Der Angeklagte (l.) zum Prozessauftakt vor dem Oberlandesgericht Frankfurt

Im Prozess um den qualvollen Tod eines jesidischen Mädchens im Irak hat die Verteidigung die Vorwürfe zurückgewiesen. Der Tod des Kindes könne auch auf eine Vorerkrankung zurückgehen, sagten die Anwälte des Angeklagten.

Vor dem Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt hat am Montag die Verteidigung eines mutmaßlichen Sympathisanten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) plädiert. Im Prozess um den Tod eines fünfjährigen Mädchens aus der Volksgruppe der Jesiden im Irak wiesen die Anwälte die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft zurück. Sie stellten indes keinen konkreten Antrag, sondern erklärten, sie legten das Schicksal ihres Mandanten in die Hände des Senats.

Mädchen erlitt tödlichen Hitzschlag

Angeklagt ist der 31-Jährige unter anderem wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Mordes. Taha Al-J. soll das fünfjährige Kind und dessen Mutter zwischen Juli und Sommer 2015 auf seinem Anwesen im Nordirak als Sklavinnen gehalten und misshandelt haben. Als Jesidinnen gehörten die beiden Gefangenen einer ethnisch-religiösen Minderheit an. Das Mädchen wurde bei sengender Hitze im Hof an ein Fenster gekettet, wo es einen tödlichen Hitzschlag erlitt. Die Bundesanwaltschaft bewertete dies in ihrem Plädoyer vergangene Woche als Körperverletzung mit Todesfolge.

Die Bundesanwaltschaft hatte eine lebenslange Haftstrafe und eine Schmerzensgeldzahlung an die überlebende Mutter gefordert. Zusätzlich solle die besondere schwere der Schuld festgestellt werden. Eine Haftentlassung nach 15 Jahren wäre damit ausgeschlossen. Die Anklage sieht es nach eigenen Angaben als erwiesen an, dass Taha Al-J. die Fünfjährige bei Gluthitze im Hof seines Hauses ankettete, um sie zu bestrafen. Das Mädchen soll sich zuvor auf seiner Matratze eingenässt haben. Die Mutter musste den Angaben des Gerichts zufolge 30 Minuten im Hof barfuß bei 50 Grad im Schatten draußen verbringen. Ihre Füße verbrannten.

Mutter des zu Tode gekommenen Kindes als Nebenklägerin

Die Mutter, die mit einem ihrer Söhne in Deutschland lebt, tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Ihre Vertreter hatten gefordert, die Tat als Mord einzustufen. Der IS habe mutmaßlich auch den Vater der Fünfjährigen ermordet, er sei verschollen, ebenso wie ein Sohn der Familie, hatten die Anwälte in ihrem Schlussplädoyer erklärt.

Die Richter müssen die Frage beantworten, ob es sich bei der Tötung des Mädchens um einen Völkermord im juristischen Sinne handelt - dass das Mädchen also sterben musste, weil es den Jesiden angehörte, die Taha Al-J. stellvertretend für den IS auslöschen wollte.

Verteidigung: Mit IS-Ideologie nichts zu tun

Die Verteidiger erklärten in ihrem Plädoyer, für ihren Mandanten sei die Mutter des Mädchens eine Haushaltshilfe gewesen - mit dem organisierten Vernichtungsfeldzug des IS gegen die Jesiden habe er nichts zu tun. Der Tod des Mädchens könne auch auf eine Vorerkrankung zurückgehen. An hohe Temperaturen seien die Kinder im Irak gewöhnt. "Der Tod des Kindes war ein schrecklicher Unfall, den er bestimmt nicht gewollt hat", sagte der Verteidiger. Unmittelbar danach habe man sich um medizinische Versorgung bemüht.

Gleich mehrfach bemühten sich die beiden Verteidiger, ihren Mandanten von jedweder islamistischer Ideologie fernzuhalten. Er sei im Grunde ein "Schürzenjäger, der weit mehr Interesse an Frauen als am politischen Geschehen hatte".

Ex-Frau des Angeklagten zu zehn Jahren Haft verurteilt

Der 31-Jährige war nach islamischem Recht mit einer Deutschen verheiratet, seine ehemalige Frau Jennifer W. wurde im Oktober vom OLG München zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Mit der Deutschen habe er sich vor allem deshalb zusammengetan, "weil sie für ihn eine Exotin war und nicht ins Bild einer irakischen Frau gepasst hat", erklärten die Verteidiger. Im gemeinsamen Haushalt habe er mit harter Hand gegen die Sklavinnen durchgegriffen, um seine stark ideologisierte Frau bei Stimmung zu halten. Vor der Medienberichterstattung über sie sei er in der Öffentlichkeit völlig unbekannt gewesen. Gegen die Anklage spreche auch der Umstand, dass Taha Al-J. niemals an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligt gewesen sei.

Der 31-Jährige steht seit April vergangenen Jahres vor Gericht, er war im Mai 2019 in Griechenland festgenommen und einige Monate darauf nach Deutschland ausgeliefert worden. Die Urteilsverkündung ist für Dienstag kommender Woche vorgesehen.