Eine Wölfin im nordhessischen Stölzinger Gebirge reißt Nutztiere und überwindet Elektrozäune. Das hat ihr den Ruf einer "Problemwölfin" eingebracht. Die Schäfer fordern mehr Schutz vom Land.

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hessenschau kompakt von 16:45 Uhr vom 29.07.2020
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Im Stölzinger Gebirge im Werra-Meißner-Kreis lebt eine Wölfin, die sehr aktiv jagt: Sie soll bei mittlerweile neun Angriffen 28 Nutziere getötet haben. Zuletzt war sie offenbar in der Nacht zu Dienstag bei Rotenburg (Hersfeld-Rotenburg) unterwegs und tötete vier Schafe, die DNA-Spuren müssen noch ausgewertet werden. Dazu kommen noch Wildtiere. Das brachte der "Stölzinger Wölfin" einen weiteren Spitznamen ein: die "Problemwölfin". 

Wölfin lässt sich nicht von Zäunen aufhalten 

Für Jäger und Schäfer ist das Tier tatsächlich ein Problem: Auf einem Grundstück bei Witzenhausen (Werra-Meißner) wurden im April sieben Lämmer und ein Mutterschaf gerissen. Und das obwohl Landwirt Alexander Schlauch einen Zaun gezogen hatte, der Wölfe eigentlich abhalten soll. Nur, die Stölzinger Wölfin scheint mittlerweile gelernt zu haben, wie sie unbeschadet einen solchen Elektrozaun überwindet und auch wieder herausfindet, nachdem sie die Tiere gerissen hat.

Selbst der Pyrenäenhund, den Schlauch zusätzlich als Schutzhund für die Schafe und Ziegen anschaffte, hält die Wölfin offensichtlich nicht von den Tieren fern, wie Schlauch weiter berichtete.

Wenn Wölfe Nutztiere trotz einer entsprechenden Umzäunung töten, bekommen die Landwirte eine Entschädigung. Schlauch bekam für seine Tiere nach eigenen Angaben 550 Euro.

Schafzüchter fordern Unterstützung 

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die "Stölzinger Wölfin" macht Schäfern Probleme

Stölzinger Wölfin
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Die Schäfer fordern inzwischen Hilfe vom Land, um die schlaue Wölfin in ihre Schranken zu weisen. Burkhard Ernst, Sprecher des Landesverbandes für Schafzucht- und -haltung, hat bereits beim Agrar- und Umweltministerium um ein Gespräch gebeten, wie er der Agentur dpa sagte: "Diese sesshafte Wölfin überwindet den Mindestschutz unserer Zäune. Wir merken, dass das nicht reicht." Es müsse einen flächendeckenden Mindestschutz für Schafhalter geben, so die Forderung. 

Die vorgegebene Mindesthöhe bei Zäunen, die gegen Wölfe schützen sollen, beträgt 90 Zentimeter. Außerdem müssen die Zäune elektrisch sein. Für Festzaunanlagen gilt eine Höhe von 1,20 Metern, zusätzlich braucht es einen Untergrabenschutz, etwa aus Beton. "Diese Auflagen sind für alle erwerbsmäßigen Schäfer - davon haben wir aber nur noch etwa 70 in Hessen - bindend", sagte Ernst. Problematisch sei es eher für die Schäfer, die nur wenige Schafe halten. 4.500 Schafhalter in Hessen gebe es, die weniger als 30 Schafe haben.  

Diese hätten oft ein Festweidesysteme aus Maschendraht hinter dem Haus oder um die Dörfer herum. Das Nachrüsten dieser Systeme sei aufwendig und teuer, erklärte Ernst. Dafür würde auch zu wenig Anreize geboten. Der Verband fordert deswegen als Konsequenz aus den neuen Wolfsvorfälle eine bessere Verbindlichkeit bei den Schutzmaßnahmen. "Mir als Weidetierhalter ist es egal, ob das Tier gefangen und in den Tierpark gesteckt oder geschossen wird", betonte Ernst. 

Schießen verboten 

Nur: Einen Wolf zu schießen ist eine Straftat. Die Tiere stehen unter Artenschutz. Aus Sicht des Naturschutzes ist es auch ein Erfolg, dass der Wolf sich überhaupt wieder in hiesigen Regionen ansiedelt, nachdem er lange in Deutschland nicht mehr heimisch war.  

Die Hürden, wann ein auffällig gewordener Wolf geschossen werden darf, sind sehr hoch. Zuletzt wurden die Regeln Ende vergangenen Jahres angepasst. Es gilt weiterhin, dass Wölfe nur abgeschossen werden dürfen, wenn die Naturschutzbehörde eine Ausnahmegenehmigung erteilt. Voraussetzung für eine Ausnahme ist, dass "weitere Schäden nicht durch zumutbare Herdenschutzmaßnahmen vermieden werden können", heißt es auf der Webseite des zuständigen Bundesumweltministeriums.

Bisher gab es in Deutschland keinen Fall, in dem ein Wolf einen Menschen angegriffen hatte. Da sind Wildschweine, die ihre Frischlinge verteidigen, im Wald wohl die größere Gefahr.  

Wolfsnachwuchs nicht in Sicht 

Markus Stifter vom Landesjagdverband sieht bei der "Stölzinger Wölfin" allerdings klare Auffälligkeiten: "Ein Wolf ist dann verhaltensauffällig, wenn er gelernt hat, in eine wolfsicher umzäunte Weide einzudringen und dort Schafe, Ziegen, Rinder oder wie kürzlich in Niedersachsen auch Pferde reißt." Es bestehe außerdem die Gefahr, dass unerwünschtes Verhalten an Welpen weitergegeben wird. 

Bisher sind aber nur zwei Wölfinnen in Hessen sesshaft, neben der Stölzinger Wölfin hat sich noch eine im Vogelsberg angesiedelt. 

Einen Rüden gebe es nicht in den Regionen, heißt es vom Landesamt für Umwelt und Naturschutz, und damit auch zunächst keine Aussicht auf Wolfswelpen in Nordhessen. 

Auch BUND und Bauern drängen auf mehr Schutz 

Auch der hessische Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Bauernverband fordern nun einen konsequenten Herdenschutz und mehr Unterstützung für die Schäfer vom Land.

Umweltstaatssekretär Oliver Conz hatte jüngst versichert, dass das Land die Schäfer mit ihren Sorgen wegen der Wölfe in Hessen nicht alleine lassen werde.  Es seien in diesem Jahr bereits die Förderung erhöht und eine Weidetierprämie eingeführt worden. Nach der Sommerpause sollen mit den Tierhaltern und weiteren Verbänden der Entwurf des neuen Wolfsmanagementplan erörtert und weitere Förderinstrumente zum Schutz der Tiere vorgestellt werden. 

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 29.07.2020, 16.45 Uhr