Trauer nach dem gewaltsamen Tod eines Achtjährigen am Frankfurter Hauptbahnhof.
Trauer nach dem gewaltsamen Tod eines Achtjährigen im Frankfurter Hauptbahnhof. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Eine Mutter und ihr Sohn sind am Montag am Frankfurter Hauptbahnhof vor einen ICE gestoßen worden, der Achtjährige starb. Warum berichten wir, dass der Tatverdächtige aus Eritrea stammt, werden wir seitdem immer wieder gefragt. Eine Erklärung.

Der Tod eines achtjährigen Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof gehört zu den schrecklichsten Verbrechen, über die unsere Redaktion auf hessenschau.de und in den sozialen Medien in den vergangenen Jahren berichtet hat.

Am Montag um 11.29 Uhr veröffentlichten wir die Eilmeldung, dass ein Kind vor einen Zug gestoßen wurde, ein Verdächtiger sei festgenommen worden. Deutschlandweit berichteten Medien, auch international wurde das Thema aufgegriffen. Die Mutter des Jungen war ebenfalls auf die Gleise gestoßen worden, konnte sich aber retten.

Berichterstattung trotz Fassungslosigkeit

Wie unsere Nutzer hat auch uns Journalisten diese schreckliche Nachricht aufgewühlt: Viele von uns fahren regelmäßig mit dem Zug über den Frankfurter Hauptbahnhof, manche Berufspendler täglich. Viele von uns sind ebenfalls Eltern und haben schon oft mit ihren Kindern am Bahnsteig auf einen einfahrenden Zug gewartet.

Von Fassungslosigkeit, Trauer und Wut können auch wir uns nicht frei machen. Dennoch galt es für uns an diesem Montag und in den folgenden Tagen, so ausführlich und aktuell wie möglich über diesen Fall zu berichten.

Verdächtiger Frankfurter Hauptbahnhof
Der Verdächtige am Dienstag in Frankfurt auf dem Weg zum Haftrichter. Bild © Michael Seeboth (hr)

Wer tut so etwas Schreckliches - und warum?

Zusammen mit unseren Kollegen von Hörfunk, Fernsehen und Social Media haben wir laufend alle verfügbaren Informationen zusammengetragen: von Polizei und Staatsanwaltschaft, von Augenzeugen, Nachrichtenagenturen und anderen Medien.

Was ist passiert? Wo? Wann? Wie ist es geschehen? Woher sind die Informationen? Diese sogenannten W-Fragen zu beantworten, gehört zu den täglichen Herausforderungen unserer Arbeit.

Je schrecklicher ein Verbrechen, je größer die öffentliche Aufmerksamkeit, umso bedeutender sind die weiteren W-Fragen nach den Beteiligten und dem möglichen Motiv: Wer ist Opfer? Wer wird verdächtigt? Warum tut jemand so etwas?

Hunderte Menschen werden Zeugen

Das Verbrechen am Frankfurter Hauptbahnhof geschah in aller Öffentlichkeit: Tausende Menschen waren dort wie jeden Tag unterwegs, kauften Fahrkarten, standen an den Gleisen und warteten auf ihre Züge.

Zahlreiche Menschen mussten mit ansehen, wie plötzlich ein Mann Mutter und Kind auf die Gleise stieß. Hunderte hörten die Schreie, sahen Rettungskräfte und Polizei im Einsatz, beobachteten Flucht und Verfolgung des Verdächtigen sowie die Festnahme eines Mannes mit dunkler Hautfarbe.

Schnell gab es Gerüchte, dass es sich bei dem Festgenommenen um einen Mann afrikanischer Herkunft handele. In den sozialen Medien waren erste fremdenfeindliche Kommentare zu lesen.

Schließlich teilte die Frankfurter Polizei nach mehreren Nutzer-Anfragen auf Twitter mit, dass es sich bei dem festgenommenen Tatverdächtigen um einen eritreischen Staatsbürger handelt.

@Ludovico_Ariost @MontgomeryCros2 @AnnetteLudwig Wir können bestätigen. dass der festgenommene Tatverdächtige eritreischer Staatsbürger ist. *fp

[zum Tweet]

Mit Grundsatz brechen

Diese Information der Polizei nahmen auch wir zum Anlass, die Nationalität des mutmaßlichen Täters zu nennen. Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht, haben unter Kollegen diskutiert und abgewogen. Sollen wir in diesem Fall mit einem Grundsatz in der Kriminalberichterstattung brechen, der dazu dient, Vorverurteilungen zu vermeiden?

Dieser Grundsatz lautet, die Nationalität von Verdächtigen nur dann zu nennen, wenn sie im Zusammenhang mit der Tat stehen könnte - zum Beispiel bei Clan-Gewalt oder rechtsextremistischen Straftaten. Da bereits kurz nach der Tat bekannt wurde, dass sich der mutmaßliche Täter und die Opfer nicht kannten, war solch ein Zusammenhang nicht erkennbar. Auch eine Verbindung zu rassistisch motivierten Schüssen auf einen Eritreer in Wächtersbach (Main-Kinzig) wenige Tage zuvor gab es nicht.

Wir haben uns dennoch entschieden, die Nationalität des Festgenommenen zu nennen und auch über weitere Details seiner Identität zu berichten, weil es sich um ein außergewöhnlich grausames Verbrechen handelt, das in aller Öffentlichkeit vor den Augen hunderter Menschen begangen wurde.

Wie es im Pressekodex als berufsethische Richtlinie für die journalistische Berichterstattung heißt, muss bei einer identifizierenden Berichterstattung das berechtigte Interesse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen des Verdächtigen überwiegen. Aus unserer Sicht trifft das in diesem Fall zu.

Ähnliche Entscheidung bei anderen Verbrechen

Auch in der Berichterstattung über andere außergewöhnliche Kriminalfälle haben wir nach ähnlichen Abwägungen detailliert über die Identität der Verdächtigen berichtet: sei es im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, beim Mord an der Schülerin Susanna oder im Fall des gewaltsamen Todes der Studentin Tugce Albayrak.

Nach dem tödlichen Stoß auf die Gleise des Frankfurter Hauptbahnhofs haben die Behörden in den vergangenen Tagen viel über den mutmaßlichen Täter mitgeteilt: 40 Jahre alt, eritreischer Staatsbürger, verheiratet und Vater dreier Kinder, lebt seit 2006 in der Schweiz und hatte dort seit 2011 ein unbeschränktes Aufenthaltsrecht. Er war in psychiatrischer Behandlung.

All das haben wir - wie viele andere Medien - bewusst berichtet, um unseren Nutzern in diesem schrecklichen Verbrechensfall ein möglichst umfassendes Bild über die Umstände der Tat zu geben. Das werden wir hierbei auch weiter tun. Bei neuen Fällen werden wir wieder abwägen - und uns die Entscheidung wieder nicht leicht machen.

Weitere Informationen

Psychiatrisches Gutachten

Nach der tödlichen Gleis-Attacke soll ein Experte ein psychiatrisches Gutachten über den Tatverdächtigen erstellen. Es sei ein Sachverständiger beauftragt worden, der mit dem 40-Jährigen entsprechende Gespräche führe, teilte die Staatsanwaltschaft am Donnerstag mit. Der dreifache Familienvater sitzt wegen Mordverdachts in Untersuchungshaft.

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