Frau fährt Elektro-Fahrrad

Pedelecs sind derzeit so beliebt wie nie: Die Fahrräder mit Motor-Unterstützung bieten vielen Hessen gerade zu Corona-Zeiten einen willkommenen und bequemen Zeitvertreib. Doch mit der erhöhten Nachfrage steigt auch die Zahl der Unfälle.

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Für einen Tagesauflug am Wochenende, als Fitnessgerät, Zeitvertreib oder um nicht länger mit der Bahn fahren zu müssen: Besonders in diesem Corona-Frühjahr hat es viele Menschen auf das Elektro-Fahrrad gezogen. Besonders Pedelecs, jene Elektro-Räder, die nicht versicherungs- und zulassungspflichtig sind, sind unter Einsteigern beliebt. Während entspannt in die Pedale getreten werden kann, unterstützt der Akkumotor die Fahrt mit bis zu 25 Stundenkilometern.

Hohe Nachfrage in Krise

Es habe in diesem Frühjahr einen regelrechten Run auf die Pedelecs gegeben, berichtet der Kasseler Händler Tom Kretschmer. Schon im Juli habe er seinen üblichen Jahresumsatz erreicht. Ähnliches hört man vom Fahrradgeschäft "Per Pedale" in Frankfurt: Die Zahlen hätten sich seit Corona fast verdoppelt, sagt Besitzer Deniz Aybas. Jüngere würden die Pedelecs als Alternative zum öffentlichen Nahverkehr wählen, Ältere für den Urlaub. Die Käufer seien "sehr bunt gemischt".

Doch mit zunehmender Nachfrage und Nutzung steigt auch die Zahl der Unfälle. Erst vor Kurzem war ein 35 Jahre alter Mann in Ebersburg (Fulda) auf seinem Pedelec tödlich verunglückt, als er in einer Kurve die Kontrolle über sein Fahrrad verlor. Wie die Polizei vermutete, hatte er sein Tempo nicht an die Gegebenheiten vor Ort angepasst.

Bis Mai mehr Unfälle als im gesamten Vorjahr

Die zunehmenden Pedelec-Käufe spiegeln sich auch in der Unfallstatistik wider: So hat es nach Angaben des Statistischen Landesamts im Corona-Frühjahr 50 Prozent mehr Unfälle mit Pedelecs gegeben als noch im Vorjahr. Von Januar bis einschließlich Mai ereigneten sich in Hessen insgesamt 194 Unfälle, bei denen Personen verletzt wurden, im gesamten Vorjahr waren es 129.

Fast immer kamen dabei die Pedelec-Fahrer selbst - oder verbotenerweise ihre Mitfahrer - zu Schaden - insgesamt 190 von Januar bis Mai. Eine Person kam dabei ums Leben, 47 wurden schwer verletzt, 142 erlitten leichte Verletzungen. Alles in allem stieg die Zahl der auf einem Pedelec verunglückten Personen im Vergleich zum Frühjahr 2019 um etwa 52 Prozent an.

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E-Bike ist nicht E-Bike: Pedelec, S-Pedelec und E-Bike

Unter dem Begriff "E-Bike" werden meistens alle Elektro-Fahrräder zusammengefasst. Die Mehrheit aller angebotenen Elektro-Fahrräder sind aber eigentlich Pedelecs, Pedelecs bieten nur dann Motorunterstützung, wenn der Fahrer mithilft und in die Pedale tritt. Erfolgt die Pedalunterstützung bis 25 Kilometer pro Stunde, gelten Pedelecs als Fahrrad und sind nicht zulassungspflichtig.
Speed-Pedelecs (S-Pedelecs) können bis zu 45 Kilometer pro Stunde fahren und gelten als versicherungspflichtiges Kraftfahrzeug. E-Bikes sind rechtlich Leichtmofas, fahren ohne Pedalunterstützung und benötigen auch ein Versicherungskennzeichen. Dieser Beitrag thematisierte die bis 25km/h unterstützten Pedelecs.

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ADFC: Anfänger sind anfälliger

Für Unfälle mit dem Pedelec seien insbesondere Anfänger anfällig, erklärt Radfahrlehrerin Christine Rhodes vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad Club (ADFC) Hessen. Sie würden sich oftmals nicht mit der neuen Bremstechnik vertraut machen, die Fahrräder in dieser Preisklasse vorweisen.

"Wenn man das mit dem Autoverkehr vergleicht, ist es so, als würden sie von einer gemütlichen Familienkutsche auf einen Sportwagen umsteigen und meinen, der Sportwagen würde auch bei gleicher Geschwindigkeit ganz genauso reagieren wie der Kleinwagen", so Rhodes. Wer bei der schnelleren Geschwindigkeit genauso beherzt zugreife wie zuvor, neige dazu, die Bremskraft nicht halten zu können. So komme es dann schnell zu Unfällen.

Um die neue Bremstechnik der Pedelecs kennenzulernen, rät Rhodes zu Fahrtraining - in einem Kurs oder alleine auf einem möglichst weitläufigem Parkplatz.

Bergauf-Geschwindigkeit wird unterschätzt

Auch das höhere Gewicht von sechs bis acht Kilogramm sei eine Umstellung für viele Radfahrer. Da Akku und Motor oftmals am Gepäckträger befestigt seien, kippe das Rad leichter, beispielsweise beim Auf- und Abstieg. Vielen älteren Pedelec-Fahrern mangele es zudem an der nötigen Beweglichkeit für den Schulterblick oder das Handzeichen.

Autofahrer würden außerdem oftmals beim Abbiegen die Geschwindigkeit von Pedelec-Fahrern unterschätzen, die bergauf fahren. Im Straßenverkehr könnten Unfälle auch vermieden werden, wenn in allen Fällen beim Überholen der Mindestabstand von 1,50 Meter zum Fahrrad eingehalten würde.

Sendung: hr-fernsehen, maintower, 03.06.2020, 18 Uhr