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Wie konnte der SEK-Einsatz so eskalieren?

Auch drei Wochen nach dem tödlichen Polizeieinsatz im Frankfurter Bahnhofsviertel sind noch viele Fragen offen. Dabei erhärtet sich weiter der Verdacht, dass am 2. August einiges schief gelaufen ist. Die Behörden wiegeln jedoch ab.

Der tödliche Schuss traf Amin F. von oben in den Kopf. So steht es nach hr-Informationen im Obduktionsergebnis. Der 23-Jährige hatte sich am 1. August für zwei Nächte in einer Unterkunft in der Moselstraße im Bahnhofsviertel einquartiert. Er bezahlte nach hr-Informationen die 80 Euro Miete im Voraus und bekam Zimmer 303 im dritten Stock.

In der Nacht zum 2. August hatte er dann offenbar zwei Prostituierte aus einem anderen Stockwerk bedroht. Amin F. war nach Zeugenaussagen betrunken und hatte Drogen genommen. Die Frauen meldeten einer Polizeistreife den Vorfall und berichteten dabei von einer Waffe. Deshalb rief die Streife das Überfallkommando und schließlich das SEK.

Wie konnte die Situation so eskalieren?

Zwischen der ersten Meldung an die Streife und dem Tod des Mannes vergingen mehrere Stunden. Ein Polizeihund kam zum Einsatz. Dann fielen die Schüsse. Was war passiert? Warum eskalierte die Situation so derart, dass am Ende ein Mensch starb?

Dass ein Polizist insgesamt sechs Schüsse auf Amin F. abgegeben hat, ist sicher. Fünf der Schüsse trafen den 23-Jährigen. Laut Staatsanwaltschaft gingen vier Projektile in den linken Unterarm und den Oberkörper, das fünfte in den Kopf. Gegen den Beamten, der auf Amin F. geschossen hat, ermittelt die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Totschlag.

Ermittlungen zum genauen Hergang

In welcher Reihenfolge er die Schüsse abgegeben hat, konnte die Obduktion nicht klären. Möglicherweise traf der tödliche Schuss, weil Amin F. sich bewegt hat oder gestürzt ist. Dazu wird noch ermittelt. Mit Hinweis auf das laufende Verfahren nennt die zuständige Staatsanwaltschaft Frankfurt derzeit keine weiteren Details. Auch das ermittelnde Landeskriminalamt verweist darauf.

Was bis zu dem tödlichen Schuss genau passiert ist, sei Teil der Ermittlungen, sagten Staatsanwaltschaft und LKA. Der Beamte schweigt zurzeit noch. Haben die Beamten zunächst mit dem Mann verhandelt? Warum gab es den Befehl, einen Hund in das Zimmer zu schicken?

Tür mit einer Ramme geöffnet

Laut Staatsanwaltschaft wurde die Zimmertür mit einer Ramme geöffnet und dann der Hund vorgeschickt. Polizeihunde sind so ausgebildet, dass sie einmal zubeißen und sich dann festbeißen. Das soll dafür sorgen, dass die Polizisten an den Verdächtigen heran können. Nur der Hundeführer kann das Tier mit einem Befehl wieder trennen.

Offenbar hat sich Amin F. aber mit einem Messer gegen den Hund gewehrt und ihn dabei schwer verletzt. Das Tier musste notoperiert werden.

Kritik am Einsatz des Polizeihunds

Insider sagen, der Hund hätte nicht reingeschickt werden müssen. Dies zwinge die Beamten nämlich, ebenfalls einen Raum zu betreten. In der Regel würden Polizeihunde nicht in so engen Räumen eingesetzt, das führe immer zu Ärger. Sinnvoll sei ihr Einsatz auf der Straße oder in einsamen Hinterhöfen. Dort gebe es genügend Platz.

Kritik gibt es auch am möglicherweise überhasteten Eingriff der Beamten. Diese hätten im Grunde Zeit gehabt, denn Amin F. hätte nur sich selbst verletzen können. Er war alleine in dem Hotelzimmer. Die Polizei hätte ihn hinhalten können, mit ihm am Telefon verhandeln oder die Tür mit technischer Hilfe öffnen und aus der Entfernung mit ihm reden können. Ob all das geschehen ist, beantworten die Ermittlungsbehörden zurzeit nicht.

LKA: Dokumentation vollständig

Zu Hinweisen, wonach der Hund erst frisch ausgebildet war, sagt das Landeskriminalamt: "Bei dem eingesetzten Diensthund handelte es sich um einen vollausgebildeten SEK-Hund. Der Hundeführer und sein Hund haben alle abverlangten Übungen während der Ausbildung erfolgreich bestanden."

Das LKA äußert sich auch zum Vorwurf, der offenbar missglückte Einsatz sei lückenhaft dokumentiert worden: "Die Einsatzdokumentation ist nach Bewertung des Hessischen Landeskriminalamtes vollumfänglich die vorgeschriebenen und formal vorgegebenen Dokumentationspflichten der hessischen Polizei erfüllt."

Spielt SEK-Auflösung im Juni 2021 eine Rolle?

Insider glauben, der tödliche Schuss sei damit auch Folge einer Kurzschlusshandlung des Innenministers Peter Beuth (CDU). Im Juni 2021 hatte Beuth das Frankfurter SEK überraschend komplett aufgelöst, nachdem Vorwürfe laut wurden, dort habe es rechte Chats gegeben. Mit dem Radikalschlag gegen alle SEKler seien Jahrzehnte Erfahrung verloren gegangen.

Das LKA sagt dazu, alle Einsatzkräfte und insbesondere die Führungskräfte in den hessischen Spezialeinheiten verfügten über die erforderlichen Qualifikationen und Erfahrungen. Dagegen spricht allerdings, dass nach hr-Informationen mittlerweile fast 30 Beamte das Frankfurter SEK verlassen haben - alles erfahrene Beamte.

Von den Beamten, die am Zugriff im Bahnhofsviertel beteiligt waren, hatte der erfahrenste erst vier Jahre beim SEK verbracht - nach Einschätzung von Insidern eine vergleichsweise kurze Zeit.

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