Ein Sarg mit einem infizierten Verstorbenen wird von einem Bestatter in ein Krematorium eingeliefert.

Viele Trauernde sind verzweifelt: Sie wollen Verstorbene ein letztes Mal sehen, doch Särge mit Corona-Toten bleiben verschlossen. Eine Notlage, in der ein Bestatter aus Kassel seine Floristen zu Filmemachern umgeschult hat.

Wenn ein Mensch an Corona stirbt, wird sein Körper in einen verschließbaren Sack gelegt. Darum kommt ein Tuch, das in Desinfektionsmittel getränkt ist, und auf den Sarg ein Aufkleber: Vorsicht Corona! Das bedeutet: Dieser Sarg bleibt zu.

Auf dem Weg, den Menschen nach dem Tod nehmen, ändert sich damit vieles, sagt der Kasseler Bestatter Dominik Kracheletz. Die Aufgabe, einen würdigen Abschied zu ermöglichen, ist schwer zu erfüllen. Besonders, weil viele Angehörige vorher oft monatelang keine Möglichkeit hatten, den Kranken in der Klinik oder im Heim zu besuchen und zu trösten - und vor allem, sich angemessen zu verabschieden.

Ein letztes Mal das Gesicht sehen, die Hand streicheln?

"Für die Angehörigen ist es ein Schlag ins Gesicht, weil sie noch so viel reden wollten oder die Hand halten", sagt Kracheletz. Und es wird noch schwerer, wenn der Bestatter ihnen sagen muss, dass sie den Toten nicht mehr sehen dürfen. "Manche konnten die Trauer nicht bewältigen, die kamen zu mir und haben geweint und geweint", erzählt er. Ein letztes Mal das Gesicht sehen, die Hand streicheln? Kracheletz musste sich etwas ausdenken.

Dominik Kracheletz in seinem Kasseler Bestattungsinstitut

Laut den Vorschriften in Hessen ist die Aufbahrung beim Bestatter in Coronafällen nicht erlaubt. Weil manche Angehörigen so verzweifelt waren, hat Kracheletz mit dem Gesundheitsamt Kassel verhandelt: In Fällen mit besonderer Härte darf er auch Corona-Tote ankleiden, eincremen und schminken, um sie aufzubahren.

Wichtig ist dann die Kühlung, sagt Kracheletz: am besten drei bis vier Tage im Kühlraum der Pathologie der Klinik bei drei bis fünf Grad: "Dann ist der Körper wirklich eiskalt." Seine Mitarbeiter im Beerdigungsinstitut tragen außerdem beim Umgang mit Corona-Verstorbenen immer spezielle Schutzanzüge.

Rechtsmedizinier: Mund und Nasenmaske für den Toten

"Wenn der Mensch zu uns kommt, hat er noch seinen letzten Atemzug in sich", sagt Kracheletz, und diese Luft mit Aerosolen kann beim Bewegen des Körpers ausströmen. Darin sieht auch Reinhard Dettmeyer ein mögliches Risiko. Er ist Direktor der Rechtsmedizin an der Universität Gießen und Marburg und sagt: Um zu verhindern, dass es doch noch Aerosole gibt, auch wenn der Mensch längst nicht mehr atmet, sollten Leichen eine Mund- und Nasenmaske erhalten, bevor sie ein letztes Mal bewegt werden.

"Bei frisch Verstorbenen ist das Risiko höher, weil der Leichnam noch warm ist. Je länger er lagert, desto mehr sinkt die Infektionsgefahr", sagt Dettmeyer. Allerdings sei die Infektionsgefahr bei Coronatoten noch nicht bis ins Detail erforscht.

Abstriche und Totenschau

"Für die Bestimmung der Infektiosität ist die Frage wichtig, ob sich die Viren noch vermehren lassen, die etwa durch Abstriche aus dem Lungengewebe von Toten entnommen werden", sagt Experte Dettmeyer. Wenn die Leichen zwei bis drei Tage gekühlt werden, gehe man derzeit davon aus, dass sie nicht mehr infektiös sind.

Im Fall der Corona-Toten gibt es aktuell auch die Vorschrift, auf die sogenannte zweite Leichenschau vor der Feuerbestattung zu verzichten, sagt Dettmeyer. Dabei untersucht ein Arzt normalerweise, ob es nicht doch Hinweise auf eine unnatürliche Todesursache gibt. Dass Angehörige sich von dem aufgebahrten Toten im Beerdigungsinstitut verabschieden, hält Dettmeyer mit den nötigen Schutzmaßnahmen für unproblematisch.

Floristen machen Livestreams

Bei Kracheletz im Bestattungsinstitut bleibt die Aufbahrung von Corona-Toten eine Ausnahme. Aber ein solches Ritual sei für die Tauerbewältigung eben wichtiger als die Frage, wie der Sarg von außen aussieht: "Die Menschen haben alles in Kauf genommen, um sich zu verabschieden." Oft blieben sie stundenlang.

Für die Trauernden sind dabei auch Details wichtig: Steckt die Lesebrille im Jackett des Toten, liegt der Scheitel auf der richtigen Seite - sogar, ob das Kissen im Sarg weich ist. Sie legen in normalen Zeiten noch Bilder vom Urlaub dazu oder das Kreuz von der Wohnzimmerwand, sagt Kracheletz. Und sie wollen wissen, dass es wirklich ihr Toter ist - und niemand anders in dem verschlossenen Sarg liegt.

Die Aufbahrung ist es aber nicht allein. Auch die Trauerfeier wird zu einem Problem, viele können wegen der Pandemie nicht anreisen, es gelten ohnehin Abstandsregeln. Bei Kracheletz hatten plötzlich Floristen und Dekorateure weniger zu tun, sie mussten sich nun in Eigenregie zu Filmleuten umschulen: Livestreams aus der Kapelle, Videoversendung über Links an die Angehörigen. Der Bestatter hat neue, auch potenziell lukrative Wege gefunden, Beerdigungen zu digitalisieren.

Sicherer Abschied an der Glasscheibe

Hat die alte Friedhofskapelle allerdings zu dicke Gemäuer, funktioniert der Livestream nicht. Bei den modernen Bauten klappt es in der Regel - all das haben sie im Kasseler Bestattungsinstitut erst in der Corona-Praxis lernen müssen. Früher kam der ganze Kegelverein auf den Friedhof, sagt Bestatter Kracheletz. Jetzt bleiben sie notgedrungen fern und sind vom Sofa aus doch dabei.

Als Vorsitzender des hessischen Bestatterverbandes weiß Kracheletz von Kollegen: Nicht alle konnten mit ihrem Gesundheitsamt eine Übereinkunft treffen.

In Frankfurt hilft da, was in der Bestatterszene längst als altmodisch galt: Es gibt noch alte Aufbahrungsräume mit Trennscheiben aus Glas. Das dient jetzt einem hochaktuellen Zweck: dem sicheren Abschiednehmen.