Mann hängt Schild mit Aufschrift "Der Unterricht fällt heute aus" auf

Hunderte Schulen blieben am Montag geschlossen, zeitweise fuhr kein Zug mehr. Dabei hielten sich die Auswirkungen von Sturmtief "Sabine" in Grenzen. Waren Kultusministerium und Bahn übervorsichtig?

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Orkanböen bis 120 Stundenkilometern auch in den Niederungen, fliegende Dächer und Bäume - die Warnungen vor dem Sturmtief "Sabine" verhießen wenig Gutes. Meteorologen warnten vorm Hinausgehen, viele Schulen sagten den Unterricht ab, die Bahn stellte den Fern- und Regionalverkehr ein.

Wer dagegen am Montagmorgen aus dem Fenster blickte, den erwartete in weiten Teilen Hessens Sonnenschein. Waren die Warnungen also übertrieben, wie böse Zungen behaupten?

Nein, finden Kultusministerium, Wetterexperten und Deutsche Bahn. Sie halten die Vorkehrungen auch im Nachhinein für gerechtfertigt. Noch nie sei ein Unwetter so früh und so vehement vorhergesagt worden - und das flächendeckend.

Hunderttausende Schüler blieben zuhause

An 90 Prozent aller hessischen Schulen fiel nach Angaben des Kultusministeriums am Montag der Unterricht aus. Das habe hunderttausende Schüler betroffen, sagt ein Ministeriumssprecher. Das Kultusministerium hatte am Samstag in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass die Entscheidung, ob Unterricht stattfinde, bei den einzelnen Schulen liege.

Diese Mitteilung rief Kritik hervor: Der Main-Kinzig-Kreis und die Stadt Hanau forderten, die Entscheidung über Schulschließungen in die Hände der jeweiligen Schulträger zu legen. Eltern und Schülern sei nicht vermittelbar, wenn eine Schule geschlossen bleibe und eine andere in unmittelbarer Nähe nicht. Das Kultusministerium solle seine Entscheidungspraxis entsprechend ändern.

Kultusministerium irritiert über Kritik

Im Kultusministerium sorgte diese Forderung für Irritationen, wie ein Sprecher dem hr sagt. Schließlich liege die Entscheidungshoheit in solchen Fällen bereits bei den Schulträgern - also der jeweiligen Stadt- oder Kreisverwaltung. Hanau und der Main-Kinzig-Kreis hätten jeweils eine einheitliche Entscheidung für ihre Schulen treffen können. Das Kultusministerium habe dazu keine Befugnis, teilte der Sprecher weiter mit. Scheinbar seien den unteren Instanzen ihre Befugnisse nicht klar gewesen.

Die Entscheidung, den Schulen am Montag bei Unterrichtsausfällen den Rücken zu stärken, wertet das Ministerium weiter als richtig. So sei keinem Kind auf dem Schulweg etwas passiert. "Wieso sollte der Unterricht stattfinden, wenn in ganz Deutschland zahlreiche Flüge ausfallen und die Bahn nicht fährt", fragt der Sprecher. In den vergangenen zehn Jahren habe es keine andere derartig flächendeckende Sturmwarnung gegeben, noch dazu so weit im Voraus. Die Entscheidung habe man zudem in Absprache mit Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz getroffen.

"Im Nachhinein ist man immer schlauer"

Letztlich sei Sabine zwar ein Sturm gewesen, wie es ihn alle paar Jahre gebe, sagt hr-Meteorologe Michael Köckritz. Doch das sei vorher nicht klar gewesen: Die Prognosen könnten nicht im Detail ermitteln, wo der Wind welche Geschwindigkeiten erreichen werde. "Natürlich ist man im Nachhinein immer schlauer. Aber lieber so, als wenn zu wenig vorhergesagt wird und am Ende mehr passiert."

Am Frankfurter Flughafen habe der Wind Geschwindigkeiten von bis zu 96 Stundenkilometern erreicht, sagt Köckritz. In Eschwege wurden 111 Stundenkilometer und in Darmstadt 107 Stundenkilometer gemessen. Damit seien in den Flächen zwar keine Orkanböen erreicht worden - im Vogelsberg und auf der Wasserkuppe aber durchaus. Dort betrugen die Spitzengeschwindigkeiten bis zu 144 Stundenkilometer.

Zuverlässigere Prognosen als bei Orkan "Lothar"

An Orkan "Kyrill", der im Januar 2007 mit Geschwindigkeiten über 200 Stundenkilometer über Mitteleuropa zog, kam Sabine damit nicht heran. Erst recht nicht an Orkan "Lothar", der 1999 am Bodensee sogar mehr als 270 Stundenkilometer erreichte. Damals gab es starke Kritik am Deutschen Wetterdienst: Die Meteorologen hätten den Orkan viel zu spät vorhergesagt, äußerte unter anderem die Bundesregierung. 18 Menschen fielen "Lothar" zum Opfer.

In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Vorhersagen laut Köckritz jedoch deutlich verbessert. Damals habe sich der Deutsche Wetterdienst nur auf eigene Berechnungen berufen können, während er heutzutage auf mehrere Messmodelle zurückgreifen könne - dadurch seien die Prognosen zuverlässiger geworden, die Vorkehrungen umfassender, erklärt Köckritz.

Dennoch seien nicht alle Stürme so lange im Voraus abzusehen wie nun "Sabine", sagt der hr-Meteorologe weiter. "Friederike" im Jahr 2018 etwa sei ein sogenannter Schnellläufer gewesen - das Sturmtief habe sich deutlich schneller entwickelt als "Sabine". In der Folge strandeten hunderte Passagiere an Bahnhöfen, weil die Deutsche Bahn nicht so schnell reagieren konnte und Züge auf halber Strecke enden ließ.

Situation an Bahnhöfen entspannter als erwartet

Anders bei "Sabine": Bereits am Freitag warnte die Deutsche Bahn auf Twitter vor Störungen durch das Sturmtief und riet ihren Fahrgästen, für Sonntag und Montag geplante Fahrten auf einen anderen Tag zu verschieben. Am Sonntag um 18 Uhr wurde der Bahnverkehr dann vollständig eingestellt.

"Diese Entscheidung haben wir getroffen, weil der Deutsche Wetterdienst so früh eine so hohe Gefährdung vorhergesagt hat", sagt ein Bahnsprecher dem hr: "Das Risiko war viel zu hoch." Am Freitag bereits auf mögliche Ausfälle hinzuweisen, sei "absolut richtig" gewesen. Viele Reisende seien den Hinweisen gefolgt, dadurch sei die Lage an den Bahnhöfen insgesamt entspannt geblieben. Dass deutschlandweit keine Züge gefahren seien, habe zudem die Kontrolle auf Schäden an den Gleisen erleichtert.

In Hessen seien die Auswirkungen des Sturms im Rahmen geblieben, bilanziert der Sprecher. Die Schäden an Zügen seien wesentlich geringer ausgefallen als erwartet, mehrere Schienen seien durch umgestürzte Bäume beschädigt worden. In einigen Regionen dauerten die Räumungsarbeiten noch an. Wie hoch der Schaden ausfiel, hat die Bahn noch nicht ermittelt.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 11.02.2020, 13 Uhr

Ihre Kommentare Fanden Sie die Vorsichtsmaßnahmen bei "Sabine" gerechtfertigt?

75 Kommentare

  • Es muss halt manchmal jemand den Hut aufhaben und eine Entscheidung treffen, von der man nicht ganz genau sagen kann, wie gerechtfertigt sie im Nachhinein gewesen sein wird. Und andere müssen dann auch mal Respekt vor so einer Entscheidung haben.
    Ist bei Sabine jemand gestorben? Nein. Dann ist also alles gut.

  • Ja, auf jeden Fall! Wenn nicht gewarnt worden wäre, hätten sich auch viele aufgeregt und möglicherweise wäre mehr passiert!

  • Hallo,
    als Eltern sind solche spontane Entscheidung schwer mit dem Arbeitsleben zu vereinbaren.
    Wenn man sein Kind nicht in die 300 m entfernte Grundschule bringen darf (Notbetreuung mit 1 Betreuer!!!). In solchen Fällen sollte es möglich sein mit dem Auto mitzubringen und abzuholen. Oder die Eltern könnten untereinander was regeln. Wenn man 20 km fahren muss zu den Großeltern ist dieses eine noch größere Gefahr.
    Und es hieß von der Schule , man solle möglichst nicht rausgehen.
    Warum wurden dann Eltern auch hier nicht unterstützt, indem sie auch zuhause bleiben müssten mit ihren Kindern. ....
    Nicht jeder hat einfach mal spontan die Möglichkeit frei zu bekommen, gerade beim Einzelhandel .
    Im Endeffekt fand ich es übertrieben.
    Mit freundlichen Grüßen

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