Die Mutter von Wael-Yasin (rechts) am Grab ihres Sohnes

In der Gießener Uniklinik stirbt ein zweijähriges Kind. Hat der behandelnde Arzt einen Fehler gemacht? Ein Gutachten sagt nein. Doch die Eltern zweifeln an dem Aussagewert des Gutachtens. Der Anwalt der Familie sorgte jetzt für die Wiederaufnahme eines Ermittlungsverfahrens.

Als der zweijährige Wael-Yasin an seinem Todestag von seinen Eltern in die Gießener Uniklinik gebracht wird, ist er schon schwer krank. Der niedergelassene Kinderarzt hatte tags zuvor eine Herzmuskelentzündung bei dem Jungen festgestellt und ihn als dringenden Fall in der Klinik bereits angekündigt. Die Eltern sind an diesem 16. November 2019 in tiefer Sorge. Trotzdem müssen sie stundenlang in den Gängen der Uniklinik verharren.

Auch bei der anschließenden Behandlung von Wael-Yasin sei unangemessen auf die gesundheitliche Situation des Kindes reagiert worden, so der Weilburger Rechtsanwalt Burkhard Kirchhoff, der die Eltern vertritt. So sei dem Jungen Blut abgenommen worden, obwohl dies bereits am Vortag durch den Kinderarzt erfolgt war, berichten die Eltern. Ihr Kind habe große Angst bekommen und sei sehr unruhig geworden. Der behandelnde Arzt habe dem Jungen daraufhin starke Beruhigungsmittel verabreicht, anschließend habe das Kind einen Herz- und Atemstillstand erlitten.

Kind stirbt in der Notaufnahme

Nach Aussage der Eltern stand in diesem Augenblick kein Beatmungsschlauch zur Verfügung. Erst nach etwa 25 Minuten sei einer vorbeigebracht worden, so die Eltern gegenüber dem hr-Sendung defacto.

Bestätigt wird der Vorfall auch durch Ayse Kaya, einer Freundin der Mutter, die von den Eltern alarmiert worden war und kurz darauf in der Klinik eintraf. Plötzlich und völlig unvorbereitet seien die Eltern dann mit ihr in das Behandlungszimmer gerufen worden. "Die erste Frage, die man uns stellte war: Können wir aufhören?" berichtet die gelernte Krankenschwester. "Wir wussten nicht, worum es ging, bis wir verstanden, dass sie die Wiederbelebungsmaßnahmen meinten", sagt die Freundin der Eltern. Daraufhin sei die Mutter zusammengebrochen. Das Kind verstarb noch in der Notaufnahme.

"Wir wurden dann aus dem Zimmer verwiesen, in dem sich der Leichnam des Kindes befand. Dann kam ein Kriminalpolizist", erinnert sich Ayse Kaya. Sowohl die Eltern als auch sie selbst hätten den Ermittler eindringlich gebeten, das Kind nicht vom Gutachter der Gießener Rechtsmedizin untersuchen zu lassen, da man aufgrund des Erlebten keinerlei Vertrauen mehr in die Klinik gehabt habe. Doch dieser habe gesagt, dass es anders gar nicht möglich sein. Das Kind müsse in der Klinik obduziert werden.

Anwalt: "Den Bock zum Gärtner gemacht"

In dem von dem Gutachter verfassten und der Gießener Staatsanwaltschaft vorgelegten Gutachten wurde später kein schuldhaftes Verhalten der Klinik oder des behandelnden Arztes festgestellt. Der Tod des Jungen sei schicksalhaft auf die Herzmuskelentzündung zurückzuführen. Die Staatsanwaltschaft stellte den Fall aufgrund dieses Gutachtens ein. Rechtsanwalt Kirchhoff spricht von einem skandalösen Vorgehen. "Ich bin der Auffassung, dass damit der Bock zum Gärtner gemacht wird. Es kann nicht angehen, dass die Rechtsmedizin der eigenen Klinik in diesem Fall ein Gutachten macht“, so der Anwalt der Eltern. Zudem seien die medizinischen Detailfragen überhaupt nicht behandelt worden.

Medizinrechtler Kirchhoff sieht in dem Gießener Fall ein Beispiel dafür, dass Staatsanwaltschaften aufgrund fehlender medizinischer Fachkompetenz zu eklatanten Fehleinschätzungen kommen können: Für Fälle von Abrechnungsbetrug in Kliniken gebe es aufgrund der Komplexität der Sachverhalte mittlerweile Schwerpunktstaatsanwaltschaften mit steuerlich versierten Juristen. Bei Todesfällen in Kliniken nicht. Einer möglichen Vertuschung seitens der Kliniken sei damit Tür und Tor geöffnet.

Staatsanwaltschaft: Keine Gefahr unlauterer Einflussnahme

Dem Vorwurf der Eltern, dass im Fall ihres Sohnes von Seiten der Klinik oder des Rechtsmediziners etwas vertuscht werden sollte, widerspricht die Staatsanwaltschaft allerdings vehement. In einer Stellungnahme gegenüber defacto betont sie, dass es sich bei dem Sachverständigen um einen Lehrstuhlinhaber der Justus-Liebig-Universität Gießen handle und nicht um einen Angestellten der Uniklinik. Es bestehe deshalb "keinerlei systemische Gefahr der unlauteren Einflussnahme".

Und doch gibt es nun eine Wende in dem Fall. Gegenüber defacto erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft: "Auf die Beschwerde des rechtlichen Beistandes der Anzeigeerstatter erfolgte eine nochmalige Überprüfung der Ergebnisse des Verfahrens durch die Sachbearbeiterin, die sodann das Ermittlungsverfahren wiederaufnahm."

Im Fortgang der Ermittlungen könne sich auch "die Notwendigkeit weiterer rechtsmedizinischer Begutachtungen ergeben“, so Sprecher Rouven Spieler.

Sendung: hr-fernsehen, defacto, 16.03.2020, 20.15 Uhr