Der Angeklagte trägt den Stock, mit dem er Norbert (rechtes Bild) erschlagen haben will, in einer Plastiktüte verpackt in den Gerichtssaal.

Vor einem Jahr hat ein Mann einen Hund im Lahn-Dill-Kreis erschlagen. Nun ist das Urteil gegen ihn gefallen - nach einem zähen Prozess, bei dem auf einmal jemand anders in den Vordergrund drängte.

Zehn Monate auf Bewährung und knapp 6.000 Euro Geldstrafe - das ist das Urteil des Amtsgerichts Wetzlar gegen den Angeklagten im Prozess um den toten Chihuahua Norbert. Das Gericht erkannte auf gefährliche Körperverletzung und Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Amtsgericht Wetzlar spricht Urteil im Fall des Chihuahuas "Norbert"

Amtsgericht Wetzlar
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Der heute 64-Jährige hatte im vergangenen Februar beim Joggen in der Nähe von Waldsolms (Lahn-Dill) mit einem Stock erst auf den Hund eingeschlagen und dann auf dessen Besitzerin. Anschließend lief er weiter. Für Hund Norbert kam jede Hilfe zu spät, er musste eingeschläfert werden.

Angeblich machte ihm der Chihuahua Angst - was das Gericht als unglaubwürdig betrachtete. Der Angeklagte besaß längere Zeit einen Schäferhund. Aber der Angeklagte blieb dabei: Wegen eines früheren Vorfalls mit einem anderen Hund habe er beim Joggen deswegen auch einen Stock mitgeführt.

Trotz des Urteils bleiben Fragen offen. Zum Beispiel: Wie viel Chihuahua verträgt ein Prozess? Wie viel Prozess ist eines getöteten Hundes angemessen? Denn aus einem geplanten Verhandlungstag wurden am Ende ganze fünf. Ein Rückblick.

"Ich darf diese Frage stellen", sagt die Richterin

Richterin Karimpur (den vollständigen Namen teilt das Amtsgericht nicht mit, Anm. d. Red.) ist eine gutmütige Frau. Immer wieder lächelt sie, mal ironisch, mal sarkastisch. Der Grund: Strafverteidiger Klaus-Dieter Henze. Er belehrt sie, wie einzelne Abläufe vor Gericht richtig durchzuführen seien. Er sei schließlich seit 37 Jahren Rechtsanwalt und kenne sich aus. Ein ums andere Mal bedankt sich die Richterin sogar. Und lächelt ironisch.

Als der Verteidiger versucht, der am Amtsgericht noch recht neuen Richterin vorzugeben, wie und welche Fragen sie zu stellen hat, findet sie das nicht lustig und weist ihn zurecht: "Ich darf diese Frage stellen und ich stelle sie jetzt auch. In Ordnung?"

Pressevertreter sind "Pack", sagt der Verteidiger

Amüsant findet die Richterin auch nicht, dass Henze Zeugenaussagen immer wieder durch Lachen zu unterbrechen versucht. Vielleicht eine Masche, um die Zeugen zu verunsichern. Vielleicht auch, um den Prozess in die Länge zu ziehen. Am zweiten Verhandlungstag, als die Hoffnung auf baldige Plädoyers steigt, stellt der Verteidiger auf einmal sieben neue Beweisanträge. Zwischendurch lässt er einen Zeugen laden, der nichts zur Aufklärung des Falls beitragen kann.

Anwalt Henze legt einen insgesamt denkwürdigen Auftritt vor Gericht hin: Anwesende Journalisten bezeichnet er als "Presseheinis" und "Pack". Er würde sich aus dem Fenster schmeißen, wenn er deren Beruf ausüben müsste, sagt er. In seinem Plädoyer führt er aus, sein Mandant habe alles erreicht, was von einem ordentlichen Deutschen verlangt wird: Frau, Haus, zwei Kinder. 

"Das wird jetzt zu Ende prozessiert", sagt der Staatsanwalt

Gegen Ende des zweiten Verhandlungstags gibt er plötzlich zu Protokoll, er habe seinem Mandanten gesagt, man könne den beiden geschädigten Damen eine finanzielle Kompensation anbieten. Dafür sei es jetzt zu spät, sagt Oberstaatsanwalt Uwe Braun ungläubig: "Das wird jetzt hier zu Ende prozessiert."

In dieser Aussage liegt sozusagen der Hund in diesem Fall begraben: Womöglich wäre es nie zum Prozess gekommen, wäre der Angeklagte nach seiner Tat auf die Besitzerin von Norbert zugegangen und hätte sein Bedauern ausgesprochen - und eine Kompensation angeboten.

Die Richterin sprach deutlich aus, dass sie es für verwerflich hielt, dass er sich nicht gemeldet hatte. So musste er bis zum Ende des Prozesses um seine Rentenansprüche zittern. Als Hochschulprofessor hätte er die verloren, hätte er eine Strafe von zwölf Monaten oder länger bekommen.  

Sendung: hr4, hessenschau für Mittelhessen, 24.01.2020, 16.30 Uhr