Tote und Verletzte nach Schüssen, die Polizei im Großeinsatz, ein toter Täter und ein rechtsradikales Motiv: Fragen und Antworten zu den Geschehnissen in Hanau.

Was ist in Hanau passiert?

Nach Angaben der Polizei sind am Mittwochabend ab 22 Uhr an mehreren Tatorten in Hanau Schüsse gefallen. Die Schüssen fielen unter anderem in einer Shisha-Bar und in einem Kiosk. Dort wurde auch ein Auto beschossen.

Wie viele Menschen wurden getötet?

Bei den Schüssen sind zunächst neun Menschen ums Leben gekommen. Die ersten Schüsse fielen in einer Shisha-Bar in der Hanauer Innenstadt, hier starben vier Menschen. Anschließend schoss der Täter auf Menschen in und vor einem Kiosk im Stadtteil Kesselstadt. Es gab fünf Tote. Zudem wurden der Täter und seine Mutter leblos aufgefunden. Damit liegt die Zahl der Toten rund um die Vorfälle vom Mittwochabend und Donnerstagmorgen bei elf.

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zum Video hessenschau kompakt extra: Gewalttat in Hanau

Polizisten beim Einsatz in Hanau
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Was weiß man über die Opfer?

Die Todesopfer waren zwischen 21 und 44 Jahre alt. Nach Angaben von Generalbundesanwalt Peter Frank und des Landeskriminalamts haben bis auf die Mutter des Täters alle einen Migrationshintergrund. Zudem sollen auch einige der Verletzten ausländische Wurzeln haben, Frank sprach von fünf Verletzten und einem Schwerverletzten.

Lesen Sie hier nähere Angaben zu den neun Opfern des rassistischen Anschlags, soweit sie vorliegen.

Wie laufen die Ermittlungen der Polizei?

Die Ermittlungen der Polizei führten über das Fluchtfahrzeug zu einer Wohnung in Hanau: Dort wurde der Todesschütze am frühen Donnerstagmorgen tot aufgefunden, bei der zweiten Leiche handelte es sich um die 72-jährige Mutter des Verdächtigen. Nach Angaben von Innenminister Peter Beuth (CDU) gibt es bislang keinen Hinweis auf weitere Täter. Die Polizei war mit einem Großaufgebot an den Tatorten vertreten. Es waren auch Einsatzkräfte aus Bayern im Einsatz.

Gibt es Erkenntnisse über das Motiv?

Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat die Ermittlungen übernommen, da sie von einer "terroristischen Gewalttat" ausgeht. Der Täter hinterließ demnach ein Bekennerschreiben und ein Video. Das Video hatte er wenige Tage vor der Tat bei Youtube veröffentlicht. In diesem Video spricht der Mann in fließendem Englisch von einer "persönlichen Botschaft an alle Amerikaner".

Der Clip, der am Donnerstagmorgen weiter im Internet zu sehen war und im Lauf des Vormittags offline genommen wurde, wurde offensichtlich in einer Privatwohnung aufgenommen und demonstriert nach Angaben der Generalbundesanwaltschaft eine "zutiefst rassistischen Gesinnung". Die Generalbundesanwaltschaft will nun herausfinden, ob der Täter Mitwisser oder Unterstützer im In- oder Ausland hatte.

Tobias R., mutmaßlicher Täter von Hanau

Wir zeigen das auch uns vorliegende Bekennervideo zur Tat in Hanau nicht in Gänze, sondern nur verpixelt als Standbild oder als nur wenige Sekunden lange Sequenz und ohne die Stimme des mutmaßlichen Attentäters. Wir wollen Tätern keine offene Bühne geben, die mit ihren Taten bewusst auf diesem Weg die Öffentlichkeit suchen.

Welche Informationen liegen über den Täter vor?

Dabei handelt es sich um Tobias R., einen 43 Jahre alten Mann aus Hanau, der früher an verschiedenen Orten in Bayern lebte. Der Täter war Innenminister Beuth zufolge weder dem Landesamt für Verfassungsschutz noch der Polizei bekannt. Er besaß einen Waffenschein und war als Sportschütze Mitglied beim Frankfurter Verein Diana Bergen-Enkheim.

Auf seiner Webseite verbreitete er Rassismus und Verschwörungstheorien, unter anderem über eine "Schattenregierung". Er schlussfolgerte, dass ganze Völker vernichtet werden müssten. R. wohnte noch bei seinen Eltern und hatte keine Freundin, selbst im Winter trug er hin und wieder kurze Hosen. "Einer der durchgeschossensten Leute des Jahrgangs", hieß es in einem Kurzporträt in der Abi-Zeitung über ihn.

Was schrieb der Täter in seinem "Bekennerschreiben"?

Tobias R. veröffentlichte auf seiner Webseite neben mehreren Videos einen 24-seitigen Text. Darin kündigt er indirekt eine Tat an, deren Folgen er selbst nicht mehr erleben werde. Er schreibt, dass er zeit seines Lebens - spätestens ab der zweiten Woche nach seiner Geburt - den Verdacht habe, abgehört zu werden. Seit den Terroranschlägen in New York und Washington am 11. September 2001 habe er die Gewissheit, dass sich ein "Geheimdienst" in seine Gedankenwelt "einklinkt".

Er führt aus, dass sowohl die Pläne für den Terroranschlag auf das World Trade Center als auch die "America First"-Politik des aktuellen US-Präsidenten Donald Trump wie auch manche Hollywood-Filmproduktionen wie "Basic Instinct 2" oder "Starship Troopers" und nicht zuletzt die Einführung des Lehrstuhls "Internationales Management" an der Uni Bayreuth, wo er studierte, und die Berufung von Jürgen Klinsmann zum Fußballnationaltrainer im Jahr 2004 auf seine Ideen zurückgehen, die - dank der Überwachung - just Realität wurden. Wer ihn da abhörte und ob seines "Genies" bewunderte, schreibt R. nicht: Jedoch sei es kein Geheimdienst im herkömmlichen Sinn wie BND oder CIA, sondern eine Art geheime Weltregierung, eine "mehrere hundert Köpfe umfassende Elite", die alles steuert - ein klassisches Motiv der Weltverschwörungstheorie.

Der Autor des Pamphlets macht sich auch Gedanken darüber, wie die USA ihre wirtschaftliche und militärische Vormachtstellung gegenüber dem aufstrebenden China behalten könnten, zum Beispiel durch Kriege. Zu lösen sei das Rätsel, warum es Menschen gebe, schreibt er. Offenbar kam hier selbst sein "Genie" der Antwort nicht nahe. Es geht auch darum, dass er noch nie eine Freundin hatte und warum.

Erschreckend und klar rassistisch sind R.s Ausführungen zu den Völkern und Kulturen, die er für "destruktiv" hält, weswegen sie "äußerlich instinktiv abzulehnen" seien, denn "sie haben sich zudem in ihrer Historie nicht als leistungsfähig erwiesen". Er zählt so gut wie alle Länder außerhalb Europas und den USA zu denen, die restlos zu eliminieren seien. Eigentlich will er in einer "Zeitschleife" Milliarden Jahre zurück, um alle Menschen - und damit alle Fehltritte - auszulöschen. Deutschland sei "das Beste und Schönste, was die Welt zu bieten hat" - jeder hier, der nicht rein arisch sei, müsse aber auch sterben.

Was ist über den Tathergang bekannt?

Gegen 22 Uhr wurde eine Sisha-Bar am Hanauer Heumarkt angegriffen. Augenzeugen berichteten von acht bis neun Schüssen. Danach fuhr der Täter nach Kesselstadt. Dort fielen Schüsse in und vor einem Kiosk. Im Stadtteil Lamboy war die Polizei ebenfalls mit einem Großaufgebot im Einsatz - entgegen ersten Meldungen gab es dort aber keine Schießerei. Gegen 3 Uhr stürmte die Polizei die Wohnung des Schützen.

Die Chronologie der nächtlichen Geschehnisse steht hier.

Tatorte in Hanau

Wo findet man Informationen der Polizei?

Die Polizei Südosthessen begleitet die Vorfälle in Hanau auf Twitter. Sie bittet darum, keine Spekulationen oder Videos unbekannter Quellen zu verbreiten. Wer Hinweise an die Ermittler weitergeben möchte, solle sich unter der Telefonnummer 06181/100-123 melden. Die Polizei richtete zudem einen Server für Hinweise und Zeugenaussagen ein.

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Welche Reaktionen gibt es auf die Geschehnisse in Hanau?

Oberbürgermeister Kaminsky zeigte sich noch in der Nacht zum Donnerstag erschüttert. "Das war ein furchtbarer Abend, der wird uns sicherlich noch lange, lange beschäftigen und in trauriger Erinnerung bleiben", sagte er der Bild-Zeitung. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reagierte bestürzt auf das schwere Gewaltverbrechen. "Die Gedanken sind heute morgen bei den Menschen in #Hanau, in deren Mitte ein entsetzliches Verbrechen begangen wurde", schrieb Regierungssprecher Steffen Seibert auf Twitter. Weitere Reaktionen zu den Vorfällen in Hanau.