Kombo Protestplakat an Baum und gekennzeichnete Bäume

Am Darmstädter Waldkunstpfad sollen mehr als hundert Bäume fallen. Eine Initiative stemmt sich dagegen und hat bereits einen Teilerfolg erzielt. Das reicht ihr aber nicht. Auch in Mühltal führen Fällungen zu Unmut.

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Demo Waldkunstpfad Darmstadt
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Rote Kreuze markieren die Delinquenten: Am Waldkunstpfad in Darmstadt, einem Staatswald, sollen etwa 125 Bäume fallen. Als Grund gibt das Forstamt Darmstadt an, die Bäume seien durch die Trockenheit der vergangenen Jahre morsch und gefährdeten die Sicherheit der Besucher, etwa durch herabfallende Äste.

Forstamt reagiert auf Proteste

Ursprünglich standen rund 160 Bäume auf der Liste. Nach massiven Protesten von Gegnern der Fällung hat das Forstamt eingelenkt und will nach eigenem Bekunden nun 35 Bäume im FFH-Gebiet (Fauna-Flora-Habitat) Dommersberg, Dachsberg und Darmbachaue stehen lassen. Dort sollen nur noch wenige Bäume, die eine akute Gefährdung darstellen, gefällt werden.

Mit der Verschonung von 35 Bäumen reagiere man auf die öffentliche Kritik, teilte Forstamtsleiter Hartmut Müller mit und betonte, dass die Fällung auch dieser Bäume rechtlich möglich und fachlich sinnvoll sei. Er wolle damit ein "Zeichen zur Akzeptanz auch bei den wenigen aber lauten Kritikern setzen."

Initiative vermutet wirtschaftliches Interesse

Der Darmstädter Bürgerinitiative (BI) "Pro Walderhalt" reicht das aber weitem nicht. "Das ist ein Witz", kommentierte die Vorsitzende Karin Mühlenbock den Teilrückzug des Forstamts. Die BI fordert nach wie vor, auf die Fällungen zu verzichten. Sie hat deswegen nach Worten von Mühlenbock am Mittwoch zusammen mit der Westwaldallianz, einem Zusammenschluss mehrerer Umweltverbände in Darmstadt, eine einstweilige Verfügung beim Verwaltungsgericht beantragt.

Am vergangenen Wochenende hatten "Pro Walderhalt" und Westwaldallianz zu einer Demonstration am Eingang des Waldkunstpfads aufgerufen. Rund 100 Menschen beteiligten sich an der Protestaktion. "Die Menschen waren richtig sauer", beschreibt Mühlenbock den Unmut der Teilnehmer.

"Pro Walderhalt" hält das Sicherheitsargument für vorgeschoben und glaubt, dass wirtschaftliche Interessen des Landesbetriebs HessenForst im Vordergund der Fällungen stehen. Die BI räumt ein, dass die Wege sicher gehalten werden müssen, hält dies aber auch durch die schonende Entfernung einzelner morscher Äste für möglich.

Jährliche Eingriffe verhindern

Früher habe man das so gemacht, sagt Forstamtsleiter Hartmut Müller. Ein solches Vorgehen sei jedoch aufwändig und bedeute nahezu jährlich einen Eingriff in die Waldökosysteme. Mit dem Verein für Internationale Waldkunst wurde vereinbart, maximal 35 Kunstwerke an sieben "Kristallisationspunkten" auf dem Pfad zu konzentrieren. Dort und entlang der Wege wolle man Altbuchen ernten. Laut Bürgerinitiative sind die Bäume bis zu 200 Jahre alt.

Unterstützung für sein Vorgehen erhält Müller von seinem Vorgänger Arnulf Rosenstock. Er ist als stellvertretender Kreisvorsitzender der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald zwar selbst in der Westwaldallianz aktiv, distanziert sich jedoch von den Protesten. "Die nachhaltige Forstwirtschaft beruht auch darauf, dass reife Bestände geerntet werden", sagt er. "Pro Walderhalt" aber wolle jeglichen Wald aus der Nutzung nehmen und so die Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft unmöglich machen, kritisiert Rosenstock.

"Sind nicht von gestern"

Mühlenbock widerspricht vehement: "Natürlich muss Holzernte sein, wir sind ja nicht von gestern." Es werde aber zuviel Holz geerntet. Die Bürgerinitiative fordert, den Holzeinschlag in allen Wäldern in Darmstadt und Umgebung auf 60 Prozent der jetzigen Ernte herunterzufahren. Außerdem müsse schonender gefällt werden - unter deutlich weniger Einsatz schwerer Fällfahrzeuge, sogenannter Harvester.

Gerade im Darmstädter Staatswald hält sie die Fällungen für fatal. "Da sind so tolle, massive Bäume, richtige Naturdenkmäler", sagt sie. Sie könne einfach nicht akzeptieren, dass so etwas in die Holzernte gehe. Zudem sei der Wald ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Menschen der Umgebung.

Harvester im Wald bei Mühltal unterwegs

Auch im Wald bei Mühltal-Trautheim (Darmstadt-Dieburg), für den ebenfalls das Forstamt Darmstadt zuständig ist, sorgen Baumfällungen für rote Köpfe bei "Pro Walderhalt". Seit dem 4. Oktober richteten die Harvester in dem Waldgebiet schwere Verwüstungen an, sagt Mühlenbock. Die Fällungen, die gewissermaßen vor der Haustür der Mühltalerin stattfinden, kritisieren sie und "Pro Walderhalt" nicht erst seit gestern.

Gerodete Waldflächen bei Mühltal

Seit Jahren seien die Harvester immer wieder im Einsatz und rissen Löcher in den Wald, beklagt die Bürgerinitiative. Dies führe zu mehr Sonneneinstrahlung, die wiederum den Boden austrockne. Kleinere Sturmschäden würden zum Anlass genommen, gleich reihenweise Bäume abzuholzen. Dies sei nicht im Sinne des Klimaschutzes. So schlimm wie in diesem Jahr sei es mit den Fällungen noch nie gewesen.

Forstamt: "Halten uns an die Planungen"

Forstamtsleiter Müller winkt ab. "Wir arbeiten in einem Staatswald im Rahmen der vorgegebenen mittelfristigen Planungen", sagt er. Es seien knapp 100 Altbuchen auf einer Fläche von etwa 5 Hektar gefällt worden, also rund 20 Buchen pro Hektar. Diese müssten unter anderem zur Sicherheit der Waldbesucher, aber auch der Arbeiter, die dort Neuanpflanzungen anlegten, beseitigt werden.

Förster seien aber nicht nur dazu da, tote Bäume zu fällen, sondern auch, um Holz für den einheimischen Markt bereit zu stellen, räumt der Forstamtsleiter ein. "Wir pflanzen und ernten auch Holz im Wald." Dazu würden im Rahmen der Nachhaltigkeit eben auch gesunde Bäume gefällt.

Den Einsatz von Fällbaggern verteidigt der Amtschef. "Die tonnenschweren Bäume können Sie nicht mit der Nagelschere umsägen." Mit den Kettenfahrzeugen würden aber nur sogenannte Rückegassen befahren. Dabei entstünden keine Schäden, die "im Rahmen der normalen Forstwirtschaft nicht hinnehmbar sind".

Dienstaufsichtsbeschwerde geplant

Die Aktivisten wollen dennoch nicht locker lassen. Sie werfen HessenForst vor, den Wald eben nicht nachhaltig zu nutzen und Naturkapital zu zerstören. Anwohnerin und Fällungsgegnerin Ute Promies hat deshalb eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Landesbetrieb beim Regierungspräsidium vorbereitet.

In dem Entwurf, der dem hr vorliegt, heißt es unter anderem, HessenForst verändere den Charakter des Waldes und fördere den Klimawandel durch intensiven Einschlag von Buchen- und Eichenwäldern. Der Kampf um die Bäume wird weitergehen.

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