Angeklagte Krankenschwester vor dem Landgericht Marburg

Seit Anfang des Jahres steht Krankenschwester Elena W. in Marburg vor Gericht. Sie soll drei Frühchen mit Narkosemitteln vergiftet haben. Am Donnerstagvormittag wird in dem Indizienprozess das Urteil erwartet.

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Angeklagte Krankenschwester vor dem Landgericht Marburg
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Elena W. zuckt nicht zusammen, als der Staatsanwalt am 31. Januar das erste Mal die heftigen Vorwürfe gegen sie vorträgt. Sie schüttelt nur ungläubig den Kopf. Traut man ihr wirklich so etwas zu? Eine unauffällige junge Frau, blonde kinnlange Haare, ein blassrosafarbenes Oberteil mit farblich abgestimmtem Schal, dezente Perlenohrringe.

Vor Gericht erscheint die damals 29-Jährige völlig gefasst, mit festem Blick und gerader Haltung nimmt sie auf der Anklagebank Platz, als die Fotografen auf sie losstürmen. Sie wechselt ein paar Worte mit ihrem Anwalt, ein Lächeln huscht ihr übers Gesicht. Fast schon wirkt es, als wäre das Ganze hier eine Leichtigkeit für sie, eine Lappalie, durch die man halt so durch muss.

Babys wiederbelebt, eins starb später

Dem gegenüber stehen erschütternde Vorwürfe der Staatsanwaltschaft. Elena W. soll zwischen Dezember 2015 und Februar 2016 als Kinderkrankenschwester in der Marburger Uni-Klinik drei frühgeborene Mädchen mit den Narkosemitteln Midazolam und Ketamin vergiftet haben. Die Folge: Bewusstlosigkeit, Herzstillstände, so weit, dass die Babys wiederbelebt werden mussten. Ein Gutachter stellt fest: Die Medikamente wurden mit der Babymilch verabreicht - laut Staatsanwaltschaft kommt wegen der dienstlichen Abläufe nur Elena W. dafür in Frage.

Konkret geht es um versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener. Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre Haft. Staatsanwältin Kerstin Brinkmeyer spricht im Schlussplädoyer von "gesteigerter krimineller Energie“ bei der Angeklagten. Weil die vier Monate alte Leni wenige Tage nach der Vergiftung im Krankenhaus starb, gehen ihre Eltern sogar noch weiter: Als Nebenkläger forderten sie von Anfang an eine Verurteilung wegen vollendeten Mordes.

Mammutprozess in Marburg

Der monatelange Prozess ist der umfangreichste, den die Universitätsstadt Marburg bisher erlebt hat, wie der Sprecher des Landgerichts Marcus Wilhelm bestätigt. Der Fall sei "besonders komplex“ - und habe deutschlandweit für Aufsehen gesorgt. Doch so groß das Medieninteresse an dem Fall ist, so zäh liefen die Verhandlungen.

Denn niemand wurde auf frischer Tat ertappt, es geht im Prozess um Gutachten, Experten-Einschätzungen, Indizien – und viel davon lässt Raum zur Interpretation. Wie waren die Arbeitsabläufe in der Frühchenstation? Wie haben sich die Narkosemittel auf die kleinen, ohnehin schon geschwächten Kinderkörper ausgewirkt? Und vor allem: Was könnten die Motive sein, so etwas zu tun?

Rätselhafter Fall und rätselhafte Angeklagte

Die Angeklagte selbst gibt dabei mindestens so viele Fragen auf wie die Tatabläufe. Elena W. ist Tochter eines Kinderarztes, erst zwei Jahre zuvor hatte sie im Uniklinikum angefangen. Ehemalige Mitschülerinnen und Kolleginnen beschreiben sie zum Teil als freundlich, zum Teil als hinterhältig, unbeliebt oder überfordert mit der Arbeit. Elena W. schien getrieben von Leistungs- und Geltungsdruck und neidisch auf die vermeintliche Bevorzugung anderer gewesen zu sein.

Eine psychiatrische Sachverständige stellt außerdem narzisstische Züge fest – und zieht Vergleiche zum verurteilten Serienmörder Niels H., ebenfalls Krankenpfleger. Doch die Psychiaterin konnte weder mit der Angeklagten noch mit nahen Verwandten persönlich sprechen und stützte ihre Einschätzung auf Zeugenaussagen.

Angeklagte schweigt neun Monate lang

Im polizeilichen Ermittlungsverfahren soll Elena W. ihre Unschuld beteuert haben, doch in den neun Monaten vor Gericht sagt sie kein Wort mehr. Stattdessen macht sie sich ständig Notizen, als wäre sie eine interessierte Prozessbeobachterin und nicht die Angeklagte. Es überrascht kaum, als ihr Verteidiger im Schlussplädoyer einen Freispruch fordert. Seine Theorie: Jemand könnte seiner Mandantin die Tat untergeschoben haben, er spricht von sieben weiteren möglichen Verdächtigen.

Für die Eltern der verstorbenen Leni ist dagegen klar: Elena W. hat ihre Tochter ermordet. "Man muss sich das Gesamtbild wie ein Mosaik aus vielen Einzelteilen anschauen", so Elke Edelmann, die die Eltern als Nebenkläger vertritt. "Nur sie kommt dafür in Frage." Alle drei Elternpaare treten als Nebenkläger auf.

WhatsApp-Kontakt mit den Eltern

Lenis Eltern haben den Prozess aufmerksam mitverfolgt, an vielen Terminen persönlich teilgenommen, so Anwältin Edelmann: "Es war schwer für sie, mit der Angeklagten umzugehen, etwa wenn man sich zufällig auf der Toilette traf." Vor der Verhaftung habe zwischen den Eltern und der Angeklagten ein "freundschaftlicher Kontakt" bestanden. Elena W. habe der Mutter mehrfach Whats-App-Nachrichten geschrieben und den Eltern schon einen Tag nach Lenis Tod direkt drei Holzherzen mit einem Spruch geschenkt. "Sie wirkte perfekt vorbereitet", beschreibt Edelmann die Einschätzung der Eltern. Auch an der Beerdigung habe sie teilgenommen.

Als mögliches Motiv sieht die Nebenklagevertreterin: "Es ging ihr um Aufmerksamkeit." Das habe sich ihrer Meinung nach auch am Verhalten der Angeklagten vor Gericht gezeigt. "Wir hatten den Eindruck: Entweder hat sie es nicht richtig realisiert oder sie genießt den Auftritt - so makaber sich das auch anhört." Ein Freispruch wäre für die Eltern "ganz schlimm und völlig indiskutabel", so Anwältin Edelmann.