten Account offenbar bereitwillig für die Aktion geopfert hatte.

Auf telefonische Nachfrage von hessenschau.de bedauerte Hürtgen, dass er die Kollegen um die wohlverdiente Mittagspause gebracht habe, und wünschte uns noch einen schönen Tag. Ihre Eilmeldungen hatten Bild und Co. da schon längst zurückgenommen.

Der Hessische Rundfunk stellt aus aktuellem Anlass klar: Der Twitter-Account @hrtgn ist kein Account des Hessischen Rundfunks. Die dort verbreiteten Informationen sind damit nicht auf den Hessischen Rundfunk zurückzuführen. @hrPresse

[zum Tweet]

Auf #miomiogate folgt der hr-Fake

Die Titanic landete somit ihren zweiten großen Coup innerhalb weniger Monate. Mitte Februar hatte die Bild-Zeitung unter der Schlagzeile "Neue Schmutzkampagne bei der SPD" einen Mailverkehr veröffentlicht, nach dem Juso-Chef Kevin Kühnert bei seiner NoGroKo-Initiative Hilfe eines russischen Internettrolls namens Juri in Erwägung gezogen habe.

Diesen Schriftverkehr hatte aber die Titanic lanciert, was das Magazin wenige Tage später aufklärte. Es folgte ein Shitstorm auf Twitter unter dem Hashtag #miomiogate, weil Kühnert in den Mails, die die Bild zitierte, nach dem Lieblingsgetränk eines gemeinsamen Bekannten gefragt haben soll, über den "Juri" Kontakt zum Juso-Chef herstellen wollte. Die Antwort, die beweisen sollte, dass beide sich wirklich kennen, war "Mio Mio Mate Ginger".

Weitere Informationen

Offizielle Stellungnahme des hr

Wir haben schnell verstanden, dass es Satire und ein Gag der Titanic ist. Und wir haben uns von der Meldung auf diversen Kanälen distanziert.
Solch eine Falschmeldung unterstreicht die Bedeutung und Wichtigkeit von Qualitätsjournalismus. Dazu gehört, dass grundsätzlich Quellen geprüft werden bzw. mit mehreren Quellen gearbeitet wird.
Twitter würden wir empfehlen, seine Zertifizierungsprozesse zu überprüfen. Eine Änderung des Klarnamens führt derzeit nicht zum Verlust der Zertifizierung eines Accounts.
Vorerst werden wir nicht juristisch gegen den Titanic-Redakteur vorgehen.

Ende der weiteren Informationen