Zugbegleiter vor einem ICE

Neben Beleidigungen und Beschimpfungen sieht sich das Zugpersonal in der Pandemie vermehrt auch Morddrohungen ausgesetzt - und fast immer geht es um die Maskenpflicht. Eine hessische Eisenbahngesellschaft schlägt jetzt Alarm.

Videobeitrag

Video

zum Video Maskenverweigerer mit Morddrohungen gegen Zugpersonal

hs 1645
Ende des Videobeitrags

Beleidigungen und Beschimpfungen gehören mittlerweile schon zum Alltag von Zugbegleitern und Zugbegleiterinnen. In der Corona-Pandemie sei der Ton vor allem durch das Thema Maskenpflicht noch einmal deutlich rauer geworden - beobachtet jedenfalls die hessische Vias Rail GmbH, die Strecken im Odenwald und dem Rheingau betreibt. In letzter Zeit sei es sogar vermehrt zu Morddrohungen gekommen.

"Wir sind schockiert, dass die Hemmschwelle so weit gesunken ist, dass unser Zugpersonal nunmehr auch Morddrohungen erhält", schreibt der Betriebsrat in einem offenen Brief an die "Maskenverweigerer" und "Querdenker". "Verschonen Sie unsere Kollegen und Kolleginnen mit solchen Anfeindungen", heißt es in dem Schreiben.

Stimmung im zweiten Lockdown gekippt

Im ersten Lockdown habe das Vias-Personal sogar oft noch Lob und Solidarität erfahren. "Im zweiten Lockdown ist die Stimmung aber gekippt", schildert die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Sybille Diehl im Gespräch mit dem hr.

Dass Personal beschimpft, beleidigt und bespuckt wird, gehöre auf allen Linien mittlerweile schon zur Tagesordnung, sagt Diehl. In den Pendler-Zügen sei es besonders schlimm: "Es vergeht kein Tag, an dem nichts passiert." Morddrohungen seien aber eine neue Stufe der Eskalation.

Drohschreiben im privaten Auto

Das Personal bekomme Sätze zu hören, wie "Zieh weiter, sonst steche ich dich ab", "Ich mach dich platt, ich weiß wo du wohnst" oder "Halt die Fresse, sonst mache ich dich kalt wie den Typen an der Tankstelle" - eine Anspielung auf den tödlichen Angriff in Idar-Oberstein durch einen Maskenverweigerer. Eine Kollegin habe sogar einen Zettel mit einer Drohung an ihrem privaten Auto gefunden.

Sicher liege die zunehmende Aggression auch daran, dass die Menschen in der Pandemie generell schneller genervt und leichter reizbar seien, aber die Auswirkungen auf das Personal sind laut Diehl verheerend.

"Viele haben Angst"

Diehl, die auch Krisenberaterin, also so eine Art Kummerkasten für Kolleginnen und Kollegen ist, bekommt die angespannte Stimmung täglich hautnah mit: "Wir haben viele Frauen in den Zügen, die sind dann eingeschüchtert und ziehen sich zurück." Allein in der letzten Woche seien drei Kolleginnen auf sie zugekommen. "Viele schlafen schlecht und haben Angst, in den Zug zu gehen."

Audiobeitrag

Audio

Audioseite Morddrohungen: Vias-Betriebsrat schlägt Alarm

Ein Zug der Odenwaldbahn
Ende des Audiobeitrags

Dabei spiele nicht nur die tatsächliche Androhung von Gewalt eine Rolle, auch die alltäglichen Beleidigungen trügen ihren Teil zur Verunsicherung und zum Unbehagen des Personals bei. "Wenn sie jeden Tag Dinge hören wie 'du fette Sau', 'du Schlampe' oder 'du Hure', dann wirkt sich das auch auf ihr Selbstbewusstsein und ihre Selbstwahrnehmung aus."

Deswegen sei es sehr wichtig, dass die Betroffenen ihre Erlebnisse auch melden, so Diehl. "Redet darüber, lasst es raus!", rät sie ihren Kolleginnen und Kollegen.

Melde-App für Zugpersonal

Um das Ausmaß des Problems einmal in konkreten Zahlen festhalten zu können, entwickelt die Vias derzeit eine App, über die das Personal Vorfälle direkt melden kann. Die Daten würden dann in der Zentrale gesammelt und analysiert, sagt der Betriebsratsvorsitzende Thomas Pfeifer dem hr. Ab Januar soll die App zum Einsatz kommen.

Zudem wünscht sich Pfeifer in den besonders betroffenen Zügen eine Doppelbesetzung, damit die Kolleginnen und Kollegen nicht allein sind. Doch Pfeifer weiß auch: "Personal ist knapp, das Geld dafür auch."

In seinem Schreiben bittet der Betriebsrat deswegen auch andere Fahrgäste um Mithilfe: "Zeigen Sie Zivilcourage, wenn Sie so einen entwürdigenden Vorfall miterleben", heißt es dort. Natürlich solle sich niemand in Gefahr bringen, sagt Diehl. Aber man könne sich zum Beispiel als Zeuge zur Verfügung stellen.

Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen